Schachtalente in der Bärenhalle

Anna, vierte Klasse, langes blondes Haar, hat das Brett fest im Blick. Es ist die sechste Runde, bisher hat sie alle Spiele gewonnen. Niclas Timmerarens, zehn Jahre alt, heißt ihr Gegner, vier Punkte hat er auf dem Konto. Ein Läuferzug, die Dame, der Bauer – und Niclas ist am Ende. Gegen Anna, oberfränkische Einzelmeisterin, Mädchenmeisterin in Oberfranken, hatte er fast keine Chance.

Aushängeschild der Herzen

Als sie vier war, hat sie sich von ihren Eltern abgeschaut, wie’s geht. Jetzt spiele sie sogar besser, sagt Anna. Am liebsten mit Weiß und am liebsten italienisch. Für Nicht-Schachspieler: Die vielen möglichen ersten Züge sind nach aller Herren Länder benannt.

„Wir sagen nicht unsere Mannschaft aus der zweiten Bundesliga, wo wir einen Sponsor aus Kulmbach haben, ist unser Aushängeschild“, sagt Klaus Mühlnickel, der beim Schachclub TSV Bindlach Aktionär der Übungsleiter für Schulschach ist, „sondern vom Herzen her ist es unsere Jugend.“ Bei Kindern und Jugendlichen kämen immer wieder Talente. So wie Anna.

Remis oder nicht - das ist hier die Frage

Letzte Runde, die entscheidende siebte, und die tragischste. Denn Anna spielt gegen ihre beste Freundin Melina (10), die schon 4,5 Punkte hat. „Wir überlegen, ob wir remis machen“, sagt Anna, „weil sie meine Freundin ist.“ Für Nicht-Schachler: Man kann seinem Gegner ein Unentschieden quasi anbieten, völlig regelkonform. „Remis-Schieben“, heißt das im Fachjargon. Der Turnierleiter gibt das Spiel frei, Melina mit den weißen Figuren drückt die Schachuhr.

15 Minuten hat jeder der jungen Spieler für die ganze Partie. Königsbauer gegen Königsbauer, Läufer, Springer, Springer. Nix italienisch, was Anna gerne mag, sondern russisch. Ihr erster Fehler, Melina greift an. Anna überlegt erstmals länger, findet den einzigen Damenzug. Springer, Läufer, Schach – Melina legt los. Anna wehrt sich. Melina zieht die Dame. Auch Anna zieht die Dame. „Machen wir remis?“, fragt Melina.

Ein Sport ohne Blutgrätsche

Normalerweise ist es bei Schachturnieren leise und jedes laute Geräusch wird mit Blicken bestraft. Spielen 136 Grundschüler der ersten bis zur vierten Klasse gegeneinander, ist nur vorübergehend ein Unterschied zu einem Kindergeburtstag. Das stört die Spieler nicht.

Niclas schiebt ruhig seine Figuren in einer Art, wie es nur Schachspieler machen. Als ob der Läufer von selbst zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger landet und zum nächsten Feld fliegt. Es sei „ein ruhiges Spiel“, sagt Niclas. „Und man verletzt sich nicht“, wie beim Fußball.

Schach kann auch wehtun

Aber verlieren schmerzt trotzdem. „Matt“, sagt Anna, die sich nicht als beste Freundin, sondern als Sportlerin entschieden hat. Sie freut sich, sieben aus sieben Punkten, Siegerin und der Pokal gehört ihr. Ihre Freundin, die zuerst angriff und bessere Chancen hatte, weint. Schach kann wie jedes Spiel auch ungerecht sein.

„Es macht immer wieder Spaß, in die leuchtenden Augen der Kinder zu sehen, wenn sie den Gegner schachmatt setzen“, sagt Übungsleiter Mühlnickl. Am Ende jeder Partie reichen sie sich die Hände. Niclas, der das ruhige Spiel liebt, wurde Zweiter, Dritter Konstantin Knopf, beide mit fünf Punkten. Und Melina, die unterlegene Freundin, hat trotzdem einen Pokal bekommen: Sie war das beste Mädchen und hat nur um einen halben Punkt den dritten Platz verfehlt. Jetzt strahlt sie wieder.

5 (1 vote)

Anzeige