Peter Emmerich: „Ich wäre nicht in die DDR zurückgegangen“

Herr Emmerich, was haben Sie gemacht, während die DDR zusammenbrach?
Peter Emmerich: Ich war damals gerade aus Dresden nach Bayreuth zurückgefahren. Ich hatte damals noch eine Verpflichtung an der Dresdner Oper: als Abendspielleiter bei „Meistersinger“ und „Fliegender Holländer“, die Wolfgang Wagner dort inszeniert hatte, und beim „Parsifal“ von Theo Adam. Er feierte damals am 1. Oktober sein 40. Bühnenjubiläum. Am 2. oder 3. Oktober kam ich zurück, da war in Dresden noch gar nichts los, alles war totenstill. Wenige Tage später kamen dann die Züge aus Prag durch.

Wie war die Atmosphäre an der Dresdner Oper in diesen Tagen?
Emmerich: Sie wissen ja, wie das so ist an einem Opernbetrieb – eine Oper ist meistens eine kleine Insel der Seligen. Die Leute sprechen über ihre nächsten Partien oder die kommenden Gastspiele, das war auch damals nicht viel anders.

Wie haben Sie den 9. November in Bayreuth erlebt?
Emmerich: Das war ein ganz normaler Arbeitstag. Ich habe abends die heute-Nachrichten gesehen, ich glaube mich zu erinnern, dass die Nachricht da schon lief. Oder war es eine Sondersendung? Mir war jedenfalls nicht sofort klar, was das jetzt bedeutete.

Wie ging es weiter?
Emmerich: Der Freitag verging normal, am Samstag rief gegen 10 Uhr Gudrun Wagner an, sie sagte: ‚Herr Emmerich, hier oben ist alles voll! Die sind alle hier!‘ Normalerweise ist es um diese Zeit auf dem Grünen Hügel ja ziemlich leer, und auf einmal war alles zugeparkt. Ich bin dann in die Stadt gegangen, es war ein Tag mit herrlichem, kalten Wetter, und auch die Innenstadt war rappelvoll. Das war beinahe unwirklich, ich glaube, das ging vielen Leuten so – die sagten, fahren wir doch mal schnell, wer weiß, ob die Grenze nicht wieder zugemacht wird.

Haben Sie Besuch von Freunden oder Verwandten bekommen?
Emmerich: Ich war damals ja noch verheiratet. Meine Frau lebte in Dresden, die kam sofort hierher, musste am Sonntag aber wieder zurück. Das war ein Taumel, an diesem Tag.

Und vorher? Mit welchen Gefühlen haben Sie die Entwicklungen verfolgt?
Emmerich: Mit gemischten – ich habe oft mit Freunden und Bekannten gesprochen, viele waren sehr engagiert, und dachte immer wieder: Toll, was die erleben. Auf der anderen Seite war mir aber klar: Eigentlich hast du unverschämtes Glück, dass du hier bist. Meine Situation war ja sehr sonderbar, ich selbst konnte hin und her fahren, die anderen aber nicht. Trotzdem – wer wusste denn, ob nicht irgendeiner sagte: Sie kommen nicht mehr raus. Oder nicht mehr rein. Obendrein war meine Ausreisegenehmigung auf drei Jahre befristet, bis 1992. Auch wenn ich nicht im Traum daran gedacht habe, wieder zurück zu gehen.

Sie waren entschlossen, hier zu bleiben?
Emmerich: Also, wenn man einmal den Fuß rausgesetzt hatte, und zwar nicht als Besucher, sondern in einem Arbeitsverhältnis... Ich glaube, das war auch allen klar. Ich war so ein kleines Licht, dass man auf mich keinen besonderen Wert legte. Dass das überhaupt genehmigt wurde, war aus meiner heutigen Sicht schon eine Schwäche des Systems.

Wie kamen die Anstellung in Bayreuth – und die Ausreisegenehmigung überhaupt zustande?
Emmerich: Wolfgang Wagner hat in Dresden 1988 den „Holländer“ inszeniert, er fragte mich, ob ich mir zutrauen würde, als Leiter des Pressebüros nach Bayreuth zu kommen. Und, ob Sie’s mir glauben oder nicht, wahrscheinlich glaubt‘s mir niemand: Mir ging es gar nicht so sehr um den Westen an sich. Aber Bayreuth, die Festspiele – das war’s! Ich war 1987 schon einmal besuchsweise hier gewesen, auf Einladung Wolfgang Wagners – wir hatten 1985 bei seiner Inszenierung „Meistersinger“ in Dresden zusammengearbeitet.

