Richard Wagner als Apotheker

„Über Bratscherwitze kann ich nicht lachen“. Sagt Christian Thielemann, der Dirigent. „Wir Bratscher sitzen in der Mitte des Orchesters und hören alles“. Sagt Ulrich Drüner, der Autor. Darauf Thielemann: „Eigentlich sind die Bratscher die wahren Stimmer des Orchesters.“ Man ist sich einig. Da erzählt Musemschef Sven Friedrich einen Witz. Über Bratscher: „Wie heißt die Schlussrunde in einem Bratschisten-Wettbewerb“. Na? Er gibt die Antwort: „Achtelfinale“.

Thielemann nimmt das persönlich

Schluss, ein Schritt vorm Viertelfinale, drei vorm Endspiel, für Musiker, die angeblich nun mal nicht schneller spielen können als Achtel – da lacht der Musiker, vielleicht sogar der eine oder andere Bratscher. Bratscher, das sind die mit den etwas dickeren und etwas tiefer gestimmten Geigen, müssen sich so viele Witze über ihr Instrument anhören wie ansonsten nur die Kontrabassisten. Sven Friedrich saß zwischen den beiden gelernten Bratschern Thielemann und Drüner nach seinem Witz ganz kurz ein bisschen vereinsamt. Thielemann wirkte bedrohlich. Er sagte: „Komisch, ich nehme das persönlich.“

Man war sich einig, dass man sich einig ist

Im übrigen war diese Stelle des Gesprächs in Haus Wahnfried der Punkt, an dem am ehesten Streit in der Luft zu liegen schien. Der Streit aber fiel aus. Ulrich Drüner ist der Verfasser einer der besten Wagner-Biographien der jüngeren Zeit, Thielemann ziemlich unwidersprochen einer der besten Wagner-Dirigenten unserer Zeit. Unterhalten wollten sich die beiden mit Sven Friedrich über Wagner, den vertrauten Fremden. Man war sich einig. Wohl auch darin, dass man sich nicht einig sein kann. Wagner ist, und das zu hören war im Gespräch zwischen drei ergrauenden Herren schon fast rührend, eine persönliche Sache. Wie Sex. Man redet über das erste Mal, man redet über Gefühl. Aber jeder für sich, ganz subjektiv.

Spät und gewaltig

Da gibt es nichts zu streiten, Sex und Wagner – das ist nun einmal jedes Menschen eigenste Erfahrung. Wenn man sie denn mal gemacht hat.Christian Thielemann zum Beispiel gab zu Protokoll, wie er sich als Kind mal durch die „Walküre“ gequält hatte. „Ein schrecklicher dritter Akt, ich dachte, oh Gott, das nimmt ja kein Ende.“ Aber dann: Tristan mit 13. Und Thielemann dachte: Ich muss Dirigent werden. „Es hat lange gedauert, dann aber kam das um so mehr.“

"Du bist doch gar kein Nazi"

Drüner wiederum hörte einen „Tannhäuser“ „grauenvoll gesungen“. Dann aber der „Parsifal“ von Götz Friedrich, da war er schon als Orchestermusiker dabei: „Da war es um mich geschehen.“ Es ist schon seltsam: Für Wagner entscheidet man sich offenbar nicht, er widerfährt einem. Man wehrt sich. Und ist ihm alsbald verfallen. Und sieht sich alsbald in Erklärungsnotstand. Wie Sven Friedrich, der sein Erweckungserlebnis dem Trauermarsch aus der „Götterdämmerung“ verdankt. „Volle Lotte“ habe er ihn in seinem Zimmer abgespielt. Bis die Mutter in der Tür stand: „Du immer mit deinem Wagner. Du bist doch gar kein Nazi.“ Es war das einzige Mal, dass das „N“-Wort fiel. Und es war der klarste Hinweis darauf, was an Wagner heute noch so problematisch ist. Was viele umtreibt, die seine Musik mögen. Wie es sein kann, dass man etwas liebt, das auch Hitler liebte, fragte Sven Friedrich. Und was das über einen selber aussagt.

Man denkt an Hitler, wenn man an Wagner denkt

Nun war man da an dem Punkt angelangt, über den es nachzudenken lohnte. Muss man Wagner immer zusammen mit Hitler denken? Oder ist es erlaubt, die Musik – einfach anzuhören? Viel war noch vom Apotheker Wagner die Rede, von einem, der die Stimmen des Orchesters mischt wie ein Pharmazeut seine Gifte. Drogenrausch, Überwältigung. Dealer Wagner, Wagner, der große Manipulator, der geniale Propagandist seiner eigenen Sache. Drüner erzählte ein bisschen davon, wie infam Wagner log. Das „inszenierte Leben“ (so der Untertitel seines Buches) war ein Stück weit auch ein verlogenes Leben.

Liebe ohne Glauben

Davon, und auch darüber, welches Gift Wagner mit seinen Lügen über die Welt versprühte, hätte man im Richard-Wagner-Museum wirklich noch länger reden können. Aber irgendwie war die Zeit auf einmal rum. Auf zur nächsten Runde. Bis dahin mag sich der skeptische Opernfreund an Thomas Mann halten. An seine Rede von der „Liebe ohne Glauben“.

Eine Religion sollte man aus Richard Wagner aber auch wirklich nicht machen. Er bleibt uns fremd, und wir uns mit ihm.

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