Schager: "Hatten den Ring im Stall"

Herr Schager, erinnern Sie sich noch an Karfreitag 2015?

Schager: Ja, sehr gut. Ich durfte im Schillertheater in Berlin am Karfreitag den Karfreitagszauber singen. Mit fantastischen Musikern. Das ist natürlich zauberhaft. Anja Kampe, die die Kundry gesungen hat, hat dabei jedesmal echte Tränen geweint.

Sie haben aber auch umwerfend gesungen.

Schager: Mein Credo ist: Ich gehe beim Singen immer von der Emotion aus. Damit bin ich immer gut gefahren, gerade bei Wagner, der Text und Musik so stark mit Emotionen verwebt. Wenn man sich zu hundert Prozent darauf einlässt, dann kriegt das so eine Größe und Unmittelbarkeit.

"... und das ist Frau Mozart"

Sie haben sich ja stimmlich mit aller Kraft reingeworfen. Hatten Sie noch die Kontrolle darüber, was sich da abgespielt hat?

Schager: Ja, Parsifal ist ja von der Länge der Partie her nicht so eine Herausforderung wie etwa Siegfried oder Tristan. Die reine Musik beträgt vielleicht 25 Minuten. Was bei Parsifal für mich die Herausforderung ist, ist zum einen die menschliche Entwicklung, die dieser Charakter nimmt – vom schüchternen Jungen, der in seiner Kindheit irgendetwas verdrängt hat, bis zum Gralskönig. Ja, ich habe mich voll reingeworfen, das unterschreibe ich zu hundert Prozent. Damit halte ich auch meine Stimme gesund. Ich bin auch nach einem Siegfried immer so voller Energie, dass ich danach immer das Gefühl habe: Jetzt gleich nochmal das Ganze.

Im Rang saß bei dieser Aufführung im Schillertheater Eva Wagner-Pasquier. War das auch einer der Gründe, warum sie als Parsifal alles gegeben haben?

Schager: Das wusste ich garnicht. Aber nach der Aufführung hat mich Daniel Barenboim ihr vorgestellt. Er ging zu ihr hin und hat gesagt: Bitteschön, das ist Andreas Schager. Und das ist Frau Mozart.

Auf dem Weg einen Buchstaben verloren

Wie hat Frau Wagner denn auf diese Namensänderung reagiert?

Schager: Sie hat gelächelt.

Lassen Sie uns über eine weitere Namensänderung sprechen, genauer über den Buchstaben „l“. Mit Erstaunen habe ich zur Kenntnis genommen, dass sie eigentlich Schagerl heißen, sich aber aus Karrieregründen Schager nennen.

Schager: Ja, ich habe ein „l“ auf dem Weg verloren. Lange vor meiner Wagnerlaufbahn habe ich sehr viel Operetten gesungen. Ich finde das eine ganz gesunde und grundsolide Schule. Man lernt, sich auf der Bühne zu bewegen und vor allem auch Ausdauer. Das war für die Kondition eine unfassbar wichtige Zeit. Ich merkte, wie sich meine Stimme entwickelte. Dann habe ich die Möglichkeit bekommen, in Erl bei Gustav Kuhn meine erste Wagnerrolle zu singen – das war der David. Ich musste dann aber feststellen, dass es mit dem Vorsingen an anderen Häusern oft nicht geklappt hat. Wer mich gegoogelt hat, kam auf meine Operettenlaufbahn. Da war für viele nicht mit Wagner vereinbar.

Eine Sache der Pychologie

Offenbar hat man René Kollo schon vergessen.

Schager: René Kollo war ein Paradebeispiel dafür. Aber viele denken halt in Schubladen. Allerdings nicht die Großen wie Barenboim oder Giergiew. Die liebten das und waren begeistert. Dennoch habe ich das „l“ weggelassen, denn es wird als Verkleinerung wahrgenommen und das ist eine psychologische Sache, die offenbar gar nicht so unwichtig ist, wenn man im Wagnerfach reüssieren möchte.

Das zeigt natürlich die Absurdität des Opernbetriebs. Glauben Sie denn Sie würden heute nicht in Bayreuth singen, wenn Sie sich noch Schagerl nenne würden?

