Spektakuläre Schauvorlesung der Materialwissenschaftler

Es war in der Tat großes Kino, was 35 Mitarbeiter des Lehrstuhls Metallische Werkstoffe am Freitag im Hörsaal 32 der Fakultät für Ingenieurwissenschaften zeigten: raufende Ritter, schwitzende Schmiede und eine bibbernde Braut lüfteten vor gut und gerne 300 Zuschauern diverse Geheimnisse der Physik und machten auf diese Weise Werbung für das Ingenieurstudium.

Lehrstuhlinhaber Uwe Glatzel weist auf den Schau-Charakter des Abends hin: „Wir könnten mehr Studierende vertragen und möchten vor allem Schülerinnen und Schüler für unser Studium begeistern.“ Aktuell gibt es etwa hundert Erstsemester bei den Ingenieuren und knapp 50 Studierende der Materialwissenschaften in Bayreuth. Gerade der zweite Studienbereich sei enorm wichtig, sagt Glatzel: „Wir brauchen permanent neue Werkstoffe, um effizientere Maschinen herzustellen. Kaum jemand weiß das: 70 Prozent aller Produkte basieren auf neuen Werkstoffen!“ Ein Beispiel, das in Oberfranken praktisch jeder kennt, ist das moderne Bierfass – ein Behälter aus Edelstahl (Wandstärke ein Millimeter) wird von einer dicken Dämmschicht aus Polymeren umgeben. Wer beim nächsten Feierabend-Seidla einmal darüber nachdenkt, wird schnell erkennen, dass die Jahrtausende alte Braukunst ohne moderne Werkstoffe nicht mehr auskommt.

Superelastische Drähte

Auch Nichttrinker begegnen in ihrem Alltag Werkstoffen, denen das Prädikat „super“ vorangestellt werden kann: Superelastische Drähte halten das Brillengestell auf den Ohren und sorgen als Zahnspange für ebenmäßiges Lächeln. Die moderne Medizin ist ein dankbarer Abnehmer solcher Werkstoffe: Der Bohrer des Zahnarztes ist aus einem besonderen Metall, das zugleich scharf und elastisch ist. Auch Stents, mit denen Ärzte bei Herzpatienten verstopfte Adern dehnen, wurden von Materialwissenschaftlern entwickelt.

Kaum jemand macht sich Gedanken über die Funktionsweise der Akkus in elektrischen Geräten. Die Bayreuther Wissenschaftler basteln bei der Schauvorlesung aus Zitronen und ein paar Drähten aus Kupfer und Zink eine urtümliche Batterie. Die liefert tatsächlich Strom, aber der Zinkdraht verbraucht sich mit der Zeit. Der Physiker freut sich über einen „positiven Effekt der Korrosion“. Der Laie wundert sich, weil er die Dimension des Rostfraßes nicht überblickt. Uwe Glatzel: „Der Verlust durch Korrosion beträgt pro Jahr etwa vier bis fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Europa. Könnten wir die Korrosion von Stahl verhindern, könnten wir jedes Jahr Griechenland und ein oder zwei Banken retten.“

Luftgitarre spielende Nerds

So vergehen gute zwei Stunden auf höchst unterhaltsame und lehrreiche Weise, die Besucher bestaunen den Druiden Schmiedus sowie Luftgitarre spielende Nerds und dürfen auch noch ein paar Szenen aus dem zweiten Teil der „Terminator“-Filmreihe genießen. Flüssiges Metall gibt es tatsächlich; es ist nur etwa eine Stunde von Hollywood entfernt im Caltech-Labor erfunden worden. Wer genau aufpasst, wird in vielen Science-Fiction-Filmen Anspielungen auf moderne Werkstoffe finden, sagt Uwe Glatzel: „Aber von Raumschiffen, die durch die Sonne fliegen können, sind wir noch weit entfernt.“

Nicht bewertet

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