Parsifal-Regisseur Laufenberg im Interview

Wie lange haben Sie überlegen müssen, ob Sie in Bayreuth eine Produktion übernehmen?

Uwe Eric Laufenberg: Als Bayreuth anrief, musste ich keine Sekunde lang überlegen. Ich hatte schon in Köln ein Konzept für den „Parsifal“ gemacht, das wir 2013, zum Wagner-Jubiläumsjahr auf die Bühne hätten bringen wollen. Leider haben wir uns in Köln 2012 überworfen. Ich war sehr traurig, das Stück in Köln nicht machen zu können.

Macht Ihnen das zu schaffen, dass man Sie in Bayreuth eher als Einspringer wahrnehmen wird denn als Retter?

Laufenberg: Gucken Sie sich doch mal die Geschichte von Bayreuth an, ach, insgesamt die Geschichte des Theaters. Selbst Patrice Chereau war damals ein Einspringer, auch Götz Friedrich oder Harry Kupfer. Und als Fura dels Baus den „Parsifal“ in Köln übernommen hat, musste ich das auch hinnehmen. So ungewöhnlich ist das wirklich nicht.

Sagen Sie das mal Jonathan Meese.

Laufenberg: Vielleicht kann ja Herr Meese den „Parsifal“ woanders machen.

"Den Chéreau-Ring werde ich niemals vergessen"

Der „Parsifal“ bringt nicht unbedingt Glück. Denken Sie manchmal an Christoph Schlingensief?

Laufenberg: Schlingensief war ein Sonderfall, mit seiner Erklärung, dass Bayreuth seine Wunde sei, diese Verbindung von Amfortas, Wagner und Tod... Ob ich mir diese Überidentifizierung antue, muss ich mir noch überlegen. Ich glaube aber eher nicht.

Sie waren Wagner-Stipendiat, kennen Bayreuth schon länger...

Laufenberg: Ja, ich war zum letzten „Ring“-Zyklus von Patrice Chéreau das erste Mal im Festspielhaus. Das werde ich nie mehr vergessen. In Köln bin ich groß geworden mit der Aufführung des „Rings“ von Wieland Wagner, 1978 wurde er auch noch einmal mit Theo Adam und Birgit Nilsson gegeben. Und nach der eher abstrakten Szene von Wieland Wagner, war Chéreau für mich die Erfüllung des Theaters. Er hat für Wagner wiederentdeckt, dass wirklich Theater gespielt wird. Das hat mich so begeistert, dass ich versucht habe, alle Chéreau-Aufführungen zu sehen, bis zu seinem Tod.

Mit seiner Interpretation des „Rings“ als Umweltdrama...

Laufenberg: Wie Gier die Umwelt bedroht, das war eher Kupfer. Chéreau verlegte den „Ring“ ins 19. Jahrhundert. Er setzte neue archaische, aber eben auch realistische Bilder auf die Bühne.

Ein Schwert für Steve Jobs

Sie haben ja auch gerade den „Ring“ inszeniert, wie sind Sie das Werk angegangen?

Laufenberg: Wir haben versucht, die die Zeitspanne zu weiten, noch über unsere Zeit hinaus. Siegfried sehen wir da als moderne Figur. Das war doch das Schwierige gewesen, dass man Siegfried nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch als Antiheld sehen wollte. Heute kann man sich Siegfried vielleicht als eine Art Steve Jobs vorstellen, der sein Schicksal mit einer Erfindung auf eine neue Bahn lenkt, so dass man sich das Schmieden des Schwertes doch wieder als eigene Tat denken kann, die ihn reich und bedeutend macht, zum größten Held von allen. Er begründet eine Ordnung, die die Menschen aber nicht notwendigerweise glücklich macht. Am Ende steht Zerstörung. Doch wenn man die Musik anhört, ganz am Ende bleibt doch ein deutlicher Streifen Hoffnung am Horizont.

Der „Ring“ wird 2016 zu vorletzten Mal in der Inszenierung von Frank Castorf zu sehen sein. Und Sie feiern Premiere. Was können Sie denn schon über „Parsifal“ sagen, einen Gralsritter in Zeiten des erneuerten Glaubenskrieges?

