Rehau: Mit dem Chef auf Du und Du

Als Finanzvorstand (CFO) Dieter Gleisberg vor fast genau einem Jahr vom Bertelsmann-Konzern zu Rehau wechselte, stand der Konzern gerade mitten in der Umstellung von einer Siez- hin zu einer Duz-Kultur.

Rainer Schulz, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Rehau-Gruppe, war laut Rehau-Pressesprecher Wolfgang Narr damals Initiator des Wandels. „Anfangs hatte ich auch noch Bedenken“, gibt Narr unumwunden zu. „Dann ging es aber doch verblüffend schnell.“

Ertappt

Nur ab und an hat er sich – ebenso wie viele andere Mitarbeiter übrigens – noch dabei ertappt, wie er seine Kollegen gesiezt hat.

„Ich kannte das Duzen bereits aus meiner früheren Tätigkeit“, erklärt Gleisberg. Daher sei die Umstellung für ihn nicht so groß gewesen. Dennoch war die Duz-Kultur für Rehau seiner Meinung nach ein größerer Schritt, als man augenscheinlich meinen könnte.

Spielregeln

Einige Spielregeln gab es anfangs trotz aller Euphorie dennoch zu beachten. „Unsere Auszubildenden weisen wir darauf hin, dass in der Regel der Vorgesetzte das Du anbietet“, sagt Michael von Hertell, der Leiter für die Berufsausbildung bei Rehau.

Damit rät von Hertell seinen Schützlingen genau das, was auch Experten befürworten. „Es ist immer der Ranghöhere, der dem Rangniedrigeren das Du anbietet“, sagt Barbara Rumpf, die als Trainerin für Business-Etikette tätig ist und zahlreiche Betriebe berät. „Bei gleichem Rang sollte es der anbieten, der länger im Betrieb ist.“

Von Hertell wählte eine elegante Lösung, jedem gleichzeitig das Du anzubieten: „Wer will, darf mich Michael nennen“, sagte er zum Ausbildungsstart vergangenes Jahr vor versammelter Mannschaft.

Alles über den Haufen geworfen

Durchaus „überrascht“ war davon nicht nur Julia Summerer, die mittlerweile seit einem Jahr bei Rehau tätig ist und dort derzeit eine duale Ausbildung zur Mechatronikerin absolviert. Gleich an ihrem ersten Tag im Betrieb warf von Hertell alles über den Haufen, wie sich Julia Summerer bislang das Arbeitsleben vorgestellt hat. In ihrem Praktikum, das sie zuvor abgeleistet hatte, siezte sie ihre Vorgesetzten. Die wiederum duzten die Praktikantin.

Besonders ungewohnt war die Umstellung für Matthias Anderski, der ein duales BWL-Studium absolviert und derzeit an seiner Bachelor-Arbeit schreibt. Er erfuhr von den neuen Gepflogenheiten per E-Mail – immerhin ist er derzeit nur etwa drei Monate pro Jahr im Unternehmen.

Respekt ausdrücken

„Es gibt manche Kollegen, die werden für mich immer beim Sie bleiben“, schildert er seine bisherigen Erfahrungen. Das hat jedoch nicht etwa damit zu tun, dass er sich nicht mit den Kollegen verstehe und deshalb auf Distanz gehe.

Gerade das Gegenteil ist der Fall, wie Anderski sagt: Ihm gehe es vor allem darum, seinem Gegenüber dadurch Respekt auszudrücken. „Wir wollen das Du natürlich niemandem vorschreiben“, sagt CFO Gleisberg.

Obschon er die Erfahrung gemacht hat, dass damit kein Respekt verloren geht. „Stattdessen ist der Umgang miteinander offener geworden“, sagt er. „Der Respekt voreinander entsteht durch die Persönlichkeit des Vorgesetzten.“

Eine Einschätzung, die auch Michael von Hertell teilt. „Man verschafft sich Autorität nicht dadurch, sich mit Sie anreden zu lassen, sondern durch das Auftreten“, betont er.

Offnere Gespräche

Als vor über einem Jahr die verschiedenen Unternehmensbereiche über die Duz-Kultur diskutierten, sammelten von Hertell und seine Kollegen auch Argumente, die dagegen sprachen. Das meistdiskutierte sei wohl gewesen, dass es fortan schwieriger werden würde, Kritik zu äußern, erinnert sich von Hertell.

Diese Befürchtung sollte sich jedoch relativ schnell als unbegründet herausstellen. Die Gespräche seien seither viel offener. „Es fällt leichter, auch Privates zur Sprache zu bringen, wenn man sich duzt“, sagt Julia Summerer.

Jetzt, ein gutes Jahr nach den Anfängen der neuen Kommunikations-Kultur bei Rehau, zieht Finanzvorstand Gleisberg ein positives Fazit: „Der Teamgedanke ist auf jeden Fall stärker geworden“, bekräftigt er.

Klare Grenze

Eine klare Grenze, wann man sein Gegenüber mit Sie anspricht, zieht Gleisberg dann aber doch. „In meinem letzten Vorstellungsgespräch habe ich den Bewerber auch gesiezt“, gibt er zu.

„Wir haben uns bei den Bewerbungsgesprächen bewusst dazu entschieden, beim Sie zu bleiben“, erläutert Andreas Iwansky, Leiter der Personalabteilung für den Bereich Automotive bei Rehau. „Schließlich handelt es sich bei einer Bewerbung um einen zweiseitigen Prozess. Sowohl der Bewerber als auch das Unternehmen muss entscheiden, ob das Gegenüber zu einem passt.“

Und was wurde aus dem Bewerber, den Dieter Dieter Gleisberg interviewte? „Von seinem ersten Arbeitstag an haben wir beide uns geduzt“, sagt der Finanzvorstand.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06