Saugatter: Leo und die ignorante Bande

Gestatten, mein Name ist Leo. Ich bin ein Rauhaardackel. Und ich werde heute Bekanntschaft mit Tieren machen, die für mich und meine Artgenossen gefährlich sind. Damit ich mich an sie gewöhne, hat mein Herrchen 30 Euro auf den Tisch gelegt und ist mit mir nach Aufseß gefahren. In ein Fünfsternehotel für Wildschweine, sagen die Leute. Und tatsächlich sieht es hier gemütlich aus. Unterstände, Matsch, Äpfel, Wasserstellen, Bäume und jede Menge Platz gibt es hier. Das Gelände ist so groß wie vier Fußballfelder und umzäunt von einem vier Kilometer langen Zaun. Dahinter wirken die „Hotelgäste“ entspannt. Während ich vor Begeisterung den Zaun auf und ab renne um mich vorzustellen, fressen die Wildschweine drinnen in aller Ruhe Äpfel und wedeln mit den Schwänzen. „Ignorante Bande“, nennt sie Adolf Reinel deshalb.

Von Burzeln, Bachen und Keilern

Reinel ist der, der das hier mit aufgebaut hat. Und er sagt Burzel zu den Schwänzen, wie sich überhaupt die ganzen Leute hier recht komisch ausdrücken. Statt von Wildschweinen, reden sie von Bachen und Keilern. Jäger halt, und Reinel ist der oberste. An diese Sprache muss ich mich wohl gewöhnen. Mein Herrchen, Ronny Knorn, ist schließlich auch ein Jäger. Er ist mit mir aus Reckendorf hier her gekommen, weil ich ihn künftig bei der Jagd begleiten soll. Und weil er Angst um mich hat. So ein richtiges Wildschwein wiegt leicht 70 Kilo, ich gerade mal zehn. Ich bin ja auch erst ein Jahr alt. Wäre ich halb so alt, würden sie mich hier gar nicht rein lassen. Und wäre ich kein Dackel, sondern ein Terrier, hätten sie wahrscheinlich auch Bedenken. Denn Terrier seien so ungestüm, sagen sie hier. Was nicht heißt, dass sie sich Sorgen um die Wildschweine machen, sondern um die Hunde. Denn wer nicht aufpasst, der fängt sich schnell ein paar lebensgefährliche Tritte oder Haue ein. Immerhin: Wer vorher eine Anlage wie diese besucht hat, bei dem sinke die Wahrscheinlichkeit, dass er zu einem Versicherungsfall wird, um 70 Prozent, sagt Reinel.

Besucher aus halb Europa

Denn einfach einen großen Bogen um die Wildschweine machen, ist ja auch keine Lösung. Irgendjemand muss sie suchen und aufstöbern. Andernfalls liegen sie im Dickicht und kein Mensch kann sie treffen. Nicht umsonst sind in den vergangenen sieben Monaten, seit es die Anlage gibt, schon 999 Hunde hier gewesen. Ich bin der tausendste. Klingt viel, ist es auch. Die Hunde sollen nicht nur aus ganz Deutschland gekommen sein, sondern sogar aus Italien, Belgien und Dänemark. Weil so ein Saugatter, so nennt man das, eine Seltenheit ist. Weil es teuer ist. 100 000 Euro soll es gekostet haben. In Bayern ist es das erste, sagt Reinel. Ein zweites werde gerade in Eichstätt gebaut und das nächste stehe in Thüringen.

Der "Diensthabende" kümmert sich

Ich bekomme Halsband und Ortungschip angelegt. Wie bei einer echten Jagd. Jetzt geht es hinter den Zaun. Das Stückchen Wald ist so unwegsam wie ein Wald nur sein kann. Man muss die Bande richtig suchen. Als ich sie finde, belle ich was das Zeug hält und renne um sie herum. Sobald sie mich weg scheuchen, komme ich von einer anderen Seite wieder. Naja, was heißt „sie“. Vier von fünf Wildschweine interessieren sich für meinen Besuch gar nicht. Einer, den der Tierarzt Rainer Kolb den „Diensthabenden“ nennt, sei von der Bande abgestellt worden, um sich um mich zu kümmern. Aber ich lasse sicherheitshalber auch die anderen nicht aus den Augen. „Dass der mal eine Koppe kriegt, ist ausgeschlossen“, sagt der Tierarzt und fordert mein Herrchen auf, mich zu loben. „Feiner Leo“, heißt es jetzt jedes Mal, wenn ich laut bellend eine Runde um die Bande gedreht habe. Und weil ich mich nicht von dem Diensthabenden verscheuchen lasse, sagt der Tierarzt: „Sowas sieht man nicht alle Tage.“

Maximal fünf Minuten

Nach fünf Minuten zieht mich mein Herrchen raus. „Maximal fünf Minuten am Wild“, sagt der Tierarzt. Sonst könnte ich unaufmerksam oder sauer werden. Weil sich die Bande partout nicht von mir aus der Ruhe bringen lässt. In vier Wochen soll ich wieder kommen, dann werde ich ein perfekter Jagdhund, sagt der Tierarzt. Mein Herrchen ist aber schon jetzt stolz wie Oskar. „Zu dem Hund kann man nur gratulieren“, sagen die Leute.

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