Operette wird unterschätzt

Schager: Ich kann es nicht sagen. Jetzt ist es egal, jetzt wissen die Leute, dass ich Schagerl hieß.

Operette wird ja generell unterschätzt. Früher hieß es, nur die ganz großen Sänger können Operettenpartien gut singen.

Schager: Stefan Soltesz sagte einmal, als in Rom ein Rienzi gesucht wurde: Bringt mir irgendeinen Operettentenor. Das fand ich eine interessante Äußerung.

Damit kommt Leichtigkeit rein.

Schager: Ja, und man muss auf der Bühne spielen und auch reden. Da man in der Operette nicht immer die besten Orchester unter sich hat, gilt es oft, ein großes Klangvolumen zu überwinden.

Bayreuths Akustik ist die Sensation schlechthin

Dieses Problem stellt sich in Bayreuth ja nicht.

Schager: Die Akustik in diesem Haus ist die Sensation schlechthin. Das ist wirklich große Klasse.

Lassen Sie uns über ihre Herkunft sprechen. Sie sind auf dem Land aufgewachsen...

Schager: Ja, ungefähr 60 Kilometer von Wien entfernt in den niederösterreichischen Voralpen. Dort hatten meine Eltern eine kleine Landwirtschaft aufgebaut. Sie hatten ganz einfach angefangen mit ein paar Kühen. Ich habe dabei viel gelernt, was mir auch im Beruf als Opernsänger viel bringt. Was man zu tun hatte, wurde nie in Frage gestellt. Wenn das Heu einzubringen war, dann musste das gemacht werden. Genauso ist es ja auch im Opernbetrieb. Mir hilft der Gedanke, nicht zwischen Arbeit und Freizeit zu trennen.

"Unsere Kühe trugen Namen wie Rossweiße"

Wie kamen Sie auf dem Bauernhof mit der Musik Richard Wagners in Kontakt?

Schager: Mit Wagner kommt man ja unbewusst sehr schnell in Kontakt, wenn man Fernseh schaut. Viele Filmemacher sind ja von dieser Musik beeinflusst. Und dann gab es noch diesen Tierarzt, der unseren Kälbern die Namen gegeben hat. Der war wohl ein Wagner-Fan und so kam es, dass unsere Kühe Namen wie Brünnhilde oder Rossweiße trugen. Wir hatten, wenn man so will, den ganzen „Ring“ im Stall. Damals wusste ich noch nicht, dass das etwas mit Wagner zu tun hat, aber die Namen waren mir schon mal geläufig.

"Meine Herkunft ist fantastisch"

Sie sind also mit Brünnhildenmilch groß geworden.

Schager: Ja, das ist unfassbar.

Wenn man im engen Kontakt mit der Natur aufwächst, hat man doch gewiss einen recht eigenen Blick auf den bisweilen etwas elitären Opernbetrieb.

Schager: Für mich ist es goldrichtig. Meine Herkunft ist fantastisch, gerade im Hinblick auf die Rollen, mit denen ich zu tun habe. Siegfried ist ein junger Mann, er ist im Wald aufgewachsen – ein Naturbursche, der sich zum ersten Mal selbst im Bach erkennt. Siegfried lebt ja noch viel mehr in der Natur als ich auf meinem Bauernhof in der Natur gelebt habe.

Aus dem Wald in die Welt

Sie verfügen also über den perfekten Background für diese Rolle.

Schager: Ja. Ich weiß, wie es sich anfühlt aus dem Wald fort in die Welt zu ziehen. Ich weiß auch, wie es ist, wenn man einen Tag lang im Bach spielt und einen Fisch mit der Hand fängt oder sein Ebenbild im Bach sieht. Ich kenne diesen Charakter. Da kann ich mit meinen Erfahrungen aus dem Vollen schöpfen.

Wenn ich Ihnen jetzt die Wette anbieten würde, dass sie der künftige Siegfried von Bayreuth sind...

Schager: Worum wetten wir? Ich würde mich darüber natürlich sehr freuen.

Dann können wir jetzt nicht gegeneinander wetten.

Nicht bewertet

Anzeige

Montag, 13. November 2017 - 11:06