Parsifal-Inszenierung: Flach und belanglos

Eine zerstörte Kirche im Nordirak. Sonnenstrahlen dringen durch das kaputte Dach. Im Inneren lagern Flüchtlinge, die hastig aufbrechen, als die Morgenpatrouille naht. Soldaten in Flecktarn, die mit vorgehaltener Waffe jeden Winkel des Kirchenschiffs inspizieren. Sie halten sich nicht lange auf, ihnen folgt in sicherem Abstand eine Gruppe Männer, die in ein Tuch gewickelt eine ganz besondere Fracht in die Kirche schmuggeln: einen aus Holz geschnitzten Jesuskörper, elementarer Bestandteil des Kruzifixes.

Eine gute Idee reicht nicht

Keine schlechte Idee, „Parsifal“ in genau diesem Milieu zu zeigen: als Geschichte einer bedrohten Glaubensgemeinschaft im Nahen Osten, die sich gegen den eigenen Untergang und die Bedrohung von außen stemmen muss. Ein reizvoller Ansatz; der richtige Gedanke zur rechten Zeit, mit der genau richtigen Mischung aus Aktualität und Tiefe. Damit gelingt es Uwe Laufenberg hervorragend, das Vorspiel zum ersten Aufzug zu bebildern.

Aber eine Idee allein reicht nicht, um durch den Abend zu kommen, das zeigt sich in den folgenden Szenen schnell, und es zeigt sich leider auch: Laufenberg hat eine Menge weiterer Ideen, eine schwächer als die andere. Und in dem heiligen Ernst, in dem sie vorgetragen werden, fügen sie sich zu einer der schwächsten, flachsten und belanglosesten Inszenierungen, die mindestens der Grüne Hügel in den letzten Jahrzehnten gesehen hat.

 

Eine Szene aus dem 1. Aufzug: Ryan McKinny als Amfortas (2.v.r.) mit Knappen und Gralsrittern. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

 

Jede Menge Blut, Sex und Nebel

Gespart wurde zwar an nichts: Maschinengewehre, Kruzifixe mit angebautem Dildo, Beischlaf auf offener Szene, Brüste, Blut, Video, Nebel und Gegenlicht - alles, was das Regietheaterherz begehrt. Nur: ein Gedanke, der weiter trägt als zur prominent im Programmheft gedruckten Botschaft, dass Religionen mit Vorsicht zu genießen sind - der fehlt.

„Parsifal“, die Neuproduktion der Bayreuther Festspiele 2016, erweist sich zumindest szenisch - und dahin fällt der Blick als erstes - als Trauerspiel. Und das ist umso bedauerlicher, da ja hinter den Kulissen und auf allen Leitungsebenen überdurchschnittlich viel Kraft aufgewandt wurde, um ein Scheitern dieses Abends zu verhindern.

Inszenierung pfui, Musik hui

Angekündigt hatte Katharina Wagner die Produktion vor fünf Jahren als Dreifachsensation: Jonathan Meese, Andris Nelsons, Klaus Florian Vogt. Die einzig verbliebene Sensation, das muss man so sagen, ist Vogt. Es ist ohnehin eine gute Idee, sich auf die Musik zu konzentrieren. Hartmut Haenchen gelang am Premierenabend ein sehr diesseitiger, geerdeter, auf gute Art unromantischer „Parsifal“ - und, das versteht sich fast von selbst:

Es sagt sehr viel über die Routine und Unerschütterlichkeit Haenchens und genauso die des Festspielorchesters, wenn nach zwei Orchester- und wenigen Bühnenproben die Musik schon so klar identifizierbare Charakterzüge bekommt. Nicht allein durch die Schnelligkeit in den Gralsritterszenen; das Blech hat eine eigene, gedeckte Klangfärbung, die sehr genaue, manchmal bewusst aufgehobene Konturierung der Streicher. Und das alles mit einem unaufgeregt hohen Tempo, das man beinahe nur bemerkt, wenn man nach dem Aktschluss auf die Uhr sieht.

