Schluss mit Bergsport

Große, rote Plakate decken die kleinen Fenster des Ladens fast ganz ab. Sie verkünden den Räumungsverkauf in einem Laden, der in Bayreuth und über die Grenzen der Stadt hinaus so etwas wie Kultstatus genießt. Das kleine Geschäft, eigentlich ein Kellerladen, das der Bergsportler Hermann Meyer Ende der 80er Jahre aufgemacht, und das Doris Bohrer (48) im Jahr 2009 von Hermann Meyer übernommen hatte, steht vor dem Aus.

In den ersten Jahren ging es steil bergauf

Doris Bohrer sagt, in den ersten zwei Jahren sei es "steil bergauf gegangen". Ausgehend von den Zahlen, die sie vom Geschäftsgründer kannte. "Zwei, drei Jahre hat sich das sehr gut gehalten. Aber dann ging es abwärts." Doris Bohrer hat ein schmales Angebot, speziell zugeschnitten auf Bergsportler, die auf Qualität setzen. Die aber mehr und mehr ins Internet abwandern. "Das nimmt immer mehr zu: Die Leute kommen rein, suchen, ziehen alles raus aus den Regalen, probieren durch. Und sagen dann, sie müssten noch überlegen. Im Geschäft sieht man sie nicht mehr. Aber irgendwann mit genau dem Teil, das sie probiert hatten, in der Stadt laufen", sagt Doris Bohrer. "Die ganz Dreisten kommen rein, zücken das Handy und sagen: die Jacke, die hier für 150 Euro hängt, habe ich im Netz für 95 Euro gesehen. Wenn du sie mir für 60 gibst, nehm ich sie mit. Da stehst dann schon da und überlegst, wann jetzt der Zug fährt."

Preise der Großen "kann ich nicht mitgehen"

Die Preise "der Giganten", wie Doris Bohrer die großen Internet-Sportläden nennt, "kann ich nicht mitgehen". Und es sei wahrscheinlich "auch bequem, daheim von der Couch aus zu bestellen. Selbst Bergsportler machen das so, das ist das Verrückte an der Geschichte", fügt ihr Mann Stefan Ries (47) an. Ries ist begeisterter Kletterer, hat Hermann Meyer schon kennengelernt, als der "noch Klettersachen daheim vom Sofa aus verkauft hat", sagt Ries. Als Meyer vor gut acht Jahren Ries bei einem Besuch im Geschäft gesagt hat, "er hängt jetzt ein Schild ins Fenster und geht in Ruhestand, habe ich gedacht: das wäre doch was für die Doris", sagt Ries.

Eine, die weiß, was die Leute brauchen

"Ich wollte damals was anderes machen - auch aus unserem Hobby heraus. Weil ich ja auch wusste, was die Leute brauchen. Und das ist nicht zwingend das, was die Werbung vorgibt", sagt Doris Bohrer. Zudem sei sie wie ihr Mann überzeugt gewesen: "Bayreuth braucht einen Kletterladen. Der nächste", sagt Ries, "ist in Betzenstein. Und das Geschäft hier war immer schon ein Szeneladen". Davon zeugt auch die selbstgebaute Kletterwand im hinteren Raum des kleinen Geschäfts, gebaut von Hermann Meyer. Zahlreiche Unterschriften nationaler und internationaler Kletterer sind darauf verewigt. "Die von Kurt Albert, beispielsweise. Oder von Jerry Moffatt, der den ersten Zehner-Grad in Deutschland eröffnet hat."

Arbeiten neben dem Laden

Doris Bohrer hat im April vergangenen Jahres wieder angefangen, halbtags in ihrem eigentlichen Beruf als Erzieherin zu arbeiten, nicht nur, weil der Laden nicht mehr so gelaufen ist wie in den Jahren zuvor. Dass sie jetzt zum Jahresende den Bergsportladen zusperrt, sieht sie mit gemischten Gefühlen. "Ich habe hier wirklich tolle Leute kennengelernt. Leute, die sich ihre Reisen ausstatten ließen, zum Beispiel." Weil sie nicht mit zu viel oder zu wenig losziehen wollen. "Es macht unheimlich Spaß, Kletterer zu beraten." Oder, sagt Ries, "wenn man dem einen oder anderen Urlauber mal einen Felsen verraten kann, an dem nicht so viel los ist".

Die Leute "sind bestürzt"

Was verblüffend ist, sagt Doris Bohrer: "Seit das rote Schild draußen dran ist, kommen die Leute. Sie sind bestürzt." Manche hätte Tränen in den Augen. Und viele sagen das, was viele Einzelhändler berichten, wenn sie aus Kundenmangel die Reißleine ziehen: "Die Leute fragen, wo sie denn jetzt ihre Sachen kaufen sollen." Oft in genau den Klamotten, die sie bei Doris Bohrer hätten kaufen können.

Der Trend kippt

Das Verhalten der Kunden, im Geschäft zu recherchieren und im Netz zu kaufen, kennt auch Sabine Köppel, die Bezirksgeschäftsführerin des Handelsverbands Bayern. Aber: "Der Trend kippt", sagt Sabine Köppel im Gespräch mit unserer Zeitung. "Wir stellen vermehrt fest, dass die Kunden im Netz recherchieren und dann gut vorbereitet im stationären Handel kaufen. Was natürlich dann wieder eine Herausforderung für das Verkaufspersonal ist, gerade im technischen Bereich." Denn: "Es ist ja tatsächlich nicht so, dass die Waren im Netz immer billiger sind."

Bayreuth wird ärmer, die Vielfalt geht verloren

Bayreuth, sagt Köppel, werde ärmer, wenn Läden wie das auf Bergsport und Wandern spezialisierte Geschäft von Doris Bohrer schließen. "Die Vielfalt geht verloren", sagt Köppel. Das Problem sei, dass "der Verbraucher entscheidet, wie seine Stadt in wenigen Jahren aussehen wird. Wenn er eine gute Auswahl haben möchte, dann sollte er auch entsprechend vor Ort einkaufen". In Geschäften, die entsprechend gute Beratung machen, "die sich auch an Aktionen für den guten Zweck vor Ort beteiligen. Man kann ja mal versuchen, an Amazon heran zu treten, wenn man etwas für eine Tombola will. Die lachen sich kaputt", sagt Köppel.

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