Smart TV: Sie wissen, wer du bist und was du wann guckst

Es klingt so schön bequem: Die Fernbedienung für den Fernseher ist mal wieder in einer Couch-Falte verschwunden – macht nichts, einfach dem Gerät sagen, dass es nun den Sender ändern oder ins Internet gehen soll. Kein Problem etwa bei den Geräten mit Smart TV von Samsung. Anfang der Woche warnte nun der Hersteller selbst, mit der Spracherkennung könnten auch Gespräche im Raum abgehört und gar aufgezeichnet werden. Auch, wenn Samsung wenig später zurückruderte, die Aufregung war groß: Wie, mein Fernseher hört mich ab?

Um ehrlich zu sein: Es ist noch schlimmer: Smart-TV-Geräte können nicht nur abhören, sondern auch noch ganz andere Überwachungsmechanismen ausspielen. Theoretisch – denn ob das praktisch genutzt wird, ist freilich nicht zu beweisen. Das Thema ist jedoch nicht neu.

2012 machen Forscher auf Überwachungsproblem aufmerksam

Möglich macht das Ausspionieren vor allem eine neue Funktion namens Hybrid Broadcast Broadband TV (HbbTV) in Smart-TV-Geräten, die beispielsweise Informationen zum laufenden Programm oder weitere Folgen einer Sendereihe aus der Mediathek zur Verfügung stellen kann. Viele öffentliche und private Sendeanstalten bieten Zuschauern so verschiedene interaktive Zusatzfunktionen. Die weitaus umfassenderen Informationen zu Seh- und auch Surfverhalten, denn das Smart-TV-Gerät ist ja ständig mit dem Internet verbunden, bekommen dabei die Sender, die Informationen für die Hersteller sind vergleichsweise harmlos.

 Informatiker der Technischen Universität Darmstadt haben bereits in zwei Studien 2012 und 2014 gezeigt, dass Sendeanstalten das Nutzerverhalten ihrer Zuschauer mit internetfähigen TV-Geräten mit dem neuen Standard HbbTV ohne deren Wissen auswerten können. Die Forscher stellten ihre am Center for Advanced Security Research Darmstadt (CASED) entstandene Arbeit auch schon beim Deutschen IT-Sicherheitskongress des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik vor.

Der Leiter der Studien, Marco Ghiglieri, ist inzwischen auch bei Sendern und Kollegen international gefragt. Anfang Januar hielt er bereits zum zweiten Mal einen Vortrag zum Thema bei einer Fachkonferenz (Consumer Communications & Networking Conference) in Las Vegas. Diese Konferenz nutzt Synergien der weltgrößten Konsumentenmesse Consumer Electronics Show (CES) ebenfalls in Las Vegas.

 „Nutzer-Informationen sind datenschutzrechtlich bedenklich“

In Deutschland werden bis 2016 voraussichtlich über ein Drittel aller Haushalte einen HbbTV-fähigen Fernseher nutzen. Die Nutzer dieser Geräte sehen in der Regel eine eingeblendete Information, dass der Sender Zusatzinformationen anbietet. Wer interessiert ist, kann diese über eine Taste auf der Fernbedienung abrufen. Hier fängt das Problem schon an, erklärt Ghiglieri: „Was die Nutzer nicht wissen: Der Fernseher kommuniziert bereits bei der Senderwahl mit dem Server der Sendeanstalt. Von vielen Sendern empfängt er mehrmals pro Minute Inhalte, überträgt aber auch Nutzungsdaten, ohne dass der Zuschauer HbbTV aktiv durch Drücken des entsprechenden Buttons nutzt.“

Dass die so gewonnenen Informationen datenschutzrechtlich durchaus bedenklich sind, darauf machten die Darmstädter Forscher schon damals aufmerksam. Die Daten geben durch die Kombination von Fernseh- und Internet-Nutzung schon ein recht genaues Profil ab: Die Sendeanstalten wissen durch die IP-Adresse, wo der Haushalt ist, was dort wann geguckt wird und was übers Internet beziehungsweise wann man dort surft.

Besonders kritisch werde es dann, so Ghiglieri, wenn die Daten mit umfassenden Tracking-Werkzeugen wie Google Analytics verbunden werden, die detaillierte Nutzeranalysen erzeugen oder einer Webcam am Gerät. Auch müsste das Abgreifen der Daten bei der Übermittlung durch Dritte verhindert werden.

Für die Sender wäre personalisierte Werbung möglich

Für die Sender ist dies attraktiv, weil sie in Zukunft so nicht nur regionale Einschaltquoten ermitteln, sondern eigene Werbung (nach dem Amazon-Prinzip „Nutzer, die dieses Buch kauften, kauften auch...“) oder gar personalisierte Werbung entweder direkt oder beim Video-on-Demand-Angebot einspielen könnten. Auch komplett eigene Angebote als Smart-TV-App sind machbar. Bei der RTL-Mediengruppe (Vox, alle RTL-Sender) wird hiermit schon auf Hochtouren experimentiert, hier liegt nach Vorbild von Facebook im Bereich der sozialen Netzwerke ein neues, millionenschweres Geschäftsfeld.

Gleichzeitig können die Nutzer selbst interaktiv tätig sein, wenn sie möchten und beispielsweise Kommentare zu einer Sendung live via Twitter und Facebook zurückspielen – und der jeweilige Sender kriegt es direkt mit, eine bessere Nutzerbindung noch als bei Social TV, wie es etwa die ARD schon länger mit dem „Tatort“ praktiziert.

