Ruth Weiss: Mit Mandela am Küchentisch

Als ihr Vater seinen Job verlor, war das ein Schock. Im ersten Augenblick, die Wochen darauf. Wenn Ruth Weiss heute, fast 85 Jahre später, darüber nachdenkt, sagt sie: "Es war der größte Glücksfall, für die ganze Familie." Ihr Vater, so viel steht für sie fest, hätte Deutschland nie verlassen. Nicht ohne diese Schmach der Arbeitslosigkeit.

Ruth Weiss wurde 1924 in Fürth geboren. Die Industriestadt hatte seit Jahrhunderten Juden eine Heimstatt geboten. Fürth prosperierte, und mit ihr seine jüdischen Bürger. Fünf Synagogen gab es allein in ihrer Umgebung, die Familie Löwenthal ging in das selbe Bethaus wie die Familie Kissinger. Ein gewisser Heinz Kissinger ging in dieselbe Klasse wie Ruth Weiss Schwester.

Deutsche Soldaten jüdischen Glaubens

Ruth Weiss' Vater, Richard Loewenthal, hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft . "Mein Vater fühlte sich als ein guter Deutscher, und die Kameradschaft im Ersten Weltkrieg war für ihn immer ein Höhepunkt seines Lebens." Als der Krieg endete, war er Feldwebel - eine Beförderung, die ihm viel bedeutete.

Nicht aber den Nazis. Die Verdienste der jüdischen Kameraden im Schützengraben waren ihnen gleich. Und in Franken tobte sich einer der obszönsten und brutalsten Hetzer der NSDAP aus - Julius Streicher. So landete Loewenthal auf der Straße. Doch da war dieser Brief eines Verwandten, der schon nach Südafrika ausgewandert war, mit der Botschaft: Wer mir dorthin folgen will, für den bürge ich. 1933 wanderte der arbeitslose Kaufmann aus, 1936 folgte der Rest der Familie. "Es war keine politische Entscheidung, keine Entscheidung für eine Karriere - es war ein existenzieller Entschluss", sagt Weiss.

Ruth Weiss war elf, zwölf Jahre alt. Kein Alter, in dem man sich mit dem Lernen schwer tut. Kein Alter aber auch, in dem man alles kritiklos übernimmt. "Ich kam genau im richtigen Alter", sagt sie. "Ich konnte mit Distanz lernen." Wenn etwa Polizisten Schwarze schikanierten, ah die Fürtherin etwas anderes als ihre weißen Schulkameradinnen, für die derlei normal war. "Wenn man gefesselte Menschen neben Polizisten sieht, muss man sich doch fragen, was das soll. Meine Mitschülerinnen taten das nicht; wir aber waren selbst abgelehnt worden."

Aktivistin gegen die Apartheid

Ruth Weiss sah schreiendes Unrecht, mit dem sie sich nicht abfinden wollte. Nicht nach ihren Erfahrungen in Nazi-Deutschland: Wer unter Antisemitismus in Deutschland gelitten hatte, konnte die Apartheid im Burenstaat nicht akzeptieren. Sie engagierte sich gegen die Unterdrückung. Und fand sich auf einer schwarzen Liste der Regimegegner wieder. Dabei wollte sie nur dem Hass ein Ende bereiten.

Mandela am Küchentisch

Sie wurde Journalistin. Und lernte früh führende Männer des neuen Afrika kennen. Einmal besuchte sie eine weiße Freundin. "Und die sagte zu mir, komm doch bitte mal mit in die Küche. Ich wusste, dass sie da nichts zu tun hatte, für sie arbeitete ja eine schwarze Küchenhilfe. Mir war also klar, dass sie mir damit etwas sagen wollte." Ruth Weiss folgte ihrer Freundin in die Küche. "Und da saß dieser große Mann am Tisch und löffelte eine Suppe." So lernte Ruth Weiss Nelson Mandela kennen. "Leider wurde er kurz darauf verraten und landete im Gefängnis."

Auf der schwarzen Liste

Auch die mutige Journalistin musste Verfolgung befürchten. Ende der 60er Jahre musste sie Süd-Rhodesien verlassen, weil sie über Machenschaften der Regierung geschrieben hatte. So gewann sie aber das Vertrauen der Unabhängigkeitsbewegung.

Sie irrte, auch das gehört zu ihrem Leben. Ein Foto zeigt sie, Robert Mugabe und ihre Freundin, die spätere Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer, im angeregten Gespräch. "Als ich ihn kennenlernte, dachte ich, er sei ein integrer Mann, der sein Land gut führen würde." Ruth Weiss arbeitete für die Regierung des Staates, der seit seiner Unabhängigkeit 1980 Simbabwe hieß. "Ich erkannte nicht, dass er nur allein herrschen wollte, dass er machtsüchtig war." Nach einigen Jahren sah sie ein, dass Mugabe zum Autokraten wurde. Ein Mann, der Rivalen mundtot machte. Oder tötete. Und der mit seinem hochkurrupten Regime sein Volk ruinierte.

Friedliches Ende der Apartheid

Nelson Mandela rechnet sie hoch an, dass er den Krieg zwischen Schwarzen und Weißen vermeiden konnte. Zu Mandelas Erbe gehöre aber auch, dass er den Zwist unter den Schwarzen nicht habe beilegen können, sagt Ruth Weiss.

1994 endete die Apartheid. Dass die Schwarzen nicht blutige Rache an den Weißen nahmen, dafür hatte auch Ruth Weiss den Weg geebnet. Sie hatte die geheimen Verhandlungen mit vorbereitet, in denen die Gemäßigten miteinander sprachen. "Es gab schwarze Afrikaner, die wollten die Weißen ins Meer drängen", sagt sie. "Und es gab Buren, die wollten bis zum letzten Tropfen Blut um die Macht kämpfen. So aber kamen die Moderaten zusammen." 2005 war Ruth Weiss für den Friedensnobelpreis nominiert.

Gruß von einem Fürther

Viele ihrer geflüchteten jüdischen Schulkameraden aus Fürth verlernten die Muttersprache - weil die Eltern sie nicht mehr sprechen wollten. Die Frau, die so faszinierend von Geschichte erzählen kann, hat wache Augen und spricht in akzentfreiem Deutsch. "Meine Mutter hat damals immer gesagt: ,Englisch, das lerne ich nicht mehr'." Also wurde im Hause Loewenthal weiter auch deutsch gesprochen.

Ein weiterer Ausgewanderter ist sich seiner fränkischen Wurzeln bewusst geblieben. Vor zwei Jahren gratulierte ihr über Facebook ein alter Schulkamerad zum 90. Geburtstag: "From one Fürther to another." Absender: Henry Kissinger.

INFO: Vier Sommerausstellungen sind seit Freitag im Iwalewahaus zu sehen, und eine von ihnen zeichnet unter dem Titel „Die Macht der Worte“ ein audiovisuelles Portrait der Journalistin Ruth Weiss. Ruth Weiss ist daher am Samstag, 20. Mai, im Iwalewahaus zu Gast, zu einer Gesprächsrunde. Beginn: 14 Uhr. 

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