Laufenberg: Es ist richtig, das Stück hat eine religiöse Komponente. Aber es allein aus dem Christlichen heraus zu erklären, reicht wohl nicht. Der „Parsifal“ war Wagners Versuch, aus dem Christentum das Entscheidende, nämlich Empathie, Mitleid, herauszudestillieren und über den Zwang des Gekreuzigtwerdens hinaus zu kommen. Was er an Religion für ideologisch oder gar machtversessen hält, das hat Wagner abgelehnt. Dass Religionen weiterhin Menschenopfer fordern, ist ja auch heute an den Religionen schwer erträglich. Eine andere Komponente für Wagner war wohl, dass er bei jedem Takt wusste, dass er sein letztes Werk komponieren würde. Der Tod ist ja wohl die persönlichste religiöse Komponente. Wagner stellt sich in Parsifal den letzten Fragen. Er hat gegen den normalen Amüsierbetrieb im Theater opponiert. Das Werk ist ja allein für Bayreuth geschrieben und sollte nur hier aufgeführt werden. Damit hat er Bayreuth selbst zu so etwas wie den Gral gemacht.

"Gralsritter sind auserwählt"

Nun sind die Gralsritter aber doch eine christliche Gemeinschaft. Eine bedrohte Gemeinschaft, als Parsifal auf den Plan tritt. So wie das Christentum heute: Im Nahen Osten bedroht von islamischen Fundamentalisten, in Europa vom unwürdigen Streit um die Flüchtlinge. Eine Steilvorlage für einen Regisseur?

Laufenberg: Gralsritter sind auserwählt, um Menschen in Not zu helfen. Wo ist Christentum im christlichen Sinne, im mitmenschlichen, empathischen Sinne, besonders bedroht? Insofern blicke ich schon auf die aktuelle Situation. Ich versuche, beides in den Blick zu nehmen. Wir haben im Irak, in Sulaimanyia, die „Entführung aus dem Serail“ gespielt. Das waren die ersten Opernaufführungen überhaupt im Irak. Sich vorzustellen, dass die Gralsburg eher dort liegt als in Nordspanien, finde ich einen durchaus interessanten Gedanken.

Was bis auf den Titurel schon steht, ist die Besetzung des „Parsifal“, angeführt von Klaus Florian Vogt in der Titelrolle. Ihre Meinung?

Laufenberg: Eine sehr gute Besetzung, auf die ich mich sehr freue. Mit Elena Pankratova haben wir auch eine neue Kundry gefunden.

Die unlängst in München gefeiert wurde, in der „Frau ohne Schatten“...

Laufenberg: Kundry ist eine der schwierigsten Figuren. Sie hat so viele Facetten, auch in ihrer Schizophrenie. Den Typus einer Sängerin mit dieser Kundry zusammenzubringen, ist immer schwierig. Ich freue mich drauf. Auch auf Klaus Florian Vogt natürlich. Ein so ungewöhnliches Timbre...

Kommen wir auf Ihre Zeit in Köln zurück. Dort gab es einige Verwicklungen, viel Streit, bevor Sie in Wiesbaden in einem ruhigen Hafen landeten.

Laufenberg: Ein großer Hafen, mit 900 Vorstellungen und 40 Premieren. Ein großes Dreispartenhaus. Das ist noch mal was anderes, als nur eine Oper zu leiten.

Hat der Streit in Köln Wunden hinterlassen?

Laufenberg: Verwundungen? Darüber habe ich nicht mehr nachgedacht, erst recht nicht seit der Wahl in Köln. Das war ja mit die schrecklichste Geschichte überhaupt, dass die Kandidatin, Henriette Reker, die mittlerweile ihr Amt als Oberbürgermeisterin auch antreten konnte, damals wegen eines Attentats in die Intensivstation eingeliefert werden musste. Was meine Geschichte betrifft: Die Leute, die mich abgesetzt haben, sind nun ihrerseits entmachtet.

"Das ist nur in Palermo so"

Spüren sie Genugtuung?

Laufenberg: Nein, dafür ist das, was da kürzlich in Köln passiert ist, einfach zu schrecklich. Nun ist ja Wiesbaden auch nicht so weit von Köln entfernt, insofern bekommt man da einiges mit. In Wiesbaden haben wir ein funktionierendes Theater. Viele Fans kommen jetzt nach Wiesbaden.

Darf ich Sie auch Signore Moncorrente nennen? Sie haben einen Roman geschrieben, der in Palermo spielt. Man soll darin den Kölschen Klüngel ganz gut wiedererkennen.

