Pilgern ist laufen und schweigen

Links, rechts oder geradeaus: Sie reden nicht viel unterwegs. Sie schauen. Bewundern die Natur und beobachten die Pflanzen beim Wachsen. Im April, als sie losgelaufen sind, sahen sie Bauern beim Bestellen ihrer Felder. Einige Zeit später beim Säen, kurz darauf entdeckten sie die ersten Sprösslinge – jetzt steht der Mais schon einen halben Meter hoch. „Manchmal leiden wir aber auch einfach ein bisschen“, sagt Jean-Jaques.

Schweigend folgt beim Gehen Gedanke auf Gedanke und verliert sich wieder. Es geht um den Weg, um das Fühlen. „Bei früheren Reisen merkte ich gar nicht, dass ich auf Reisen bin“, sagt Jean-Jaques.

Diskussionen gibt es eigentlich nur über die Wegführung. In der Vorbereitungszeit haben sich die beiden die direkte Verbindung zwischen Plouhinec und Czestochowa angesehen, die Route an der einen Stelle ein wenig nach oben, an der anderen ein wenig nach unten verschoben, um sie möglichst schön zu machen – und um Weidenberg unterzubringen.

Diesem Plan folgen sie mehr oder weniger genau mit Hilfe von Google Maps und GPS. Da kommt es vor, dass sie mitten im Wald wandern, auf Wegen die als solche gar nicht mehr  klar zu erkennen sind. Kommt dann noch ein Wildwechsel dazu, gibt es doch ein Gespräch: Links, rechts oder geradeaus?

Pilger – Foto - Erdbeeren

Pilger sind eigentlich überall willkommen, erzählen Agnes und Jean-Jaque. „Die Leute spüren irgendwie, dass wir keine normalen Wanderer sind. Alle versuchen, zu helfen, Sprachbarrierren werden zur Not mit Hilfe von Händen und Füßen aus dem Weg geräumt. Agnès und Jean-Jaques sprechen neben französisch ein wenig englisch. Und Jean-Jaque bretonisch.

Auf Deutsch können sie ein paar Worte. „Guten Tag, Pilger, Foto“. Und seit neuestem „Erdbeeren“. Seit dem Tag, an dem es vermutlich ganz gut war, Deutsch nicht zu verstehen. Als Jean-Jaques wissen wollte, was in den riesigen Plastikplanen-Gewächshäusern in der Pfalz angebaut wird. Die Plane neugierig ein wenig zur Seite schob und hineinfotografierte – während zeitgleich der Bauer hinter ihm auf seinem Traktor vorbeikam.

Der bremste, schaute böse und brüllte etwas. „Wir haben nichts verstanden, aber ich bin sicher, das war nicht freundlich“, vermutet Jean-Jaques. „Pilger – Foto“, entgegnete er und das half: Der Bauer brummelte davon. Eine halbe Stunde später wurden die beiden Wanderer auf ihrem Pfad von einem Auto abgedrängt. Der Bauer sprang raus, brüllte „Stopp!“ und schaute noch genauso bös, als er aus dem Fond einen Geschenkkorb für die Pilger hob: „Erdbeeren.“

20 mal 30 wird zu 2400

In Plouhinec (das im Departement Morbihan, keinesfalls zu verwechseln mit dem ein paar Kilometer entfernt gelegenen Plouhinec-Finistere, sonst schauen selbst Pilger bös), ist esüblich, dass gläubige Menschen regelmäßig zum etwa 30 Kilometer entfernt gelegenen Wallfahrtsort Sainte Anne d’Auray wandern. „Ich habe das auch mindestens 20 Mal gemacht“, sagt Jean-Jaques. „Und jedes, wirklich jedes Mal habe ich mir dabei gesagt: Irgendwann gehe ich nach Compostela.“

Im Jahr 2007 ging er zunächst mal in Rente. Jean-Jaques (Jahrgang 1947) war zuvor Direktor einer Schule für Landwirtschaftslehre. Zwei weitere Jahre hatte er nun Zeit, um zu planen. Als 2009 auch Agnès (Jahrgang 1949), Sekretärin an einem Gymnasium, in Rente ging, liefen sie los. Etwa 1600 Kilometer. Es war schön, sie waren glücklich.

Vier Jahre später wagten sie es wieder. Liefen nach Rom. Gut 2000 Kilometer. Bei beiden Wanderungen trafen sie unterwegs viele andere Pilger. Tauschten sich abends aus. Und hörten Polen von dem Ziel erzählen, zu dem sie nun, vier weitere Jahre später unterwegs sind: Czestochowa mit seiner Schwarzen Madonna. 2400 Kilometer.

Frankreich, Deutschland, Tschechien, Polen

In Frankreich wanderten sie an Atomkraftwerken vorbei, in Deutschland an Windrädern. „Es ist verblüffend, wie viele es davon gibt“, sagt Jean-Jaques. Verblüfft war das Paar auch von der Landschaft. Angesichts der Wirtschaftskraft hätten sie in Deutschland flächendeckend Industrie erwartet, fanden aber Wälder und Felder.

Und noch nie war ihnen so klar, dass Weidenberg in Franken liegt. „Wir dachten, wir kommen durch Bayern. Aber wir sahen nur rot-weiße Fahnen und in jedem Gasthof bekamen wir fränkische Küche.“ Großartig finden sie, dass seit Überschreiten der bayerischen Grenze alle Kirchentüren offen waren. Großer Unterschied zu ihren vorherigen Wanderungen ist bei dieser aber die Einsamkeit auf dem Weg.

Die Schicksalsgemeinschaft mit anderen Pilgern, alle abends müde und am neuen Morgen wieder voll neuem Tatendrang, fehle manchmal, sagt Jean-Jaques. Ob sie in Tschechien auf andere Pilger treffen werden, wird auf ihrem täglichen Blog zu lesen sein. Spätestens in Polen rechnen sie fest damit.

Verbrannte Haut

Gute Vorbereitung ist alles. Auf ihrer Internetseite findet sich auch die Packliste. Unter anderem für jeden zwei Unterhosen und drei Paar Socken. Fünf Taschentücher für Jean-Jaques, zwei für Agnès. Sechs Kilogramm wiegt ihr Rucksack, seiner acht, das gilt ohne Essen.

Als sie in Bayreuth, ihrer letzten Station vor Weidenberg, beim Kaffeetrinken gegenüber eine Deutsche Post entdecken, schicken sie spontan ein Paket nach Hause mit allem, was inzwischen unnötig ist. Die warmen Hosen, zum Beispiel. Oder die defekte Kamera, längst durch eine neue ersetzt. Und die kaputte Armbanduhr, die einen weißen Streifen am inzwischen tiefbraunem Arm von Jean-Jaques hinterließ.

Jetzt leuchtet dort ein schmaler roter Streifen – Sonnenbrand statt Armbanduhr. Das kommt vermutlich auch in den Blog: Vier Kinder und 13 Enkel lesen von zu Hause aus mit, was den beiden unterwegs begegnet.

Hier finden Sie den Blog von Agnès und Jean-Jaques Le Foch

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