Sprechstunde beim Puppendoktor

Der Arzt: „Ich komme selbst vom Notarzt, war gestern noch im Krankenhaus“, sagt Geier. Hoher Blutdruck war der Grund. Die Gesundheit ist der Hauptgrund, dass Geier aufhört.

Er trägt ein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck Notarzt. Wie wird man eigentlich Puppendoktor? Geier, der bei Bamberg lebt, hat in Erlangen Schneider gelernt, dann ein Praktikum bei einem der damals noch häufigeren Puppendoktoren gemacht. Seither verarztet er die scheinbar leblosen Lieblinge der Menschen in ganz Deutschland. Rund 50 000 Kilometer fährt er im Jahr, stets mit 15 000 Ersatzteilen im Auto.

„Man kann den Puppen und den Menschen helfen“, bringt er den Reiz seines Berufs auf den Punkt, den er nun schweren Herzens aufgibt.

Die Puppen: Eine Puppenmanufaktur gibt es nicht mehr in Deutschland, bedauert Geier. Die meisten seiner Patienten an diesem Tag in Bischofsgrün sind Schildkröt-Puppen, etwa 50 bis 80 Jahre alt. Neuere Puppen, die in der Regel aus Fernost sind, finden kaum den Weg zu ihm. Zu billig, eine Reparatur lohnt oft nicht. Einmal hatte er eine solche Puppe: „Die war mit Glasfaser gefüllt“, sagt Geier entgeistert, „ich habe sofort die Verbraucherzentrale informiert, aber die haben sich nicht zurückgemeldet.“

Die Puppenmütter: Elisabeth Hedler aus Bischofsgrün ist eine typische Kundin. Sie bringt ihre eigene Kindheitspuppe. Jahrzehntelang war sie im Haus ihrer Eltern – aus den Augen, aus dem Sinn. „Zum 60. Geburtstag hat mein Bruder sie mir mitgebracht. Da habe ich mich ewig gefreut.“ Nun bekommt sie in Elisabeth Hedlers Heim einen Ehrenplatz.

Die Operationen: Zumeist muss Geier die Gummikordeln im Innern der Puppe erneuern. Im Lauf der Jahrzehnte leiert der Gummi aus oder reißt, die Gliedmaßen hängen locker oder sind ab. Mit wenigen geübten Griffen zieht Geier eine neue Gummikordel ein, die er von einer großen Rolle abschneidet. Eine andere Bischofsgrünerin bringt eine Trachtenpuppe aus dem Schwarzwald, „1971 in unserem ersten Urlaub gekauft“. Sie hat zuletzt den Kopf hängen lassen, mit neuem Gummi hält sie sich wieder aufrecht.

Seltener kommt es vor, dass einer Puppe neue Augen eingesetzt werden müssen, oder die Augenlider nicht mehr öffnen oder schließen. Löcher verschließt Geier zunächst mit einem elastischen Vlies von Hartmann, einer Firma, die auch Verbandsmaterial für Menschen herstellt. Seine wichtigsten Werkzeuge: Pinzetten und Zangen in unterschiedlichen Größen, Feile, Säge – „wie beim Chirurgen“, so Geier. Eines kann der Puppenarzt nicht: Einer alten Puppe die Stimme wiedergeben. Schon früher gab es Puppen, die „Mama“ sagen konnten. Doch der Körper, der die entsprechende Mechanik im Innern enthielt, wurde in aller Regel im Verlauf der Produktion verschlossen.

Die ungewöhnlichsten Puppen: Die älteste Puppe in Bischofsgrün an diesem Tag ist rund 100 Jahre alt. Eine „Dream Baby“ mit Kopf aus Biskuitporzellan. Der Kopf ist zerbrochen, wenngleich das Gesicht intakt geblieben ist. Geier muss die Besitzerin, eine Frau aus Goldkronach, enttäuschen: „Das kann man nicht kleben. Schade. Wenn sie intakt wäre, wäre sie rund 800 Euro wert.“ Geier hat schon Puppen aus Australien und Neuseeland verarztet, „da hat das Porto mehr gekostet als die Reparatur.“ Die seltenste Puppe, die er jemals in Reparatur hatte, war das „Kaiserbaby“, eine Puppe von Kaiser Wilhelm II. als Säugling. Der letzte deutsche Monarch fand sich unvorteilhaft wiedergegeben, erkannte auf „Majestätsbeleidigung“, die Figur wurde eingezogen und vernichtet. Nur wenige Exemplare überlebten das kaiserliche Puppengemetzel.

Ein Herz für Kinder: Für das gleichnamige Hilfswerk hat Geier im Lauf der Jahre einen fünfstelligen Spendenbetrag generiert. Das hat ihm Begegnungen mit vielen Prominenten eingebracht. Guido Westerwelle („war sehr puppenbegeistert“), die Klitschkobrüder („sie waren überrascht: ’Puppendoktor – so was gibt es in der Ukraine nicht’“), Auma Obama. Ein Foto zeigt ihn mit einer aufgestylten Sophia Thomalla im Arm. „Aber meine Lieblingspuppe sitzt da hinten“, sagt Geier und deutet auf seine Frau.

Die Nachfolge: Ist ungeklärt. Dabei hätte er eigentlich eine Nachfolgerin gehabt. Eine hübsche junge Frau, Laura. Sie begleitete ihn ein paar Monate, Geier wollte trotzdem nicht recht glauben, dass sie ernsthaft in seine Fußstapfen tritt. „Sie ging in die Stadt, kam nach einer Stunde zurück. Und zeigte mir ihr Tattoo: „Puppendoktor Günter Geier“. Ein Happy End gab es trotzdem nicht. Sie wurde schwanger, wollte zwei Jahre später durchstarten. „So lange kann ich nicht mehr machen“, sagt Geier: „Was mache ich nun mit meinen 15 000 Ersatzteilen?“

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