Laufenberg: Wie Sie sagen, das Buch spielt in Palermo. Ich wollte ein Buch über Kommunalpolitik schreiben. Und die ist so natürlich nur in Palermo (lacht).

Natürlich gibt es das in Bayreuth auch nicht. Wo Sie im Juli 2016 den „Parsifal“ stemmen werden. Spüren Sie Nervosität?

Laufenberg: Nein, es ist eher so, dass ich glücklich bin. Ob ich Einspringer bin oder nicht, spät oder früh, das ist nicht so wichtig, in diesem Punkt ist Bayreuth eben auch nur ein Theater, da braucht man immer Einspringer.

"Der ,Parsifal' ist mächtiger als Herheim

Wie auch Frank Castorf. Was halten Sie von seinem „Ring“?

Laufenberg: Ich habe von ihm sehr viel gesehen. 1987, also noch weit vor der Wende, z.B. am Deutschen Theater Berlin „Paris Paris“. Es war eine der schönsten Produktionen, die ich überhaupt gesehen habe. Aber das ist ja mittlerweile lange her, an gewisse Handschriften gewöhnt man sich.

Sie fanden den „Ring“ vorhersehbar?

Laufenberg: Ziemlich.

Und nun inszenieren Sie den „Parsifal“, der von Stefan Herheim zuletzt so überaus bildmächtig auf die Bühne gebracht wurde.

Laufenberg: Der „Parsifal“ war bis 1930 nur in der Inszenierung von Richard Wagner zu sehen. Nach dem Krieg kam Wieland Wagner mit seiner bahnbrechenden Entrümpelung, die ja von Wolfgang Wagner bis 2001 fortgesetzt wurde. Diese "Parsifal"-Geschichte ist für mich immer noch mächtiger als Herheim, der ja letztlich in seiner Aufführung über diese Geschichte referiert hat. Und die deutsche Geschichte und Bayreuth gehören ja zusammen. Für mich ist der Kern des Stückes eben dann doch eher das Religiöse, als das Historische. Das deutlich machen zu wollen, ist natürlich heikel. Wieland brachte den „Parsifal“ in einer solchen Abstraktheit auf die Bühne, dass jeder dass darin lesen konnte, was er mochte.

Und für den Dirigenten Hans Knappertsbusch wurde sogar die Taube aus dem Schnürboden heruntergelassen.

Laufenberg: Ja, gerade so weit, dass Knappertsbusch sie sehen konnte, aber niemand im Publikum.

Aber Sie wissen, wie die Geschichte weiterging?

Laufenberg: Nein, erzählen Sie.

Knappertsbusch stand eines Tages vor dem Schreibtisch von Wieland und legte ein Stück Faden hin, bevor er wortlos den Raum verließ und die Tür zuhaute.

"Buh ist auch ok"

Laufenberg (lacht): Ja, auch das ist echtes Theater. Da sieht man mal, an welch dünnem Faden der „Parsifal“ hängt.

Nochmals: Sind Sie nervös? Sie sind derjenige, der einfach mal so für einen gefeuerten Kollegen einspringt.

Laufenberg: Ich glaube, dass das an dem Tag der Premiere vergessen sein wird.

Trotzdem: Bayreuth ist speziell. Ohne Buhs kommt da kaum ein Regisseur davon.

Laufenberg: Ach, wissen Sie, ich war ja gerade an der Wiener Staatsoper. Zehn Jahre lang hatte ich keine Buhs abbekommen. In Wien wurde gebuht, als hätte ich in den Tempel gepinkelt. Bei der „Elektra“. Nun, es gibt Schlimmeres, als wenn sich die Leute erregen.

Nicht ehrlich, oder?

Laufenberg: Es ist genau so schön, wenn sie alle Bravo rufen. Aber buh ist auch ok. Bei Parsifal ist ja oft darüber diskutiert worden, ob die angemessene Reaktion des Publikums nicht andächtiges Schweigen wäre.

Manchmal aber wirken Sie doch dünnhäutig. Kürzlich haben Sie in einem langen offenen Brief auf die Kritiker Ihres „Otello“ reagiert.

