Platz fünf wichtiger als Medaillen

„Die 100 Meter Freistil 1972 in München“, sagt Oliwa. „Das war das Rennen meines Lebens.“ Die damals 20-Jährige hatte sich mit einem neuen deutschen Rekord im Zwischenrennen – sie unterbot erstmals eine Minute – für den Finallauf qualifiziert. Dort schwamm sie in 59,73 Sekunden beim Sieg der Amerikanerin Sandra Neilson (58,59 Sekunden) auf den fünften Platz. „Das habe ich ganz alleine geschafft, da war kein anderer beteiligt.“

Der fünfte Rang hat seit diesem Rennen eine besondere Bedeutung für Oliwa. In Olympia-Ergebnislisten blickt sie nicht primär auf die Medaillengewinner, sondern auf eben jenen fünften Platz. „Dort finden sich in jeder Sportart immer wieder prominente Namen“, stellt die 64-Jährige fest. „Dann sagt man sich: Schon toll, was ich damals erreicht habe.“

17-fache Deutsche Meisterin

In die Schwimmgeschichte ging Oliwa aber vor allem mit ihren drei Olympia-Bronzemedaillen ein. In Mexiko-Stadt 1968 sicherte sie als Schlussschwimmerin der 4 x 100 Meter Lagenstaffel den dritten Platz. Die Wiederholung gelang 1972 in München. Dort schwamm Oliwa auch mit der 4 x 100 Meter Freistilstaffel zu Edelmetall. Zudem gewann die Bayreutherin in ihrer Karriere je einmal Staffelbronze bei einer Welt- sowie Europameisterschaft und ist 17-fache Deutsche Meisterin.

Herausragendes Talent

„Sie war schon ein herausragendes Talent“, sagt Helmut Künzel. „Und Ende der 60er sowie Anfang der 70er das große Aushängeschild des Bayreuther Sports.“ Der mittlerweile 89-Jährige war 1972 Hallensprecher bei den Spielen in München und stellvertretender Vorsitzender des SV Bayreuth, für den Oliwa an den Start ging.

Künzel hat nur positive Erinnerung an Oliwa. Sehr offen, stets freundlich sei sie gewesen, habe viel gelacht. „Und Heidi war eigentlich jeden Tag in der Trainingshalle anzutreffen. Sie war ein Vorbild für die anderen Schwimmer, sie hat sehr hart für ihren Erfolg gearbeitet.“

Entbehrungen haben sich gelohnt

Mit diesem Trainingsfleiß gingen auch einige Entbehrungen einher. Bei drei Trainingseinheiten am Tag blieb nicht viel Freizeit. Gerade abendliche Ausflüge mit Freunden sind für Oliwa eine Seltenheit gewesen. „Zum Sport ermuntere ich jeden Menschen, aber vom Hochleistungssport würde ich mittlerweile jedem abraten“, sagt Oliwa, schränkt aber ein: „Es sei denn, ein außerordentliches Talent ist erkennbar. Bei intensivem Training müssen schnell Leistungssteigerungen erkennbar sein. Nur dann lohnt sich der Aufwand.“

So war es bei Oliwa. Die gebürtige Berlinerin begann als Neunjährige mit dem Schwimmen, schon vier Jahre später gehörte sie dem deutschen A-Nationalteam an. Erfolg reihte sich an Erfolg – und das trieb Oliwa immer weiter an, ließ ihren Ehrgeiz wachsen.

„Für mich haben sich die Entbehrungen gelohnt, denn der Sport hat mir viel zurückgegeben.“ Dank des Höchstsatzes der Sporthilfe – es waren damals 750 D-Mark – und kleineren Sponsorenverträgen konnte die Schwimmerin von ihrem Sport leben und sich ihr Studium finanzieren.

„Auch Bayreuth und seine Einwohner haben mich unheimlich gefördert und mir Selbstvertrauen gegeben.“ Im kleinen Stil seien das Gratis-Einkäufe beim Metzger oder Gratis-Essen in einem Lokal gewesen, doch war da noch auch etwas „Großartiges und Unvergessliches“.

Als Oliwa 1968 aus Mexiko zurückgekehrt war, gab es eine große Parade. Im Cabrio wurde sie durch die Stadt gefahren, am Straßenrand jubelten ihr zahlreiche Menschen zu und der sportbegeisterte Oberbürgermeister Hans-Walter Wild, er hatte extra eine Stadtratssitzung dafür unterbrochen, begrüßte sie am Markt. „Das war irre, beeindruckend, aber auch etwas befremdlich“, sagt Oliwa. „Ich war ja erst 16.“

Frühes Karriereende

Durch den Rückhalt in der Bayreuther Bevölkerung kam es für die Schwimmerin auch nie in Frage, in eine größere Stadt zu einem größeren Verein zu wechseln. Dort finde man vielleicht bessere Trainingsbedingungen, sei aber auch eine von vielen. „Ich hatte in Bayreuth alles, was ich brauchte, um erfolgreich zu sein. Und selbst wenn es manchmal nur die 20-Meter-Bahn im Graf-Münster-Gymnasium und mein Ehrgeiz waren. Für mich war alles perfekt.“

Ihre aktive Karriere endete aus anderen Gründen sehr früh. Die Leistungen stimmten, doch Oliwa wollte nicht zum Spielball von Verbandsfunktionären werden. „Ich will bei den Querelen nicht ins Detail gehen, aber für mich war klar, dass ich mich nicht mehr auf den Sport konzentrieren konnte.“

Also schloss Oliwa 1974 – im Alter von 22 Jahren – mit dem Schwimmen ab und schlug das nächste Kapitel in ihrem Leben auf. Bayreuth blieb sie treu und unterrichtete 25 Jahre am Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium Sport. Anschließend folgte der Umzug nach Memmingen, der Kontakt nach Bayreuth riss nie ab, Oliwas Mutter und Tochter leben hier.

Der Schwimmsport spielt jedoch kaum mehr eine Rolle in ihrem Leben. „Ich bin lange genug von Wand zu Wand geschwommen, habe genug Kacheln gesehen. Das ist mir heute zu langweilig“, sagt Oliwa. Sie bevorzugt nun Outdoor-Sportarten wie Joggen, Wandern oder Skifahren.

Faszination Olympia lebt

Die Faszination Olympia lässt die 64-Jährige aber nicht los. Alle vier Jahre erhält sie vermehrt Autogrammwünsche, zuletzt aus Schweden. Alle vier Jahre ruft sie sich die Erinnerungen an 1968 und 1972 bewusster ins Gedächtnis zurück. Alle vier Jahre wirft sie einen genaueren Blick auf das Regal im Schlafzimmer, auf dem ihre Medaillen liegen. „Olympia ist eben das Größte, was man als Sportler erreichen kann. Und ich habe sogar Medaillen gewonnen. Das macht mich schon stolz.“

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