Warum sind Sie nicht schon 1987 im Westen geblieben?
Emmerich: Klar, ich habe mit dem Gedanken gespielt. Aber ich wollte es Wolfgang Wagner nicht antun, er hätte sicherlich Probleme bekommen. Er war ja gerade dabei zu versuchen, wieder Musiker und andere Künstler aus der DDR nach Bayreuth zu holen. Er hat damals sehr offen gesagt: Wenn Sie die Absicht haben sollten – dann machen Sie’s so, dass ich’s nicht weiß. Das war ihm also klar. Mir hat dann aber der Mut gefehlt.

Er fragte Sie also, ob Sie nach Bayreuth kommen wollen – und dann?
Emmerich: Ich fragte, wie das gehen solle. Und er sagte, lassen Sie mich mal machen, ich versuche das. Über welche Ecken das lief, wen Wolfgang Wagner da gefragt hat – keine Ahnung. Irgendwie hat es dann geklappt, nach langem Hin und Her. Das war keine schöne Zeit, auch gesundheitlich ging es mir da nicht gut – einmal hieß es, ja, sieht gut aus, dann wieder: Können Sie vergessen. Informationen gab es nur auf Nachfrage, das wurde stets als sehr lästig empfunden. Mit Sicherheit wurde ich da auch durchleuchtet und eingeschätzt: Wie wichtig ist der für uns? Aber ich war ja nur ein kleiner Regieassistent in Dresden, ein kleines Licht...

Viele andere kleine Lichter wurden auch nicht rausgelassen.
Emmerich: Ja, das ist wahr. Dass ich nicht als Künstler, sondern als Angestellter rübergehen wollte, und dann auch noch in einen so sensiblen Bereich wie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit – das hat die Sache vermutlich zusätzlich in die Länge gezogen.

Seit Ihre Tätigkeit für das Amt für Staatssicherheit bekannt ist, scheint der Grund für Ihre Ausreiseerlaubnis für Außenstehende relativ klar zu sein: Klar, dass Peter Emmerich raus durfte, er war ja bei der Stasi.
Emmerich: Das wäre eher ein Hinderungsgrund gewesen. Dieses echt miese Kapitel ist ja Gott sei Dank aufgeklärt. Es betraf ausschließlich meine Militärzeit, und die war vor 37 Jahren, ich war damals 19 Jahre alt. Das war eine Riesendummheit und eine Verfehlung, die ich mit Scham sehr bereue. Ich will nichts entschuldigen und auch nichts bagatellisieren. Nur ist es inzwischen wirklich sehr lange her. Würde ich mich seitdem nicht verändert haben, wäre es schlimm. Die Tätigkeit war auf die Militärzeit begrenzt und ist unter den Voraussetzungen des Militärdienstes zustande gekommen.

Welche Voraussetzungen meinen Sie?
Emmerich: Eine Mischung aus Verführungskraft und Repression. Einerseits das Angebot: ‚Sie wollen doch studieren. Sehen Sie mal, Sie könnten dies oder jenes tun und bekommen, wenn Sie unterschreiben. Und andererseits die Repression, dass der Studienplatz in Frage stehen könne oder der Militärdienst sehr hart würde. Es gab bestimmte Stützpunkte, die waren als ‚Schleiferstätten‘ bekannt; einer fällt mir noch ein: Marienberg im Erzgebirge, ein verrufener Platz. Und vor all solchen Dingen hatte ich wahnsinnig Angst. Nach dem Militär, das ist nachweislich so, hatte ich mit alldem nichts mehr zu tun – abgesehen davon, dass man natürlich als DDR-Bürger immer mit der Stasi zu tun hatte, auch ohne es zu wissen.

Was haben Sie damals unterschrieben?
Emmerich: Eine Verpflichtungserklärung, Berichte zu liefern. Stimmungsberichte.

Haben Sie jemanden bespitzelt? Herrn Sowieso oder Frau Sowieso?
Emmerich: Es ist mir nicht bekannt, dass ich auf jemanden angesetzt worden wäre.