Laufenberg: Nun, die Zeitungen sind in Not. Man merkt das auch hier in Wiesbaden, wenn zum Beispiel aus Darmstadt kein eigener Kritiker geschickt, sondern die Kritik aus Wiesbaden übernommen wird. Wenn es immer knapper wird, werden die Kritiken immer oberflächlicher, und das ist dann bedauerlich. Da kann man gleich ins Internet gehen. Das Feuilleton ist dafür da, sorgfältig gebildet den Blick unter die Oberfläche zu wagen.

"Die Pottsau können wir stehen lassen"

Sind Sie nachtragend?

Laufenberg: Nein, das bin ich nicht. Überhaupt nicht. Aber ich habe ein gutes Gedächtnis.

Was uns wieder zu Jonathan Meese bringt. Der hat ziemlich getobt...

Laufenberg: Ja, ja...

...und hat Sie auch beschimpft. Als „Pottsau“ und „Kameradenschwein“ unter anderem.

Laufenberg: Ja, nun. „Pottsau“ können wir stehen lassen, „Kameradenschwein“ ist ein Begriff aus der Naziideologie des Zweiten Weltkrieges, das soll er mal stecken lassen.

Werden Sie sich mit ihm aussprechen?

Laufenberg: Ich hab mich mit ihm noch nie unterhalten, man kann es vielleicht auch nicht.

"Ich bin gut organisiert"

Sie sind ein Regisseur, der Partituren lesen kann. Ein entscheidender Vorteil gegenüber Quereinsteigern wie Meese?

Laufenberg: Ich glaube, da liegt ein Hauptproblem, in dieser Frage, ob sie vom Film kommen oder der bildenden Kunst: ob sich die Dimensionen einer Oper von da aus wirklich ermessen lassen.

Eine Dimension, die in Bayreuth nochmals besonders ist. Schon der Ablauf am Grünen Hügel ist speziell.

Laufenberg: Ja, da läuft das umgekehrt. Erst kommen die Beleuchtungsproben, dann wahnsinnig viele Bühnenproben, aber ohne Chor, dann kommt der Chor, aber es gibt keine Bühnenproben mehr, denn die anderen Stücke kommen dazu. Das schreckt mich nicht, ich bin gut organisiert.

Und immer ist irgendwas. Vor der Premiere ist immer Trubel, immer gibt es Überraschungen.

Laufenberg: Wir haben auch schon drüber gescherzt. Das hat man da oben nicht immer in der Hand, das wird manchmal auch von außen gesteuert.

"Gut, wenn es interessante Aufregung gibt"

Ja, aber auf einmal hat man einen Sänger mit Hakenkreuz-Tattoo im Ensemble, wie kurz vor der „Holländer“-Premiere 2012 Evgeny Nikitin.

Laufenberg: Eigentlich hat man das Hakenkreuz nicht mehr gesehen, der hatte das wegmachen lassen. Ob wir nun eins finden oder nicht, nun ja. Irgendwas ist immer. Es ist dann gut, wenn es eine interessante Aufregung gibt.

Sind Sie ein Zyniker?

Laufenberg: Nein. Es ist doch nicht schlecht, in der Zeitung zu stehen. Die Nachrichten müssen ja auch nicht immer schlecht sein.

Zur Person

Eric Uwe Laufenberg wurde vor ziemlich genau einem Jahr zum Einspringer in Bayreuth: Nachdem die Festspiele Jonathan Meese vor die Tür gesetzt hatten, wurde Laufenberg die Neuinszenierung des „Parsifal“ 2016 angetragen – weswegen Meese Laufenberg als „Pottsau“ beschimpfte. Laufenberg ist Intendant des Staatstheaters Wiesbaden. Zuvor wirkte er an der Kölner Oper, die er 2012 erstmals zur Auszeichnung „Opernhaus des Jahres“ führte. Dennoch schied man im Streit: nach harten Auseinandersetzungen um Sanierung oder Neubau von Schauspiel- und Opernhaus sowie um den Etat schied man „im beiderseitigen Einvernehmen“. Zu Laufenbergs Kölner Projekten, die dann seine Nachfolgerin umsetzte, gehörte  der „Parsifal“. Ideen aus diesem Konzept überimmt Laufenberg für seine Bayreuther Inszenierung. Laufenberg (54) wohnt in Wiesbaden, ist verheiratet und hat eine Tochter. 

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Montag, 13. November 2017 - 11:06