Rehau bringt Züge in Fahrt

Seit 2011 ist der gebürtige Finne Saarinen bei Rehau Leiter des Projekts „Third Rail“, also der dritten Schiene. Doch die Geschichte des Produkts reicht weit in das vergangene Jahrhundert hinein. Bereits 1965 brachte das Unternehmen die Abdeckungen der Stromschienen auf den Markt, die für die nötige Sicherheit im Betrieb der Bahnen sorgen sollen. Strom fließt mit bis zu 4500 Ampere durch die Schienen. Käme ein Mensch mit ihnen in Berührung, wäre es wahrscheinlich sofort tot.

Kalkuliertes Risiko

Nur wenige Jahre später entwickelten die Rehauer die Aufhängung für die Schienen – ebenfalls aus Kunststoff, der später mit Glasfasern verstärkt wurde. Doch Metall war bisher nicht gerade der Schwerpunkt des Unternehmens, das im Werbeslogan seinen Kunden „unbegrenzte Lösungen aus Polymeren“ verspricht. „Nur wenn man kalkulierte Risiken eingeht, kann man etwas erreichen“, sagt Saarinen und spielt damit auch auf die neuen Werkstoffe an. „Es war eine große Herausforderung“, ergänzt der Ingenieur, der ursprünglich aus der metallverarbeitenden Branche kommt: „Für mich war eher die Arbeit mit Kunststoffen neu.“

Es sei nicht einfach gewesen, die verschiedenen Materialien zusammenzubringen. Auch das Unternehmen sei ein Risiko eingegangen, schließlich war Rehau mit der Abdeckung und dem Stromschienenträger mit solidem Kundenstamm etabliert. „2011 fiel die Entscheidung, Komplettlieferant zu werden“, sagt Saarinen. Statt nur einzelne Teile zu liefern, stiegen die Rehauer auch in die Produktion ganzer Schienenstränge ein. „Für die Stromschiene haben wir das nötige Know-how und die Patente eingekauft.“

System verbessert

Der Part der Rehauer Entwickler sei dann gewesen, das System noch zu verbessern, erklärt Yvonne Schaller. Sie betreut bei dem Unternehmen das Marketing rund um die „Third Rail“. Unter anderem hatten die Ingenieure genaue Vorstellungen von den Materialeigenschaften ihrer Bauteile.

20 Bauteile

Der Aufbau des Systems an sich ist relativ simpel. Der Hauptteil der Schiene besteht aus Aluminium, doch der Teil, an dem später die U- oder S-Bahn den Strom per Abnehmer zieht, ist aus Edelstahl. Eine Herausforderung sei gewesen, die beiden Werkstoffe zu verbinden. Doch die Ingenieure schafften das, indem sie Bewährtes mit neuen Ideen kombinierten. Bei Abdeckungen oder Schienenträgern konnten sie auf vorhandenes Wissen zurückgreifen. „Insgesamt umfasst das System etwa 20 Bauteile“, sagt Yvonne Schaller: „15 davon wurden neu entwickelt.“

Erster Auftrag aus Kairo

Damit war das System auf dem neuesten und vor allem energieeffizientesten Stand. Aber: „Alte Eisenbahner zu überzeugen ist sehr schwer“, sagt Saarinen schmunzelnd. In diesem Fall ist es gelungen, denn nur ein Jahr, nachdem das Projekt ins Leben gerufen worden war, gewannen die Rehauer die erste Ausschreibung – ein Komplettsystem für 15 Kilometer Schienennetz der Kairoer U-Bahn.

System muss kompatibel sein

Bei der Entwicklung mussten die Rehauer darauf achten, ihr System kompatibel mit bereits bestehenden Schienen zu machen. Was auch ein bisschen hemmen kann. „Wenn ich freie Hand hätte, hätte ich Tausende Ideen, was man mit solchen Stromschienen machen kann“, sagt Saarinen.

In alle Welt

Aktuell sind in Rehau fünf Mitarbeiter allein für das Third-Rail-Projekt zuständig. Weltweit sind es 15, die vor allem im Vertrieb und der Kundenbetreuung tätig sind. Mit großen Hallenkränen wuchten die Monteure in einer Fabrikhalle der Firma die zwölf bis 18 Meter langen Eisenbahnschienen zwischen den Maschinen umher, die alle Komponenten des Systems, den Aluminium-Teil und den aus Edelstahl, verbinden. Im Anschluss gehen die Stromschienen von Rehau aus in alle Welt. „In Europa werden auch U- und S-Bahnen modernisiert“, sagt Janne Saarinen. „Unser Schwerpunkt liegt aber klar im Ausland.“ Und hier vor allem im Neubau der öffentlichen Transportlinien. In Süd-Ost-Asien, Indien und Südamerika sieht er aktuell das größte Potenzial. Auch Russland sei ein großer Markt. „Dort ist die Situation aber zurzeit extrem schwierig.“

Umsatz verdreifacht

Die Zahlen sprechen auch ohne den russischen Markt für sich, so Yvonne Schaller. Seit 2011 haben sich die eigenen Umsätze in dem Bereich verdreifacht. „Aktuell wachsen wir noch schneller als in der Vergangenheit“, ergänzt Saarinen, der ein gefragter Mann ist: „Wir müssen überall auf der Welt präsent sein.“ Er selber ist mindestens einmal im Quartal in Süd-Ost-Asien unterwegs – und dann gleich für Wochen. Bald stehen Großprojekte unter anderem in Malaysia und Indonesien an. „Da wird mit Sicherheit in den nächsten Jahren viel gebaut“, sagt Saarinen. „Und wir sind bereits vor Ort.“

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