Aber haben Sie Aussagen getroffen über Herrn X oder Frau Y, in den Stimmungsberichten?
Emmerich: Das ist wahrscheinlich. Ich habe mir meine Akte schicken lassen, es ist nicht wahnsinnig viel, ein Ordner. Manche Sachen sind doppelt und dreifach drin, das meiste stammt aus späteren Jahren – aus der Zeit, in der ich selbst beobachtet wurde. Sehr vieles ist geschwärzt.

Wissen Sie, wer Sie bespitzelt hat?
Emmerich: Ich habe gelesen, was über mich gesagt wurde, aber nicht, wer’s war – und ich will es auch nicht wissen. Von einem ehemaligen Kollegen weiß ich’s, er hat es mir mitgeteilt, als er ‚abgehauen‘ ist. Er sagte, er sei erpresst worden, mag sein, dass das stimmt, das wird vielen so gegangen sein. Wenn man will, kann man jeden kriegen. Dieses ganze System beruhte ja darauf, dass einer den anderen beobachtete oder bespitzelte und man sich auch nie sicher sein konnte.

Das könnte man sich natürlich sehr gut zusammenreimen: Wolfgang Wagner inszenierte in Dresden, Peter Emmerich arbeitete für die Stasi...
Emmerich: …das war damals schon lange vorbei…

...und dann hat natürlich Emmerich Berichte über Wolfgang Wagner abgeliefert und durfte darum mit in den Westen, wo ja auch Sänger aus der DDR immer wieder gastierten.
Emmerich: Eine solche Behauptung wäre grundfalsch. Nein, das hatte nichts miteinander zu tun. Als ich mit Wolfgang Wagner zu tun hatte, lag jenes andere Kapitel bereits eine ganze Weile zurück. Das lässt sich auch unschwer beweisen.

Wann haben Sie aufgehört, Berichte abzuliefern?
Emmerich: Mit Ende meiner Militärzeit. Ich habe später in den Unterlagen gefunden, dass offenbar versucht wurde, während meines anschließenden Studiums nochmal Kontakt aufzunehmen, was ich bisher gar nicht gewusst hatte, und dass ich überhaupt nicht reagiert hätte.

Bei den Bayreuther Festspielen waren regelmäßig Sänger und Musiker aus der DDR engagiert. Wie funktionierte das?
Emmerich: Musiker kamen erst seit 1988 wieder – Wolfgang Wagner hatte die Engagements in Dresden auch angenommen, um den Kontakt zu intensivieren. Er wollte unbedingt wieder Musiker aus der Dresdner Staatskapelle im Festspielorchester haben – das war bis kurz vor dem Mauerbau noch gang und gäbe. 1988 hat es dann wieder geklappt, recht kurzfristig. Solisten waren immer wieder hier – Rainer Goldberg, Eva-Maria Bundschuh, Ekkehard Wlaschiha, Uta Priew..., um nur einige zu nennen. Ab 1990 wurden die Engagements natürlich wesentlich einfacher. Die Sänger und die Musiker waren hier keine besondere Attraktion, sondern wurden ganz normal in die Abläufe integriert. Das mag auch daran liegen, dass bei den Bayreuther Festspielen die Künstler ohnehin aus allen Himmelsrichtungen zusammen kommen. Ich erinnere mich noch, wie sich die Musiker im Sommer 1990 begrüßt haben und sagten: Ja, vor einem Jahr hätten wir das alles noch längst nicht geahnt.

Das Gespräch führte Florian Zinnecker

Info: Alle Beiträge der Kurier-Serie „25 Jahre Mauerfall“ sind auf unserer Internetseite nachzulesen. Geben Sie dazu einfach die Adresse
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Nicht bewertet

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Kommentare

Meines Erachtens äußerst unpassend die Personalie Emmerich in einer Serie "25 Jahre Mauerfall" auszupacken. Porträtieren sie lieber Leute, die sich in welcher Art und Weise auch immer engagiert haben und nicht welche, deren Rolle in der ehemaligen DDR nicht unumstritten ist.
Machen wir doch, Dynamo. Unsere Serie lebt von der Vielfalt der porträtierten Menschen.
http://www.nordbayerischer-kurier.de/nachrichten/festspiele_pressesprecher_emmerich_fr_her_stasi_im_40649

Fällt mir dazu ein....
Montag, 13. November 2017 - 11:06