Premierenkritik: Der Lohengrin der Herzen

Hans Neuenfels' „Lohengrin“ ist fünf Jahre alt, und einer der dramatischsten Momente liegt ganz am Ende, wenn alles schon zu spät ist. „Ach“, singt Elsa, „Weh“, singt das Volk, dann läuft Lohengrin auf das Publikum zu, in die Stille nach dem letzten Ton hinein, wohin, tja, keiner weiß das. Dann wird es dunkel. Bei der Wiederaufnahme-Premiere am Donnerstag missverstand ein Zuschauer die Stille - und verewigte sich mit einem gebrüllten „Pfui“.

Es könnte dem Fötus gegolten haben, der am Ende im Schwanenei sitzt und mit Nabelschnurstücken wirft.

Oder den Ratten.

Oder Klaus Florian Vogt, dem Lohengrin.

Oder Hans Neuenfels, der aber gar nicht da ist.

Oder wem auch immer.

Viel interessanter ist ohnehin das, was vor dem „Pfui“ passierte.

Edith Haller gab ihr Bayreuth-Debüt als Elsa. Hell und klar, makellos und strahlend. Und das bringt die Balance im Personengefüge ein bisschen durcheinander, weil Edith Hallers „Einsam in trüben Tagen“ ganz anders schwingt und eine ganz andere Richtung einschlägt als bei Annette Dasch, und diese neue Richtung wird beibehalten - „es gibt ein Glück, das ohne Reu'“ bekommt dasch-dunkel eine ganz anderen Klang als haller-hell. Aber die neue Konstellation pendelt sich schnell ein, das Ensemble ist eingespielt, es besteht aus:

  • Klaus Florian Vogt, der schwereloseste Lohengrin, den es wahrscheinlich je gegeben hat; längst nicht nur in Bayreuth. Aber diese Produktion ist sein persönlicher Triumph geworden

  • Petra Lang als Ortrud, mit stimmgewaltigem Ausbruch zum Schluss, gewaltig ist dafür tatsächlich die beste Beschreibung

  • Thomas Mayer als Telramund, kein warmer, sondern ein rauer Bass, der es manchmal schwer hat, sich gegen das Orchester zu behaupten

  • Wilhelm Schwinghammer als König Heinrich, auch er muss sich auf die Rücksicht Andris Nelsons verlassen, um nicht zu verschwinden.

  • Und Samuel Youn, der Heerrufer, souverän und komödiantisch, die Kür zur Pflicht im Holländer.

Und auch die Festspielchöre, einstudiert von Eberhard Friedrich, haben an diesem Abend zurückgefunden auf das exorbitante Niveau, das man von diesem Chor gewöhnt ist – konzentriert, brillant intoniert und präzise nutzen sie die – für den Chor heikle – Akustik des Hauses voll und ganz zum eigenen Vorteil.

Andris Nelsons beginnt mit dieser Premiere seinen letzten Sommer am Pult bei „Lohengrin“, man hört (und sieht in einer Szene auch kurz), was ihm selbst diese Musik bedeutet. Aus Bedeutungsschwere macht er sich nichts, er spielt mit dem Tempo und lässt seine Musiker musizieren.

Und die Inszenierung – die mag fünf Jahre alt sein, aber das fühlt sich ganz und gar nicht so an. Sie ist – auch in diesem Jahr – die differenzierteste, zeitloseste, komischste und ernsthafteste Deutung, die es bei den Festspiele in zu sehen gibt. Eine Deutung, deren Qualität nicht nur darin besteht, dass sie kontroverse Reaktionen herausfordert – denn es steckt selbst genug drin.

Das hat sich herumgesprochen: Draußen vor dem Haus stehen, zum ersten Mal in dieser Saison, Kartensucher in Massen.

Am Ende bricht ein Jubelsturm los, der – anders als der immer wieder berichtete Buh-Orkan, den es angeblich nach dem „Siegfried“ gegeben haben soll – diesen Namen auch verdient. Klaus Florian Vogt zieht den Hut vor Edith Haller, sie küsst ihn auf die Wange, Andris Nelsons badet im Applaus, großer, verdienter Jubel für den Festspielchor.

Und für den einzigen wirklich misslungenen Moment des Abends kann auf der Bühne niemand etwas.

4.3 (6 Stimmen)

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Kommentare

Vorweg: Ich bin in dieser Aufführung gewesen und ich bin mit einem Eindruck nach Hause gegangen: das war sängerisch der Wahnsinn und hat wieder mal Gänsehaut erweckt und mich den Alltag vergessen lassen !! Warum konzentriert sich dieser Bericht so auf diesen einzelnen "Pfui"-Rufer? So etwas ist von bestimmten Leuten doch schon vor der Vorstellung geplant aus einer persönlichen Frustation heraus und ist ein etwas "bauernhaftes" Verhalten dieser Person, so etwas sollte man überhaupt nicht erwähnen und in den Vordergrund stellen und schon gleich gar nicht als misslungenen Moment. Man sollte in einem objektiven Bericht festhalten, das das Publikum durch frenetisches Applaus kundgetan hat, das diese Vorstellung für sie überragend war und das Publikum tut durch Applaus kund, was gefällt und nachwirkend beeindruckt. Dieses akribische Gesuche von den Kritik-Schreibern nach irgendeinem "Mißtönchen" regt auf. Das Publikum hat beeindruckt das Haus verlassen, es muß nicht jeder Musik studiert haben um beurteilen zu können was sängerisch hervorragend ist, entscheidend ist, was dem Ohr gefällt und was Eindruck hinterläßt. Es sind doch wohl nicht 2000 Laien im Publikum gewesen, die durch außergewöhnlichen Applaus ihre Zufriedenheit mit der Leistung mitgeteilt haben. Das war mal wieder "Bayreuth" !
Liebe(r) Sigi, Sie haben völlig recht: eine Kritik soll keine akribische Suche nach irgendeinem Misstönchen sein (ich glaube, das ist dieser Text wirklich nicht). Ich finde wie Sie: Das war eine grandiose Aufführung, wir reden hier aber nicht über irgendein Mißtönchen (und auch nicht über einen x-beliebigen Buhrufer), sondern über einen Zuschauer, der mutwillig den spannungsvollsten Moment der Inszenierung für 2000 andere Zuschauer ruiniert. Soll eine Kritik dann so tun, als wäre nichts gewesen? Ich finde nicht.
Sehr geehrter Herr Zinnecker,

Sigi hat in jeder Hinsicht recht. Angesichts dieses grandiosen Musikereignisses von Weltformat, sollte man einem einzelnen "Pfui"-Rufer wahrlich nicht diese Aufmerksamkeit zukommen lassen. Anders als bei den zahlreichen Buhs gegen die Inszenierung von Castorfs Ring, bleibt Ihnen obendrein der Grund für diese Entgleisung ein Rätsel.
Wie viele andere Großereignisse am Grünen Hügel in Vergangenheit und Gegenwart beweist dieser Lohengrin, dass es sich lohnt, die Bayreuther Festspiele zu besuchen.

Werner Fuchs
Montag, 13. November 2017 - 11:06