Protokoll einer dramatischen Rettung

Mittwochabend in der Ständigen Wache der Feuerwehr Bayreuth. Im weihnachtlich dekorierten Schulungsraum sitzt Helmut Bartels (77) einer Reihe von Männern und Frauen in blauen, grünen und rotblauen Uniformen gegenüber: Feuerwehr, Polizei, Disponenten der Rettungsleitstelle, Bergwacht. Sie sind nur einige der rund 150 Männer und Frauen, die vor zehn Wochen stundenlang nach Helmut Bartels suchten. „Vielen Dank, vielen Dank, vielen Dank!“ Bartels sagt es immer wieder. Und er sagt, dass er bis heute nicht fassen kann, welch ein Aufwand für ihn getrieben wurde.

Der 14. November ist ein eisiger Tag. Am Abend will Bartels mit seinem VW Golf nach Hause fahren. Mit an Bord ist eine Nachbarin, eine Syrerin. Sie hat keinen Führerschein. Aber sie spricht leidlich Deutsch. Und sie hat ein Samsung-Smartphone. Diese beiden Umstände werden im weiteren Verlauf dieses dramatischen, langen Abends entscheidende Bedeutung haben.

Helmut Bartels geht es nicht gut an diesem Abend. Seine Begleiterin merkt, dass er den falschen Weg fährt, versucht ihn umzudirigieren. Doch Bartels ist sich sicher, alles richtig zu machen, er reagiert nicht, fährt weiter. „Ich bin wie im Tunnel gefahren.“ Nach Warmensteinach, er dreht um, fährt weiter, kreuz und quer. Bis es nicht mehr weiter geht.

19.27 Uhr: In der Integrierten Leitstelle (ILS). Ein Notruf geht ein, Disponent Christopher Häfner nimmt ab. Der Anrufer legt auf. Häfner ruft zurück. Die Anruferin sagt, sie ist mit ihrem hilflosen Begleiter irgendwo im Wald, er sei müde, erschöpft, reagiere nicht mehr. Häfner schickt ihr eine SMS aufs Handy, um über dessen Ortungssystem den Standort zu erfahren. Doch das Ortungssystem im Handy der Anruferin ist nicht aktiv. Der Versuch, die Frau durch ihr Handy zu lotsen, um Ortungsdienst oder WhatsApp zu aktivieren, scheitert. Das letzte Ortsschild, an das die Frau sich erinnern kann: „Irgendwas mit -hammer.“

19.47 Uhr: Inzwischen ist auch die Polizei in die Suche eingeschaltet. Der Frau gelingt es, Google Maps zu öffnen, der Dienst zeigt an: „30 Minuten von Bad Berneck entfernt.“ Hat das Auto ein Navi? Kein Navi. Die Polizei ist derweil mit mehreren Streifen im Raum Goldkronach unterwegs. Denn das Handy der Frau ist über die dortige Funkzelle eingeloggt. Die Frau ist vorübergehend nicht mehr erreichbar, in der ILS wächst die Nervosität.

20.19 Uhr: Die Frau ruft wieder an. Bartels ist schwindlig und orientierungslos, aber er will fahren. Seine Begleiterin sichert den Zündschlüssel, sperrt ihn im Auto ein.

In der ILS wird extra Personal mobilisiert. Ein normaler Notruf dauert rund 60 Sekunden. Hier sind schon fast 30 Minuten Gesprächskontakt zusammengekommen. Mehrere Feuerwehren aus den Kommunen Weidenberg und Goldkronach werden alarmiert, schwärmen zur Vermisstensuche aus. Bergwachtbereitschaften rücken mit geländegängigem Gerät aus. Ein Polizeihubschrauber mit Suchscheinwerfer und Infrarotkamera kommt aus Roth.

Die schwer geprüfte Anruferin startet den Motor des festgefahrenen Wagens, schaltet Scheinwerfer und Warnblinker an. Das meiste von all dem bekommt Helmut Bartels nicht mit. Jedenfalls kann er sich später nicht daran erinnern.

21.33 Uhr: Die Suche nach Helmut Bartels läuft nun schon zwei Stunden. Einer der nachträglich mobilisierten Disponenten in der Leitstelle hat das gleiche Handy wie die Frau mit dem hilflosen Bartels im Wald. Er lotst die Frau Schritt für Schritt durch das Menü ihres Smartphones, während dessen Akku immer leerer wird. Sie schafft es, ihm ihren genauen Standort zu schicken.

21.59 Uhr: „Wir haben sie“, kommt die erlösende Nachricht. Der Standort der beiden Gestrandeten ist an der Warmeleite, oben im Wald zwischen Bad Berneck und Röhrenhof. Weil ihr Handy über eine Goldkronacher Funkzelle eingeloggt war, hatten Polizei und Feuerwehrleute auf der falschen, südlichen Seite des Berges gesucht. Das Ortsschild mit dem Namensteil „-hammer“, das die Frau beschrieben hatte, war das von Frankenhammer. Das Handy der gestrandeten Frau ist inzwischen fast leer. Der Rettungswagen aus Bad Berneck wird losgeschickt.

22.06 Uhr: Ein Polizist klopft an die Scheibe des havarierten Golfs im Wald. Die Suche ist zu Ende. Bartels wird mit der Bergwacht von der Warmeleite zurück zur B 303 transportiert und in den Rettungswagen geladen. Bartels geht es inzwischen etwas besser, er will nach Hause, nicht ins Krankenhaus. Die Sanitäterin lässt nicht mit sich reden: „Sie werden jetzt erst mal durchgecheckt.“ Bartels sagt zu der Frau: „Das sind ja elf Mann. Das alles wegen mir?“ Die Frau lacht: „Elf? Das waren 100.“ Insgesamt waren es sogar rund 150, die zweieinhalb Stunden lang nach Helmut Bartels suchten.

Helmut Bartels würde sich am liebsten bei jedem der rund 150 Männer und Frauen persönlich bedanken, die stundenlang und letztlich erfolgreich nach ihm gesucht haben. Und er möchte nicht einfach nur "Danke" sagen. Deswegen will er 500 Euro spenden. Doch Geldgeschenke für Retter sind so eine Sache. Wer hauptberuflich anderen Menschen hilft, darf überhaupt kein Geld annehmen. Und die stolze Summe von 500 Euro auf über 100 Ehrenamtliche zu verteilen, wäre nicht nur ein enormer Aufwand. Es kämen auch bei jedem Einzelnen letztlich doch nur ein paar Euro an. Deswegen sind die Retter und Bartels übereingekommen, dass die 500 Euro der Kurier-Stiftung "Menschen in Not" zugute kommen. Damit hat die dramatische Suche nach Helmut Bartels nicht nur ein glückliches Ende gefunden. Sondern trägt auch noch dazu bei, dass der Kurier wiederum Menschen in der Region helfen kann, die in Not geraten sind. Deshalb im Namen dieser Menschen an Helmut Bartels und an die 150 Männer und Frauen, die nach ihm gesucht haben, ein herzliches "Vergelt's Gott!"

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