Sergeant Pepper wird 50

Das lange totgesagte Medium Langspielplatte erlebt seit einigen Jahren eine kleine Renaissance. In gutsortierten Läden für Unterhaltungselektronik gibt es wieder eine Nische mit LPs. Auch Plattenspieler werden wieder in allen möglichen Preislagen hergestellt. Das analoge Medium hat seinen besonderen Reiz im digitalen Zeitalter - und seine eigentümlichen Klangqualitäten. Hinzu kommt das LP-Cover, das im Gegensatz zur wesentlich kleineren CD-Hülle, ganz andere Möglichkeiten kreativer Gestaltung bietet. Vor 50 Jahren, am 1. Juni 1967, erschien eine Platte auf dem internationalen Markt, die laut der Zeitschrift «Rolling Stone» «dieLangspielplatte zu ihrer höchsten Entwicklungsstufe als künstlerisches Medium brachte».

Kreativer Höhepunkt

Wie zur Bestätigung dieser Aussage steht «Sgt Pepper's Lonely Hearts  Club Band» immer noch unangefochten an der Spitze der «Rolling Stone»-Rangliste der besten Rock- und Pop-LPs aller Zeiten. Das Album  markiert den kreativen Höhepunkt der bekanntesten Popband der Welt, der Beatles, und den Beginn einer neuen Ära der Musik, die nicht mehr länger leichte Unterhaltungskost für Teenager sein wollte - tanzbar, simpel, mit schlicht gereimten Versen um Liebesfreud und Liebesleid. Nach einer bahnbrechenden USA-Tournee verabschiedeten sich John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr im August 1966 vom lukrativen, aber auch frustrierenden Konzertbetrieb. Sie waren es leid, ständig ihr altes Repertoire zu reproduzieren und gegen die kreischenden Fanmassen anzuspielen.

Musikalische Wundertüte

Schon auf den LPs «Rubber Soul»(1965) und «Revolver»(1966) gab es Songs, die live nur schwer spielbar waren. Beim «Sgt. Pepper»-Album experimentierten sie unbekümmert mit allen möglichen neuen Aufnahmetechniken, mit einem ganzen Orchester, mit Chören, mit Geräuschen, mit einem überbordenden Instrumentarium. Produzent George Martin, oft auch als fünfter Beatle bezeichnet, tat als Ideengeber und Arrangeur seinen Teil dazu, aus «Sgt. Pepper» eine musikalische Wundertüte zu machen, wie sie die Welt noch nicht gehört hatte.

Zeit und Geld spielten bei der Produktion keine Rolle. Ganze vier Monate nahmen die Beatles das Abbey Studio in Beschlag, die Produktionskosten beliefen sich auf damals astronomische 50.000 Pfund. Ihre erste LP «Please Please Me» hatten sie noch binnen 20 Stunden für rund 400 Pfund eingespielt. «Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band» wird oft als Konzeptalbum bezeichnet, Tatsache ist aber, dass es kein durchgängiges Konzept gibt. Der Titelsong und seine Reprise als zweitletzter Take bilden eine notdürftige dramaturgische Klammer. Die fließende Überleitung zum zweiten Song des Albums, «With a Little Help From My Friends», gesungen von Ringo Starr, zeugt von der Idee, die Platte als Einspielung eines Sgt. Pepper und seiner Band erscheinen zu lassen, die aber nicht weiter verfolgt wurde.

Indische Philosophie

Die Songs in ihrer völligen Unterschiedlichkeit sind Ausdruck des bewegten Zeitgeistes in Swinging London und anderswo und der individuellen Temperamente der Beteiligten, inklusive noch recht frischer Drogenerfahrungen. «Lucy in the Sky with Diamonds» wurde als John Lennons Loblied auf LSD interpretiert, dabei behauptete er steif und fest, von einer Kinderzeichnung und den Gedichten von Lewis Carroll inspiriert worden zu sein.

George Harrison steuerte die Komposition «Within You Without You» bei, die von seiner Beschäftigung mit indischer Philosophie und indischer Musik zeugte. So spielte Harrison die Nummer überwiegend mit indischen Musikern ein. John Lennons etwas düstere Burleske «Being For The Benefit Of Mr. Kite!» mit ihrer surrealen Jahrmarkt-Atmosphäre konterte Paul Mc Cartney mit dem Gute-Laune-Song «It's Getting Better» und «Lovely Rita», der Hommage an eine Politesse, die Strafzettel verteilt.

Donnernder Schlussakkord

Zum Evergreen wurde Paul Mc Cartneys «When I'm Sixty Four», ein Schlager im Music-Hall-Stil der 20er-Jahre, der sogar der Elterngeneration der Beatles-Fans gefiel. Die bekam hingegen ihr Fett ab in dem Song «She's Leaving Home», einer Ballade über eine jugendliche Ausreißerin und ihre selbstgerechten Eltern. Die Platte endete mit dem komplexen Stück «A Day In The Life», zwei zusammengefügten Songfragmenten von Lennon und McCartney, die verbindende Textzeile «I'd love to turn you on» erregte Verdacht, zum Drogenkonsum aufzufordern, so dass der Song zunächst auf dem Index der BBC landete. Unvergesslich ist der auf drei Klavieren gleichzeitig gespielte donnernde Schlussakkord.

Schnurrbart zum Ausschneiden

Ungewöhnlich wie die Musik war auch die Hülle des Albums. Das Plattencover war ausklappbar. Auf der Innenseite waren die vier  Beatles im Brustbild in Fantasieuniformen zu sehen. Auf dem Cover waren sie ebenfalls in dieser Kostümierung zu sehen vor einem bunten Haufen von lebenden und toten Künstlern. Im Blumenbeet zu ihren Füßen war der Name «Beatles» zu lesen und auf einer Basstrommel der Titel des Albums. Erstmals in der Popgeschichte waren die Texte auf dem Cover abgedruckt, und einen Ausschneidebogen unter anderem mit Schnurrbart und Schulterstreifen gab es noch dazu.

Nicht bewertet

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