 

Eine Szene aus dem 1. Aufzug. Links im Bild ist Kundry (Elena Pankratova) Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

 

Rollen gut besetzt

Den Status einer Notlösung, so viel ist sicher, hat Haenchen jetzt schon überwunden. Zusammen mit Haenchen trat am Ende auch das Orchester auf die Bühne, der Applaus war ebenso herzlich wie für den formidablen Festspielchor unter Eberhard Friedrich, auch wenn es die Stimmen aus höchster Höhe gar nicht so weit in den Zuschauerraum geschafft hatten.

Ryan McKinny ist als Gralskönig Amfortas bestens besetzt, erst zum Ende hin entfaltete seine Stimme volle Kraft, was zum Charakter der Rolle hervorragend passt. Gerd Grochowski hatte als Klingsor einen guten, wenn auch nicht fantastischen Abend, ebenso Karl-Heinz Lehner als Titurel. Elena Pankratova sang eine dramatische, stimmlich beinahe einschüchternd mächtige Kundry, deren Textverständlichkeit nicht ganz - wenn auch nur knapp - an die der beiden männlichen Hauptpartien heranreichte: Klaus Florian Vogt als extrem lyrischer, sehr weicher Parsifal, mit faszinierend präziser Intonation. Und Georg Zeppenfeld, der für seinen darstellerisch wie gesanglich vorbehaltlos fantastischen Gurnemanz mit Begeisterungsstürmen bedacht wurde.

Nicht gerade originell

Nach dem Ende, vor dem Publikum, umarmten sich Haenchen und Laufenberg, wohl nicht nur demonstrativ, sondern wirklich erleichtert, dass dieser Abend nun geschafft war. Einer von beiden hat seine unverhoffte Chance virtuos genutzt. Es wäre müßig zu spekulieren, was unter anderen Umständen aus diesem „Parsifal“ hätte werden können. Umso wichtiger aber ist es, festzustellen, was es nun geworden ist.

Der erste Moment, in dem sich andeutet, wohin die Reise geht, folgt auf das Bad des Gralskönigs Amfortas in der Taufbadewanne der Kirche - als zur Verwandlungsmusik eine Kamera aus dem Bühnenhimmel über die Taufbadewanne schwebt. Die so entstehenden Bilder sind der Start eines Ausflugs aus der Kirche, aus dem Irak, weg von der Erde ins All und durch die Galaxien und Sternennebel. Spektakuläre Bilder, und gewiss, „zum Raum wird hier die Zeit“, aber: Weltraumbilder zu „Parsifal“ - da hatte man sich für Bayreuth 2016 doch eine eigene, originelle Idee erhofft.

 

Eine Szene aus dem 3. Aufzug: (v.l.) Parsifal (Klaus Florian Vogt) mit Gunemanz (Georg Zeppenfeld) und Kundry (Elena Pankratova). Foto: Enrico Nawrath/Bayreuether Festspiele

 

Das Publikum ist vor allem: irritiert

Amfortas erscheint dann als ein Jesus am Kreuz und wird - mit Dornenkrone und Wundmalen - von den Gralsrittern zum Aderlass gezwungen: Die Gralsenthüllung als Zeichen der Brutalität des Christentums, hier opfert sich einer leibhaftig für den Fortbestand der anderen. Die Wunde, die sich niemals schließt, weil sie immer neu geöffnet wird, die Wandlung von Blut zu Wein, Amfortas’ schmerzvoller Unwillen, den Gral zu enthüllen - all das bekommt so einen neuen Sinn angeheftet und wird radikal enträtselt. Den nie restlos entschlüsselbaren Mythos, aus dem „Parsifal“ gewoben ist, klärt Laufenberg im Handumdrehen auf, das Bad des Königs als rituelle Säuberung bekommt so auch noch neuen Sinn.

Klingsor, der, warum auch immer, in einem orientalischen Hamam wohnt, meint es mit dem Christentum ein wenig zu ernst, er hütet einen Schatz aus Kruzifixen, masturbiert davor und geißelt sich danach selbst, außerdem besitzt er ein Kreuz mit angebautem Dildo und ein anderes mit Messer im Griff.

