Pfarrer in Nemmersdorf übt heftige Kritik an kirchlichem Video

In dem Streifen wird nicht gesprochen. Menschen begegnen sich auf einer öffentlichen Toilette. Männer, Frauen, Transvestiten, Transsexuelle. Und nicht zuletzt ein Vater, der auf die Frauentoilette gehen muss, weil es bei den Männern keinen Wickeltisch für Babys gibt. Die Botschaft mit biblischem Bezug: Eine Tür ist genug.

Im Gespräch mit dem Kurier stellt Günter Weigel klar: Es gehe ihm ausschließlich um Kritik an dem dreiminütigen Video, das auf der Internetseite eine-tuer.de gezeigt wird. Keine Kritik an der Kirche an sich. Eine künstlerische Ausdrucksform, deren Inhalt jeder für sich selbst interpretieren müsse. So sieht es Pfarrer Weigel.

Nicht die Botschaft des Schöpfungsberichtes

Er sieht in dem Video aktive Werbung für alternative Lebensentwürfe, abweichend vom Beziehungsbild von Mann und Frau. Und das sei nicht Aufgabe der Kirche. „Die Kirche muss sich an der heiligen Schrift orientieren“, sagt der Nemmersdorfer Pfarrer. Die Bindung zwischen Mann und Frau sei die klare Botschaft des Schöpfungsberichtes. Andere Lebensentwürfe müssten ausdrücklich toleriert, sollten von der Kirche aber nicht beworben werden.

Was Weigel außerdem ärgert: „Kritik an dem Video ist unerwünscht.“ Er selbst habe es versucht, habe in den Online-Kommentaren auf der Homepage des Videos seine Meinung gesagt, die unveröffentlicht blieb. Dass Online-Kommentare von den Moderatoren eines Forums nicht veröffentlicht oder gelöscht werden, passiert beispielsweise, wenn der Inhalt beleidigend ist. Weigel betont, dass seine Kritik deutlich aber ebenso sehr sachlich war.

Kirchenvorstand äußert sich nicht

„Es werden nur zustimmende Kommentare veröffentlicht“, kritisiert der Nemmersdorfer Pfarrer. Deshalb habe er den Betreibern der Internetseite eine-tuer.de in seiner Andacht Zensur von Meinungen vorgeworfen. Daher auch der Totalitarismus-Vorwurf. Tatsächlich kommen aber auch kritische Stimmen zu Wort. Ein Nutzer schreibt: „Es ist eine Schande, wie in diesem Video dem Zeitgeist gehuldigt wird.“ Daraufhin wird diskutiert.

Günter Weigel beschreibt sich selbst nicht als jemanden, der gerne polarisiert. Wohl aber als jemanden, der seine Meinung deutlich zum Ausdruck bringt, wenn er es für angebracht hält. „Eine Andacht zielt nie auf ungeteilte Zustimmung“, sagt der Pfarrer. Kritik aus seiner Gemeinde habe es an seinem Gemeindebrief aber nur vereinzelt gegeben. Mehrheitlich habe er Zustimmung erfahren. Der Kirchenvorstand will sich gegenüber dem Kurier nicht äußern. Dem Vernehmen nach steht er aber hinter dem Pfarrer.

Dekan Lechner stellt sich schützend vor seinen Pfarrer

Schützend vor Günter Weigel stellt sich Dekan Hans-Martin Lechner. „Natürlich ist die evangelische Kirche nicht mit einer totalitären Organisation zu vergleichen. Das habe ich dem Pfarrer auch gesagt“, so Lechner. Auch die Überlegung der Nemmersdorfer Gemeinde, als Konsequenz aus dem Video die Kollekte nicht mehr an die EKD abzuführen, lehnt er ab. Aber eine Andacht solle immer zum nachdenken anregen. Lechner: „Über diese Andacht kann man eben trefflich streiten.“ In der Haltung Weigels sieht der Dekan eine theologische Position, die man innerhalb der evangelischen Kirche durchaus haben könne. „In der Kirche gibt es verschiedene Positionen“, sagt Lechner. „Und das ist auch gut so.“

Günter Weigel will die Aussagen im Gemeindebrief nicht revidieren. Klarstellen, darum geht es ihm. Er will sich kein Urteil über bestimmte Lebensentwürfe anmaßen, sondern Toleranz üben. Die Sache mit der Kollekte sei „erstmal vom Tisch“, sagt er. Aber seine Kritik am Video der EKD-Gruppen hält er aufrecht.

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Kommentare

Leider konnte ich den Artikelnoch nicht ganz lesen ,Kommentar zu späteren Zeitpunkt!?
Da kann man doch gleich mal zeigen, ob man Toleranz leben kann, in diesem Falle auch gegenüber dem Nemmersdorfer Pfarrer. Er darf auch wie all die anderen, die immer Toleranz einfordern, eine Meinung haben und diese auch äußern.
"Andere Lebensentwürfe müssten ausdrücklich toleriert, sollten von der Kirche aber nicht beworben werden." Ein wichtiger Satz, den sich jeder zu Gemüte führen sollte.

Eigentlich ist doch klar, was das kleine Video aussagen will.
Als Zielgruppe war aber kaum ein kleines Dorf in Oberfranken angedacht.
Aber jetzt hat Pfarrer Günter Weigel es dazu gemacht.
Ich kann Pfr.Weigel nur zustimmen,selbst wenn mit spitzer Feder verfasst.Kirche ist nicht dazu da sich allem und jedem anzupassen,was heute leider allzuoft geschieht. Für sie gilt nur die Heilige Schrift als Richtschnur,aber keinesfalls ist es ihre Aufgabe irgendwelchen zeitgeistlichen Erscheinungen das Wort zu reden.
"Für sie gilt nur die Heilige Schrift als Richtschnur,..."
Soll das heißen, dass alle neuen Erkenntnisse aus der Wissenschaft, die natürlich den heutigen Zeitgeist bestimmen, vom gläubigen Menschen nicht zur Kenntnis genommen werden dürfen?
Ich halte diese Einstellung für intolerant.
Seinen Glauben allein nach der Bibel (oder Koran) auszurichten halte ich für nicht lebensnah und lebenswert.
Der Pfarrer zeigt sich überaus tolerant, nur sieht er ausdrücklich jenseits des Akzeptierens anderer Lebensweisen eben nicht den kirchlichen Auftrag, dafür auch noch aktiv zu werben. Auch als Pfarrer darf und muss man eine Position haben. Das ist legitim und ausreichend differenziert. Was man von Ihrem Kommentar nicht behaupten kann.
Natürlich kann ein Pfarrer seine Meinmung äußern!!!
Aber:
„Natürlich ist die evangelische Kirche nicht mit einer totalitären Organisation zu vergleichen. Das habe ich dem Pfarrer auch gesagt“, so Lechner. Auch die Überlegung der Nemmersdorfer Gemeinde, als Konsequenz aus dem Video die Kollekte nicht mehr an die EKD abzuführen, lehnt er ab."
Frage:
Ist damit die "überaus tolerante" Meinung des Pfarrers gemeint?

Ich gehe übrigens davon aus, dass es unumstritten ist, dass die heutigen Erkenntnisse aus der Wissenschaft eine neue Bewertung der Bibel unerlässlich machen.
Der Glauben an etwas als nicht Verstehbares oder Greifbares entwickelt sich im Laufe eines Lebens ständig weiter.
Ältere Menschen, die dem Ende näher kommen, leben ihr Leben unmittelbarer und demütiger und sind damit vielleicht auch gütiger und wohlwollender.