Verteufeln möchte Ghiglieri die neuen Möglichkeiten aber nicht, denn Nutzeranalysen dienten ja in der Regel der Verbesserung des Angebots für den Verbraucher. Er macht aber auf zwei gravierende Probleme aufmerksam: „Erstens sind die Nutzer nicht darüber informiert und können dahingehend vielleicht auch nicht der Überwachung beziehungsweise Analyse zustimmen. Und es ist auch nicht in deren Bewusstsein. Früher haben Sie einen Fernseher gekauft und alles, was Sie brauchten, war ein TV-Signal – fertig. Heute kaufen Sie ein Smart-TV-Gerät, wissen zwar grob, dass das noch mehr kann als nur TV, nutzen ihn aber in der Regel noch genauso wie den alten Fernseher vor fünf Jahren. Das Problem fängt dann schon bei der Installation an, für die Sie 20 Minuten brauchen. Denn der Fernseher muss mit dem Internet verbunden sein. Dass er das die ganze Zeit ist und allein dadurch potenziell Daten sammeln kann, auch im Standby-Zustand, ist den Leuten nicht klar. Und es gibt keine Einwilligung dazu, dieses Stadium kennt und regelt auch ein Telemediengesetz nicht. Wenn man das nicht will, kann man nur generell die neuen Funktionen abschalten, diese aber eben auch nicht selbst nutzen.“

Problem ist die Verknüpfung mit anderen „schlauen“ Geräten

Zweitens liege eine weitere Gefahr in der Verbindung mit anderen smarten Geräten im Haushalt, erklärt Ghiglieri, der nicht nur zu Smart TV, sondern generell zu Sicherheit und Datenschutz im Bereich Smart Home forscht: „Heute reden wir über Fernseher, morgen über entsprechende Uhren, Lampen und den gern zitierten intelligenten Kühlschrank, der automatisch Waren selbst nachbestellt. Wenn diese Geräte erst einmal alle in einem Haushalt eingesetzt und miteinander über WLAN verbunden sind, kann man noch viel mehr über den oder die Nutzer in diesem Haushalt herausfinden.“

Überwachung ist ein böses Wort: Die Sender sind sensibel für die Problematik und haben längst Kontakt mit den Forschern aufgenommen. Die deutsche TV-Plattform ein Zusammenschluss von Sendern, Forschungsinstitutionen und Elektronik-Herstellern, hat sich 2014 eine freiwillige Selbstverpflichtung gegeben, um einen Minimal-Datenschutz einzuhalten. Darin heißt es unter anderem: „Eine Profilbildung über das individuelle Fernsehverhalten ist ohne Information und Einwilligung der Zuschauer unzulässig. Darüber hinaus müssen Smart-TV-Geräte, die HbbTV-Angebote der Sender sowie sonstige Web-Dienste über sicherheitstechnische Mechanismen verfügen, die die Geräte und den Datenverkehr vor dem Zugriff unbefugter Dritter schützen.“

Auch an der Weiterentwicklung von HbbTV und den dazugehörigen Apps ist die deutsche TV-Plattform beteiligt. Zudem gibt es ein gemeinsames Positionspapier aller Datenschutzbeauftragten der Länder und der Anstalten („Düsseldorfer Kreis“).

Smart TV könnte die Fernsehforschung vereinfachen

Neben den ganzen möglichen Orwell'schen Horrorszenarien liegt ein Vorteil von Smart TV über HbbTV klar auf der Hand: Es könnte die bisherige Fernsehforschung revolutionieren und vereinfachen. Bisher werden Informationen über Zuschauerverhalten von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg erfasst. Entsprechende Daten werden von den Fernsehsendern gekauft und noch mal in eigenen Forschungsabteilungen analysiert und weiterverarbeitet. Zwischen 3000 und 5000 Haushalte sind schätzungsweise in Deutschland an das Messsystem der GfK angeschlossen, die genaue Zahl ist nicht bekannt. Darüber hinaus ist die gesamte Ortschaft Haßloch GfK-Testgebiet für die Wirkung von Fernseh-Werbung.

Über das Fernsehverhalten dieser Haushalte werden die sogenannten Einschaltquoten ermittelt und hochgerechnet, es handelt sich hierbei also um jeweilige Durchschnittswerte. Das macht die GfK-Fernsehforschung relativ teuer, mit HbbTV könnte es einfacher und kostengünstiger gehen. Bis jetzt sind laut Angaben des Statistik-Dienstes statista aber nur 5,2 Millionen Haushalte mit dem Standard ausgestattet. Allerdings gibt es eine starke Diskrepanz bei den Nutzungsarten. 2014 nutzte weniger als die Hälfte der Haushalte mit internetfähigem TV-Gerät das Smart-TV-Angebot. Und noch sind Smart-TV-Geräte auch nicht für Jedermann erschwinglich.

Nicht bewertet

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Kommentare

Können das nur Fernseher von Samsung?
Nee. Steht ja im Artikel. Alle HbbTV-fähigen Fernseher, elgal, welche Marke. Und die Daten kriegen dann auch eher die Sender, nicht unbedingt die Hersteller.
Smart Fernseher, dumb Programm. Ungünstige Kombination...
schöne neue Welt
Das Szenario ist doch "schon immer" real. Mikrofone und Kameras gibt es in Notebooks seit etwa 15 Jahren. Auch in Smartfones oder Handys ist/war das Szenario real.
Aber das gute daran ist man wird nicht gezwungen dies alles zu nutzen und man kann dies ,zwar nicht immer aber dennoch zum größten Teil deaktivieren .