Deutsche Rentner, die den Job vermissen

Der Finanzwissenschaftler Maier, Akademischer Rat am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre der Uni Bayreuth, erklärt, die Schlagzeile "Hunderttausende müssen jobben", sei zu relativieren. "Niemand will in einen Job zurück, bei dem er jahrelang jeden Morgen das Aufstehen gehasst hat."

Gewiss arbeite ein Teil der Rentner aus ökonomischen Zwängen, "weil sie mit dem, was sie im Alter bekommen nicht hinkommen". Normal-Rentner ohne Zusatz-Einkünfte bemerkten: "Hoppla, das ist ja gar nicht so viel, was ich bekomme."

"Die meisten Rentner genießen ihren Ruhestand. Punkt!"

In die Studie, die sich auf den Zeitraum 1995 bis 2012 bezieht, seien rund 68.000 Beobachtungen einbezogen worden.In diesem Zeitraum sei der Teil der Ruheständler, der gerne weiter arbeitet, auf fünf Prozent gestiegen. Das haißt aber auch: "Die meisten Rentner genießen ihren Ruhestand. Punkt!", sagt Maier.

Doch viele wollten eben gerne weiter arbeiten. Die hätten sich zwar oft auch auf die Rente gefreut. Aber zwei oder drei Jahre später suchten sie wieder eine erfüllende Aufgabe und wollten sich oft wieder in ihrem ehemaligen Betrieb einbringen, zu dem sie noch Kontakt haben.

Der Reiz ist, arbeiten zu wollen, es aber nicht mehr zu müssen

Wichtig scheint vielen die Bestätigung zu sein, gebraucht zu werden. Eine 40-Stunden-Woche wollten die meisten allerdings nicht mehr, sondern ein paar Stunden im Monat mitarbeiten. Der Reiz sei für sie, arbeiten zu wollen, es aber nicht mehr zu müssen. So arbeiteten Rentner vornehmlich als geringfügig Beschäftigte, lediglich unter den Selbstständigen ist der Anteil der weiterhin Vollbeschäftigten am größten.

Tiefer in die Region gegangen sind die Bayreuther Forscher nicht; sie haben nicht untersucht, ob in Oberfranken mehr Rentner weiter arbeiten müssen, weil sie nach vielen Jahren Arbeit nur ein karges Einkommen haben. Etwa wegen niedriger Löhne, entsprechend geringer Rentenbeiträge sowie oft auch noch langer Phasen von Arbeitslosigkeit. Darauf weisen die Gewerkschaften immer wieder hin.

Die Bayreuther Wissenschaftler hätten für ihre Ergebnisse wenig Widerspruch geerntet für die Resultate auf nationaler Ebene. Aber Maier betont: "Bei uns ging es nur um Leute, die 2012 wirklich auch schon Rentner waren." In fünfzehn oder zwanzig Jahren könnten sich die Altersarmut und der Zwang zum Arbeiten erheblich verschärfen.

Strikte Regelung für den Zwang zur Verrentung lockern

Für die politische Diskussion bedeute die Untersuchung das Plädoyer, die strikte Regelung für den Zwang zur Verrentung zu lockern, sagt Maier. Es gehe nicht um einen Zwang zur längeren Arbeit, wohl aber um das Schaffen flexibler Möglichkeiten, falls dies gewünscht wird.

Ältere mit ihrem Erfahrungsschatz wären dann für den Betrieb nicht verloren, sondern könnten beispielsweise die Funktion des Mentors für Jüngere einnehmen.

Ein Beispiel ist Uwe Lempert (Name geändert). Als er mit 65 Jahren in Rente ging, freute er sich darauf, endlich Zeit für seine Interessen zu haben. Für den Ingenieur, der die IT-Abteilung eines großen deutschen Unternehmens geleitet hatte, waren 60-Stunden-Wochen normal gewesen.

Nachdem er aber ein Jahr lang viel gereist war und seinen Garten gepflegt hatte, reichte es ihm. "Mir war langweilig. Ich wollte wieder geistig gefordert sein, sagt er.

Der Ruheständler sah sich nach einer Beschäftigung um. Fündig wurde er bei der Unternehmensberatung "Die Silberfüchse" in Duisburg, die Senior-Experten an Firmen vermittelt. Jetzt leitete er ein kleineres Projekt für ein Unternehmen.

Jeder zweite angehende Rentner hat Interesse an einer Beschäftigung

"Jeder zweite angehende Rentner hat Interesse an einer beruflichen Beschäftigung", sagt Jürgen Deller, Professor an der Leuphana Universität Lüneburg und Forschungsdirektor des Silver Workers Research Institutes, Berlin.

Schon heute arbeiteten 1,3 Millionen Ruheständler. Und die Zahl werde weiter steigen. Dabei sei es nicht zunehmende Altersarmut, die immer mehr Rentner zurück an den Schreibtisch oder die Werkbank treibe, stellen die Bayreuther Forscher fest, die ihre Studie im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge, DIA), erstellt haben.

Menschen mit geringer Rente seien im Alter nicht häufiger erwerbstätig als Ruheständler mit hohem Einkommen. Alle Einkommensgruppen seien nahezu gleich vertreten.

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