Querdenker mit großem Potenzial

Wer im Unternehmen abweichende Ideen vertritt, gilt oftmals als unangenehmer Zeitgenosse. Doch: „Querdenker sind super“, sagte Dominik H. Enste, Professor für Wirtschaftsethik an der Technischen Hochschule Köln. „Unternehmer müssen mutig sein, Querdenkern Freiheiten geben und auch mal ein Scheitern akzeptieren“, umriss der Dozent seinen Vortrag über „Querdenker in Unternehmen, Staat und Gesellschaft“ beim sechsten Unternehmergespräch Hochfranken im Porzellanikon in Selb.

„Rebellen, Regelbrecher und Querulanten gibt es überall auf der Welt“, sagte der oberfränkische Geschäftsführer des Veranstalters, der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (VBW), eingangs.

„Früher wurden sie belächelt“, ergänzte Rolf Brilla, stellvertretender Vorsitzender des Mitveranstalters, der Arbeitsgemeinschaft der Industrie (AGI) Hochfranken Plus. „Heute sind das wichtige Eigenschaften.“

Wo liegt die Grenze?

Doch wo liegt die Grenze zwischen denen, die ein Unternehmen mit neuen, ja zum Teil revolutionären Ideen, weiterbringen möchten, und solchen, die mit ihren Vorschlägen Unruhe in einen Betrieb bringen, die bis hin zur Sabotage reicht? In jedem Unternehmen gebe es unterschiedliche Mitarbeitertypen, erklärte der Referent. Würden nur Querdenker in einem Betrieb arbeiten, sei kein normaler Betrieb möglich. Wahrscheinlich wäre so ein Betrieb auch gar nicht erfolgreich.

„Es braucht weiterhin die loyalen Mitarbeiter, die nicht widersprechen“, erklärte Enste. „Man sollte nicht unterschätzen, wie wichtig Grundprozesse in einem Unternehmen sind.“ Nichtsdestoweniger sollten gute Vorgesetzte ihre loyalen Untergebenen auch gebührend für deren Einsatz loben. Oft liefen viele alltägliche Dinge wie Dienstreisen, Konferenzen oder der tägliche Schriftverkehr automatisch gut organisiert ab. Und die Chefs sähen das als Standard an.

Nicht alles ist gut

Auf der anderen Seite gibt es laut Enste auch Mitarbeiter, die sich sowohl mit konstruktiven als auch innovativen Ideen hervortäten. Sie äußerten ihre Kreativität. Dennoch: Nicht jedes Querdenkertum ist gut, wie Enste sagte. Jede Handlung und jeder Vorschlag müsste unter dem Prinzip des von Ernste als „intuitiver Imperativ“ bezeichneten Konzepts betrachtet werden. Bewusst lehnt er sich dabei an Kants „kategorischen Imperativ“ an.

Nur wenn ein Querdenker in Selbst-, Fremd- und Betroffeneneinschätzung zu dem Ergebnis kommt, dass sein Vorhaben gut ist, ist es auch gerechtfertigt. Vereinfacht gesagt: Der Entscheider muss sich noch im Spiegel in die Augen schauen können, muss seinen Mitmenschen nachvollziehbar erklären können, warum er sich für etwas entschieden hat, und er muss fähig sein, dem Betroffenen seine wahren Motive mitzuteilen.

Rosenthal und Geißler

Um Querdenker im Unternehmen zu ermutigen, braucht es nach Auffassung Enstes auch führungsstarke Vorgesetzte. „Sie müssen Vorbild sein, den Querdenkern Zeit geben, Vertrauen haben und Räume schaffen, in denen diese sich austoben können.“

Für Hanns-Peter Ohl, stellvertretender oberfränkischer VBW-Vorsitzender, sind vor allem Personen wie der Selber Unternehmer Philip Rosenthal oder der jüngst verstorbene Politiker Heiner Geißler herausragende Beispiele für erfolgreiche Querdenker. „Das waren Persönlichkeiten, die selbst zum Nachdenken anregten.“

Zu satt

„Schaffen Sie Räume, in denen Mitarbeiter frei arbeiten können“, gab Enste den Zuhörern mit auf den Weg. In der Diskussion gingen die Besucher des Unternehmergesprächs der Frage nach, wieso sich gerade Deutschland, das Land, das in Motor-, Medizin- und Elektrotechnik jahrzehntelang zur Weltspitze gehört, von anderen Ländern derzeit abhängen lässt.

„Wir sind zu satt geworden“, antwortete Enste. Deutschlands Konjunktur befinde sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs auf konstant gutem Weg. Schlechte Zeiten hat es seither nicht mehr gegeben. Dadurch habe es auch weniger Anreize gegeben, revolutionäre Ideen auszuprobieren und dadurch Neues zu schaffen.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06