Parsifal, der die Szene im Bundeswehr-Wüstenkampfanzug betritt, wird von den Blumenmädchen aus tausendundeiner Nacht im Warmwasserbecken bezirzt und wehrlos gemacht, das sieht schön aus, auch wenn es - die Keuschheitsproblematik fällt ja weg - weiter keine Rolle spielt. Später holt er sich seinen Kampfanzug zurück, vorher beobachtet er halb interessiert, halb irritiert den Beischlaf Kundrys mit dem unerwartet auftretenden Amfortas. Das Publikum teilt die Irritation.

Laufenberg hat zu viel interpretiert

Im dritten Aufzug ist die einstige Kirche mit umgekippten Riesengummibäumen durchwuchert, Kundry sitzt, warum auch immer, im Rollstuhl. Beim Karfreitagszauber tanzen zunächst vier Frauen - Männer nicht, warum auch immer - nackt unter einem plötzlich aus dem Kirchendach herausbrechenden Wasserfall, dann ziehen sie sich wieder an und treten hinter Kundry zu einer Art Familienaufstellung zusammen. (Das wirklich Paradiesische in diesem Moment, die Musik, wird leider vom Wasser ein wenig verplätschert).

Nachdem das Paradies zu Ende zitiert ist, bringt Parsifal - plötzlich einen schwarzen Anzug tragend, warum auch immer - den Speer zu den Gralsrittern zurück. Allerdings, und das ist der Punkt, an dem die vielen losen Enden der Inszenierung endgültig nicht mehr zusammen finden, kann der Speer keines der zahlreichen vorher angerissenen Probleme lösen. Die Symbolik, die diesen Schlüssel bräuchte, hat Laufenberg bis zur Unkenntlichkeit ver-interpretiert.

 

Eine Szene aus dem 2. Aufzug: Parsifal (Klaus Florian Vogt) mit Klingsors Zaubermädchen. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

 

Peinliche Ratlosigkeit vor dem Schlussapplaus

Da hilft es auch nicht, dass Parsifal, im Bundeswehrkampfanzug im Hamam stehend, den Speer aus Klingsors Hand tatsächlich in der Luft stoppen konnte. Und dass er im ersten Aufzug tatsächlich einen toten Schwan herumtrug. Am Ende legt der Herrenchor versöhnlich Symbole aller großen Religionen in Titurels Sarg und geht dann zur Seite ab, einem hellen weißen Licht entgegen. Die Kirchenwände sind schon verschwunden, zur alles befriedenden Schlussmusik wird das Licht im Zuschauerraum eingeschaltet, dann passiert nichts mehr - und das Publikum wartet einen Moment peinlicher Ratlosigkeit ab, bis es sich zu applaudieren traut.

Schlussgedanke fehlt

Der große Bogen, der über die flache Eindeutigkeit von allem hinausginge, der befreiende, überraschende, erlösende, alles tragende Schlussgedanke: Es gibt ihn nicht. Das war’s. Nun darf man als „Parsifal“-Zuschauer den Fehler nicht machen, die Handlung des Bühnenweihfestspiels - die eine Montage der wichtigsten, symbolhaftesten Momente eines unfassbar komplexen, mehrdimensionalen Epos ist - als tatsächlichen Plot misszuverstehen.

Mit Logik - und das ist das Irritierende und zugleich Wunderbare an diesem Kunstwerk - kommt man nicht weit, „Parsifal“ ist mit dem Hirn allein nie zu verstehen. Hier hilft nun auch der Verstand nicht mehr weiter. Bleibt die Hoffnung auf nächstes Jahr. Vielleicht geschieht es ja, das Wunder.

Unser "Parsifal" als Brickfilm:

 

 

So war die Eröffnung unter Polizeischutz:

 

 

 

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Kommentare

Zum Inhalt der Kritik von Herrn Florian Zinnecker:
Flach und belanglos!