"Sozi" live: Schüler treffen Politiker

Gut 200 Schüler aus fünf Klassen und den Kursen Geschichte und Sozialkunde wollten in dieser Woche ihre politischen Vertreter in Berlin und München kennenlernen. Und ihnen Fragen stellen. Eine der drängendsten lautete: „Ist Ihr Beruf familienfeindlich?“ Denn im 19. Deutschen Bundestag beträgt der Frauenanteil nur noch rund 31 Prozent. Den Rest der 709 Sitze belegen Männer.

AfD - eine Männerpartei?

Dass die AfD, die erstmals ins Parlament eingezogen ist, darauf einen gehörigen Einfluss habe, davon ist Anette Kramme (SPD) überzeugt. Denn in der AfD seien Frauen unterrepräsentiert, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Tatsächlich sind nur zehn von 94 AfD-Abgeordneten Frauen. Deren Abgeordneter Tobias Peterka erwiderte: „Das mag daran liegen, dass alle in unserer Partei viel Gegenwind erfahren.“ Das Risiko sei da manchen Frauen womöglich zu hoch. Und das war nicht der einzige Schlagabtausch zwischen der angriffslustigen Kramme und dem wortgewandten AfD-Nachwuchspolitiker.

Politik - familienfeindlicher Beruf?

Er ist von Beruf Jurist wie Kramme und die Mitdiskutanten Peter Meyer (FW) und Silke Launert (CSU), die anderen sind Lehrer (Christoph Rabenstein, SPD), Politikwissenschaftlerin (Lisa Badum, Grüne) und Betriebswirt (Thomas Hacker, FDP). Ein Leben mit Kindern sei für einen Berufspolitiker schwer organisierbar, meint Kramme. „Objektiv ist der Partner alleinerziehend, denn unsere Hauptarbeitszeit ist am Abend und an den Wochenenden.“

Launert findet dagegen, dass „alles machbar“ ist. Frauen seien oftmals „fleißiger und pflichtbewusster“ als Männer, hätten die besseren Noten in Schule und Studium. Warum sollten sie also nicht auch Karriere machen? „Heute ist es selbstverständlich, dass Mütter arbeiten. Als Abgeordnete habe ich es sogar leichter als zu meiner Zeit als Richterin, weil ich flexibler bin.“ Badum ermutigt die Schüler, zu ihren Interessen zu stehen: „Macht später das, was euch interessiert. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich einmal Abgeordnete werde.“

Messerscharfe Fragen

Moderatorin ist Fachbereichsleiterin Maresa Olschner. Sie trägt die Fragen der Jugendlichen vor, die zuvor im Unterricht gesammelt wurden. Die Kollegen stehen hinten im Saal, einige Schüler lehnen an den Wänden, um besser zu sehen. Auch aus ihrem Kreis kommen messerscharf formulierte Fragen. So will zum Beispiel Tim Rüschen aus der ersten Reihe wissen, warum ein AfD-Politiker Türken als „Kümmelhändler“ und „Kameltreiber“ beschimpfe. Er hat noch mehr Zitate parat, etwa von Alexander Gauland über „nationales Gedenken“. Petereka verteidigt Parteifreund Gauland, von André Poggenburg – mittlerweile zurückgetreten – distanziert er sich. Aber es kommen Nachfragen, bis sich Peterka „bewusstes Falschverstehen“ verbittet. Das bringt die Vertreter von SPD, FDP und Freien Wählern in Rage.

Waffenexporte an Diktatoren

Sehr gut vorbereitet ist auch Schüler Sinan Kücükvarda, der aus dem Godesberger Programm der SPD zitiert. Die SPD habe sich weit davon entfernt, sei weder pazifistisch noch eine Volkspartei. „Die SPD stimmt jedem Krieg und jeder Waffenlieferung zu. Dass das ja die Union so will, ist für mich keine Entschuldigung“, hält Sinan den SPD-Vertretern schonungslos vor. Da muss selbst die redegewandte Anette Kramme kurz überlegen, bis sie zu einer Antwort ansetzt. „Unser Handeln war in den vergangenen vier Jahren nicht glaubwürdig“, räumt sie ein. Warum Waffen nach Syrien über die Türkei exportiert würden, will Otto Purucker wissen. Für einen „Skandal“ hält dies übrigens ebenso Lisa Badum.

"Es geht immer um Mehrheiten"

Die Türkei sei ein Nato-Partner, so Kramme, als Staatssekretärin Mitglied der geschäftsführenden Regierung. Über die internationalen Beziehungen entscheide nicht Deutschland allein. Sie erklärte, dass es in der Politik immer um Mehrheiten geht. „Man muss als Außenpolitiker auch mit Diktatoren reden.“ Darum sei sie nie an Außenpolitikerin geworden. Zum Thema Lobbyismus durch Großkonzerne hakt auch Christian Kollbeck unerschrocken nach. Zeit für Hobbys? Was ist Heimat für Sie? Nach über zwei Stunden haben Zuhörer wie Gäste viel übereinander gelernt. So macht Politikunterricht Spaß.

Nicht bewertet

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