"Siegfried": Alles nicht so einfach

Wie hat es Ihnen gefallen, fragte nach dem Schluss des ersten „Siegfried“-Aufzugs am Dienstag eine Dame im hinteren Parkett den neben ihr sitzenden Herrn. Ganz so, als ließe sich das jetzt auf dem Weg zum Ausgang kompakt und sinnvoll beantworten; genauso gut könnte man fragen: Wie finden Sie das Universum?, angesichts der Welten, die zwischen dem liegen, was Frank Castorf auf der einen und Marek Janowski auf der anderen Seite von diesem Stück wollen, was sie damit anstellen und wie gut dies jeweils glückt, dazu natürlich das Sängerensemble, das Orchester, die Statisterie, die technische Abteilung. Der Herr, nachdem er sich kurz vom Schock der Frage erholt hatte, gab klug und schlagfertig die einzig mögliche Antwort, indem er sagte: Ja, da muss man differenzieren.

Ideal besetzte Partien

Leicht macht es einem dieser „Siegfried“ wirklich nicht. Die Partien sind fast alle ideal besetzt, das Orchester folgt Dirigent Marek Janowski hellwach und konzentriert bei der Reise durch das Farbspektrum dieser Oper, Regisseur Frank Castorf ersetzt auch in diesem „Ring“-Teil wieder konsequent und durchaus schlüssig die Mythen der Vorzeit durch die Mythen der Gegenwart (oder das, was Castorf dafür hält), das Bühnenbild von Aleksandar Denic ist eines der beeindruckendsten in der Bayreuther „Ring“-Geschichte.

 

 

Aber die Art, wie Castorf Mime, Siegfried, Alberich und alle anderen Figuren durch die Handlung und auf der Bühne herum führt und sie immer genau das Gegenteil von dem tun lässt, was das Libretto vorschreibt, aber ohne für die dramaturgischen Probleme des Stücks – seine Länge und seine Längen – eine Lösung zu finden: Das macht die Angelegenheit zäh und mühsam. Und so passiert es, dass man als Zuschauer nach dem Schlussapplaus – und zwar nicht aus Ratlosigkeit, sondern in vollster Entschiedenheit – diesen „Siegfried“ gleichzeitig gut und nicht gut finden kann.

Gebrochene Erwartungen

Inzwischen, im fünften Jahr, hat Castorf ein paar Erwartungen doppelt gebrochen – indem jetzt auf einmal doch ein Speer zerbrochen wird und das frisch geschmiedete Schwert Nothung zum Abkühlen in einen Wasserbottich gestoßen wird, was nur deshalb relevant ist, weil das Zischen auch in den Noten steht, bisher genau deshalb kein Wasserbottich, jetzt, da keiner damit rechnet, steht er da.

Man kann eine Oper auch durch diese Form der Renitenz lebendig halten. Und das ist ja nur die Hälfte der Wahrheit, denn am Abend der Premiere bekam die Vorstellung noch eine besonders körperliche Dimension. Auf der Bühne muss an diesem Abend ein Schwert geschmiedet, ein Drache erschlagen, ein Schmied niedergestreckt, ein Speer zerbrochen und eine Frau gefunden werden, so steht es im Libretto.

Glück, keine Arbeit. Aber das muss man sich sagen

Aber das ist nichts gegen die Kämpfe, die die Zuschauer im Parkett und auch die Sänger auf der Bühne mit sich selbst ausfechten, denn es ist so heiß wie in den schlimmsten Klischees über das Festspielhaus. Es ist schon nach den ersten fallenden Fagott-Septimen nicht mehr allzu viel Sauerstoff in der Luft, das sind die Momente, in denen man sich als Zuschauer mit aller Kraft vergegenwärtigen muss, was es doch für ein Glück ist, jetzt hier sein zu können, und nicht irgendwas anderes, am Ende sogar: Arbeit.

Genau so war die Musik gemeint

Musikalisch gerät der Abend wie aus dem Bilderbuch. Was die Musik angeht, ist „Siegfried“ eine komponierte Wanderung aus der Dunkelheit ins Licht. Es beginnt bei Nacht, die ersten Töne, fallende Septimen zweier Fagotte, eine Klangfigur aus zwei Tönen, aber der zweite kommt nicht ans Ziel, auch nicht beim zweiten oder dritten Versuch, was klingt und in etwa auch ähnlich zufrieden macht wie Magenknurren, das alles in buckligem b-Moll über leise tremolierenden Pauken, wer da nicht unruhig wird, hat keine Ohren. Das Ende ist strahlendes C-Dur, Fortissimo, es ist erst das dritte Mal in diesem „Ring“, dass Janowski die Kraft des Orchesters voll ausspielt – nach dem „Rheingold“-Finale und Wotans Abschied in der „Walküre“. Und abgesehen von ein paar wohl der Hitze geschuldeten Unkonzentriertheiten kann man sich vorstellen, dass diese Musik immer schon so gemeint gewesen ist.

