Richard Wagners geheime Instrumente

Wer „Tamtam macht“ und solcherart für Drama sorgt, könnte bei Wagner gelernt haben. Der nämlich setzte große Stücke auf jenes chinesische Percussionsinstrument, welches Tamtam genannt wird. Er ließ sich extra einen Satz zusammenstellen, um jene Wirkung zu erreichen, die Hector Berlioz wie folgt beschrieb: „Das Tamtam findet in dramatischen Auftritten Verwendung, wo das Entsetzen den Gipfelpunkt erreichen soll. Seine Schwingungen erregen wahrhaft Schauder.“ Wagner setzte das Becken etwa beim „Holländer“ ein, wo das metallische Rauschen des Tamtams den Ankerwurf des Geisterschiffs untermalt. Wagner verwendete ein durchaus bekanntes Instrument – nur ließ er es für seine Zwecke anpassen, so lange, bis es ihm gut genug erschien für seine Schöpfungen.

Richard Wagner überließ eben nichts dem Zufall. Schon gar nicht bei der Auswahl der Instrumente, an denen die Musiker seine Vorstellungen umsetzen sollen. Einen kleinen Ausschnitt dieses Wagner-Arsenal kann man zur Zeit in den erlesen schönen Räumen der Klaviermanufaktur Steingraeber erleben. Darunter die Tamtams, aber auch eines der ungewöhnlicheren Instrumente der Opernliteratur: den Amboß. Wagner gibt in „Mein Leben“ möglicherweise einen Hinweis darauf, wie er auf dieses Instrument gekommen sein könnte. „Da stellte sich denn eine der Hauptplagen meines Lebens zu entscheidender Bedrängnis ein. Unserem Hause gegenüber hatte sich neuerdings ein Blechschmied einquartiert und betäubte meine Ohren fast den ganzen Tag über mit seinem weitschallenden Gehämmer.“ Herausgekommen ist ein Auftritt für achtzehn Ambosse, auf denen die Nibelungen eines der eingängigsten Themas im „Rheingold“ hämmern. Ein Hammer-Nachklang einer grässlichen Plage, so viele Ambosse hatte die europäische Musik noch nicht erlebt. Übrigens: gar nicht einfach, das grobe Ding im richtigen „Rheingold“-Rhythmus zu bedienen. Da braucht es tatsächlich einen Percussionisten.

Beckmessers scharfe Harfe

Wagner baute um, Wagner ließ neu erfinden. Für seinen Sixtus Beckmesser ließ er „eine kleine Stahlharfe von meiner Erfindung“ bauen. Sie sollte die Laute oder Gitarre ersetzen, mit einem schärferen Klang die Rolle aber auch stärker in den Vordergrund rücken.

Glockenspiele, Tuben, verbesserte Bratschen, Hörner mit Ventilen – alles mögliche spannte Wagner ein, probierte es aus oder ließ er ummodeln. Bei Steingräber kann man auch erleben, wie er Lärminstrumente einsetzte, etwa ein Donnerinstrument. Das – im Gegensatz etwa zur historischen und darum zu empfindlichen Beckmesserharfe - kann man auch selbst zum Leben erwecken. Mit diesem Instrumentarium erweist sich Wagner erst recht als Nachfahre barocker Illusionsmagier.

Klaviere stehen bei Steingraeber, selbstverständlich, Flügel, auf denen Wagner spielte, deren Qualität er rühmte: „Wertester Herr Steingraeber. Gerne wiederhole ich hiermit schriftlich, was ich bereits mündlich öfters Ihnen bezeugte: dass ich von der Vortrefflichkeit ihrer Pianos völlig überrascht worden bin. Ich finde sie vorzüglich und alle weit übertreffend.“ Auch das legendärste Instrument stammt aus dem Hause Steingraeber: Das Gralsglocken-Klavier für den „Parsifal“, für den Meister von Eduard Steingraeber gebaut und von Eduards Sohn Burkhard in die ganze Welt exportiert.

In zwei Versionen ist es in der aktuellen Ausstellung zu bewundern, in der ersten von 1881/1882, zuletzt zu hören 1981 in Wolfgang Wagners erster Inszenierung am Festspielhaus. Und in einer Version aus Weimar. Vier Töne: C – G – A – E, mehr nicht. Aber wenn der Manufaktur-Chef Udo Schmidt-Steingraeber - je nach Fassung - die Tasten oder den Klöppel bedient, dann vibriert das Parkett und die Schwingungen der überlangen Saiten setzen sich bis in den Bauch des Zuhörers fort. Dann wird aus Holz und metallummantelten Seiten auf einmal ein großes Geheimnis. Das Geheimnis einer Wandlung, die Freunde von Wagners Musik bis zum heutigen Tage verzaubert.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06