Sei bedankt, mein lieber Dino

Die Fahrt zum Jurassic Park führte über knapp 280 Kilometer Landstraßen und Autobahnen, durch zwei Staus, einen längeren auf der Autobahn und einen kürzeren in der Stadt, noch durch eine zeitraubende Polizeikontrolle, schließlich in die Suche nach einem Tiefgaragenstellplatz und ein Finale im Laufschritt, das uns dank der freundlichen Mitarbeiter des Nationaltheaters am Ufer der Moldau glücklich in eine Loge gelangen ließ. Schweiß von der Stirn wischen, hinsetzen - und sogleich ging es los mit dem Vorspiel des "Lohengrin".

So was entschleunigt aber auch

Nach all der Hektik Entschleunigung. Eine Punktlandung zum Vorstellgsbeginn. Eine Punktlandung für den Start in eine Zeitreise, ein halbes Jahrhundert zurück in die Theatergeschichte.

Wobei das mit dem Jurassic Park natürlich ein bisserl respektlos und überdies dem Wissen ums hohe Alter der Inszenierung geschuldet ist. Wenn man komplett ahnungslos angereist wäre, ohne Erinnerung auch an irgendwelche Fotos von Bayreuther Inszenierungen der 60er Jahre - dann hätte man den "Lohengrin" im Nationaltheater zu Prag in Zeiten der regietheatralen Dekonstruktion auch als avantgardistisch bezeichnen können. Wo sonst sieht man heutzutage so wenig Klimbim? Und wo so viel Konzentration aufs Wort und die Musik? Wenn man nicht ein halbes Jahrhundert und ein paar Zerquetschte alt ist, dann ist derlei erstmal ungewohnt. Und damit neu.

Vor allem im ersten Aufzug ist das richtig aufregend.

Die Konzentration auf Wort und Werk - das  freilich ist eine Angelegenheit der Inszenierung, die Wolfgang Wagner nicht ganz ein Jahr nach dem Tode seines Bruders Wieland in Bayreuth auf ein Achteck (keine Scheibe) stemmte. Also 1967, in seinem ersten Jahr als alleiniger Herrr des Grünen Hügels. In Prag war das gesungene Wort nun nicht in jedem Augenblick so ganz deutlich zu vernehmen, das Orchester war nicht immer auf der Höhe des Schaffens. Constantin Trinks hatte aber auch echt damit zu tun, das Blech zu bändigen. Bleiben wir also bei der Inszenierung.

Sehr konservativ, sehr unbewegt

Und da fällt nach dem ersten Staunen über die Strenge und Reduktion dann doch das Damalige auf, das übergroße Maß an Vorsicht. Wolfgang Wagner hatte nach eigenem Zeugnis Lohengrin als Sendboten einer höheren Macht (des Grals) zeichnen wollen, der in die Sphäre der Menschen gelangt, dort scheitert und konsequenterweise schließlich nirgendwo mehr zu Hause ist.

Nur zeigte er das so, dass auch die Darsteller des öfteren im Geschehen unbehaust wirken. Der Chor kommentiert wortreich wie bei den alten Griechen, zeigt aber auch in den emotionalsten Momenten keine Regungen. Telramund grüßt den König und holt zur Klage gegen Lohengrin aus, er tut dies jedoch stur und statisch nur zum Publikum, seinen Herrscher im Rücken.  Überhaupt interagieren die Protagonisten nur da, wo sie's müssen. Schwerthiebe kann man nun mal nicht frontal zum Parkett austauschen, man würde sich die Schulter auskugeln. Irgendwie wirkt das Ganze auf einmal wie ein Oratorium.

Die DNA aus Regiebüchern

Katharina Wagner hat den Dino der 67er Inszenierung aus der DNA von Regiebüchern und mit Hilfe von damals Beteiligten, aus Fotos und den Vorlagen der noch vorhandenen Kostüme wiederauferstehen lassen. Sie selber hat sich nicht verwirklicht, sieht man von Details ab wie den Selbstverletzungsversuchen der zunehmend verunsicherten Elsa. Warum aber tat die Festspielleiterin das alles? Warum betete sie eine alte Inszenierung nach, sie, die doch - siehe Bayreuths aktueller "Tristan" - gerne neue Wege beschreitet?

Wer hat Angst vorm deutschen Schwert?

Vermutlich, weil das tschechische Publikum einfach Wagner mag, wenn auch die technischen Voraussetzungen für eine zeitgenössische Inszenierungen nicht vorhanden sind. Das Publikum in Prag jubelte auch in unserer, der dritten Aufführung am Mittwoch. Es nahm nicht mal Anstoß an den Teilen des Textes, die einem deutschen Besucher einen Kloß in den Hals zaubern. Da wäre Heinrichs Drohung an des Reiches Feind aus seinem "öden Ost": "Für deutsches Land das deutsche Schwert."

Das deutsche Schwert: es hat die Tschechen vor 80 Jahren heimgesucht, eine Tat, die wahllose Vergeltung nach sich zog. Die Erinnerung ans große Unrecht scheint an diesem Abend noch blasser als die an Wolfgangs Inzsnierung, An diesem Abend klatschen tschechische und auch (gar nicht mal so wenige) deutsche Besucher gemeinsam und begeistert. "Die Leute hier lieben Wagner", sagte strahlend die Chefin der Prager Opern, Silvia Hroncová. Alle Vorstellungen seien schnell restlos ausverkauft gewesen. Der Meister, seine Familie, der Mythos Bayreuth - in Prag zieht die Mischung gewaltig.

Ein schönes Bild

Wir waren ja schließlich auch da. Und stellen fest: Es hat nicht weh getan, die Farben waren schön, das Bild des weißen Vogels (keine Projektion, sondern ganz nach dem Original tatsächlich eine Figur hinter Gaze), der seine Flügel hinterm frisch gelandeten Retter spreizte, war ganz wundervoll. Mein lieber Schwan!

Nachher konnte man in der lauen Sonnerluft spazieren gehen, der Hradschin schimmerte majestätisch überm Ufer der Moldau, über die Karlsbrücke schlenderten schöne, gut gelaunte Menschen, ist schon so, Prag und sein wundervolles Nationaltheater sind eine Reise wert. Und die Rückfahrt in den späten Stunden des Abends dauerte bei weitem nicht so lang wie die Hinfahrt.

Neben Ordtrud blasse Männer

Was noch zu berichten wäre: Ortrud und Lohengrin gefielen uns gut. Der Lohengrin wirkte zwar streng, Aleš Briscein erinnerte aber vom Gesicht her an seinen 67er-Vorgänger Sandor Konya und von der Stimme her - mit seinem schlanken, jugendlich lyrischen Tenor - an Klaus Florian Vogt. Eliška Weissovás Ortrud aber schmetterte sich eins, mit einem Selbstbewusstsein und einem Ausdruck, dass die Männer meist blass aussahen. Hohnlachend stirbt sie, irgendwie doch eine Gewinnerin. Das könnte Katharina Wagner ausnehmend gut gefallen haben.

Nicht bewertet

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