Arbeit ist der Abend vor allem für die Sänger. Wer singt, singt lange, und um lange singen zu können, ist es notwendig, sich die Kräfte einzuteilen. Wie das geht, zeigen Andreas Conrad als Mime und Stefan Vinke als Siegfried in der ersten Szene, die beinahe Anlass zur Sorge war. Mime und Siegfried schienen sich die Partien auf merkwürdige Art zu teilen, Mime konzentrierte sich auf die Konsonanten, Siegfried auf die Vokale, der weitere, sehr souverän und mit breiten Stimmen bestrittene Abend machte das aber schnell vergessen.

Schöner geht es nicht

Für Catherine Foster geht mit dieser Saison das Kapitel „Brünnhilde in Bayreuth“ zu Ende – es kommt beinahe gar nicht vor, dass die sich über drei Opern erstreckende Partie gleich besetzt bleibt. Ihre Stimme klingt ausgeruht, ganz so, als hätte sie zwischen dem Ende der „Walküre“ und dem zweiten Teil des dritten „Siegfried“-Akts tief und ungestört geschlafen, sie hat sich auch die „Siegfried“-Brünnhilde über die Jahre voll und ganz zu eigen gemacht – die Angespanntheit ist einem genau richtigen Maß an Spannung gewichen. Und natürlich sind es dieselben Töne derselben Rolle mit derselben Phrasierung, aber gäbe es einen Weg, die Aufführungen übereinanderzulegen, würde der Unterschied mehr als deutlich werden. Wirkte das alles am Anfang noch ein wenig auswendig gelernt, ist es jetzt gelebt, und auch die Stimme ist jetzt da. Schöner wird es nicht mehr, weil es schöner nicht mehr geht.

Thomas Mayers rauer Bass braucht ein wenig, um in die epischen Töne der Wanderer-Partie hineinzufinden, man kann nicht sagen, dass er sich schont und direkt im Kräftemessen mit dem Orchester anlegt und dabei oft auch gewinnt, diese Partie aber, das merkt man schnell, singt sich nicht von selbst. In den übrigen Partien: Nadine Weissmann als überragende Erda, Karl-Heinz Lehner als Fafner, Albert Dohmen als Alberich, Ana Durlovsky als Waldvöglein.

Mount Rushmore als die dunkle Seite des Alexanderplatzes

Im Übrigen haben sich die Krokodile wieder vermehrt. Sechs sind es dieses Jahr, die über den Alexanderplatz kriechen, eines verschluckt traditionell den Waldvogel, und wieder wird in der Pause beim Champagner debattiert, ob die Echsen nun der Kapitalismus sein sollen oder vielleicht einfach nur Castorf selbst, und ob Erda (Nadine Weissmann) Wotan auf dessen Kommando „Hinab! Hinab!“ hin wieder an die Hose geht oder diesmal vielleicht doch nicht (die Antwort lautet: Doch, natürlich.)

Das war er also, der „Siegfried“ unter dem Mount Rushmore, mit den zweifelhaften Helden des Kommunismus, alles überragend in Stein gehauen, auf der einen Seite, und die mit weichem Licht idyllisierte hässliche Wirklichkeit des Ostberliner Alexanderplatzes auf der anderen.

Die Hinterlist der Musik

Moment mal: Könnte es sein, dass der Abend einfach nur um seiner Nachwirkung willen so gebaut war, wie er war, dass man nämlich das Festspielhaus verlässt und in dem Eintopf aus Gefühl, den man dann immer in sich trägt, eine Empfindung oben schwimmt, ganz im Gedanken an die sozialistische Vergangenheit, die Castorf da auf der Bühne feiert, nämlich: Schon auch gut, dass es vorbei ist? Ist das so? Und wenn es so ist, ist das dann besonders schlau oder eben ganz und gar nicht, weil das ja nun wirklich nicht der Zweck von Oper sein kann: froh zu sein, wenn man endlich durch ist?

Tja. Es ist kompliziert. Und heiß.

Und dann, nach dem überbordenden Schlussapplaus, verlässt man wirklich das Haus, immer noch weggeblasen vom Fortissimo-C-Dur-Schluss, beeindruckt von Kraft der Stimmen von Catherine Foster und Stefan Vinke im Schluss-Duett, amüsiert über die Krokodile und die Slapstick-Komödie, die Castorf aus der Wotan-Erda-Auseinandersetzung gemacht hat, auch wenn das Timing diesmal nicht hundertprozentig sitzt, überfordert von Castorfs Ansatz, den Stoff nicht nur auseinanderzubauen, sondern auch umzukehren, erstaunt von der Hinterlist der Musik, die sich ihre Wirkung auch von einem Profi-Zerleger wie Castorf nicht dekonstruieren lässt. Dann stellt man auch noch fest, dass die Abendhitze aus der zweiten Pause ersetzt wurde durch Regen. Und wenn jetzt einer fragte, wie es war, könnte es sein, dass die Antwort lautet: Ach, ist doch egal.

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