Parsifal-Dirigent Nelsons schmeißt hin

„Er hat die Festspiele verehrt, fast schon religiös“, sagte Festspiele-Sprecher Peter Emmerich über Nelsons. „Wir, und gerade auch Katharina Wagner, haben uns in den letzten zwei, drei Tagen sehr darum bemüht, ihn zurückzuholen“, sagte Emmerich der dpa. Diese Bemühungen blieben, wie sich gestern herausgestellte, ohne Erfolg.

Nelsons fühlte sich offenbar beobachtet und kontrolliert. Und womöglich nicht nur im Zuge des Sicherheitskonzeptes, das Festspielesprecher Peter Emmerich als möglichen Grund für atmosphärische Störungen bezeichnete. Sondern auch von Musikdirektor Christian Thielemann, der während der Bühnenorchesterproben immer wieder am Pult von Nelsons auftauchte und, so erzählen es Mitwirkende, dem Letten in seine Arbeit hineinredete.

Für sein uneitles, schwereloses Dirigat wurde er gefeiert

Nelsons ist erst 37 Jahre alt, aber alles andere als ein Bayreuth-Neuling. 2010 debütierte er beim „Lohengrin“. Er war einer der Gründe dafür, dass Hans Neuenfels‘ Ratten-Inszenierung ein Riesenerfolg wurde. Für sein uneitles, schwereloses Dirigat wurde er gefeiert. „Obwohl er natürlich ein absoluter Fachmann ist für Wagner und überhaupt die großen Romantiker, hört man, wenn er dirigiert, nicht seinen Verstand arbeiten, sondern sein Herz schlagen“ – so beschreibt ihn Kurier-Kritiker Florian Zinnecker. „Nelsons ist ein Enthusiast, aber gleichzeitig als Mensch sehr leise.“

Der Tenor Klaus Florian Vogt, der unter ihm als Schwanenritter brilliert hatte und in der kommenden Saison den Parsifal singen soll, nannte Nelsons gegenüber dem Kurier seinen „Lieblings-, Lieblings-, Lieblingsdirigenten“.
Der junge Lette wird weltweit geschätzt. Seit 2014 ist Nelsons Chefdirigent des Boston Symphony Orchestras, von der Spielzeit 2016/2017 an wird er auch das Gewandhausorchester leiten. Ein erfahrener Mann, der nicht für Eskapaden oder gar für seine Streitlust bekannt ist. Nelsons habe das Ganze auf sich einprasseln lassen und den Konflikt nicht gesucht, so lange, bis es ihm zu viel geworden sei. So vermuten es Augenzeugen.

Nicht zum ersten Mal gibt es Turbulenzen um einen Dirigenten

Bereits im vergangenen Jahr hatte es Turbulenzen um einen Dirigenten gegeben. Kirill Petrenko, Dirigent des „Rings“, stand wegen der Querelen um Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier und wegen der Vertragsauflösung von Siegfried-Sänger Lance Ryan kurz davor, den Hut zu nehmen. Nur die Verantwortung und der „Respekt meinen Kollegen in Bayreuth gegenüber, die ich nicht so knapp vor Beginn der Proben im Stich lassen kann, hält mich davon ab, meine Mitwirkung aufzukündigen“, sagte Petrenko damals.

Die Entscheidung der Berliner Philharmoniker zugunsten Petrenkos als neuem Chefdirigenten hatte damals den Spekulationen über ein tiefes Zerwürfnis zwischen Petrenko und Thielemann zusätzlich Nahrung gegeben. Petrenko dirigiert nach seinem Abschied von Bayreuth heuer erstmals ausschließlich bei den Münchner Opernfestspielen. Beim „Ring“ steht daher heuer Marek Janowski am Pult.
Wer nun aber Andris Nelsons ersetzen wird, ist noch unklar. „Die Festspielleitung setzt sich jetzt sehr schnell ans Telefon“, sagte Emmerich der dpa. Natürlich gebe es eine Liste mit Kandidaten, welche Namen aber da drauf stehen, will er nicht sagen. Vorgesehen war Nelsons außerdem 2020 für die Neuinszenierung des „Rings“. Eigentlich Zeit genug, um Wunden zu heilen. Problematisch ist der „Parsifal“ – dreieinhalb Wochen sind eine sehr kurze Frist, um Ersatz für den gefeierten Nelsons zu finden.
In der Stellenbeschreibung Christian Thielemanns als Musikdirektor steht übrigens auch die Aufgabe des Einspringers

 

Mehr dazu: Künstler-Eklats in Bayreuth - eine Übersicht

Kommentar: Nelsons Abgang: Eine Katastrophe

Kommentar: Katastrophe für die Festspiele

Melodrama am Grünen Hügel

Übrigens sind auf dem Grünen Hügel nicht nur die Künstler notorisch zerstritten - auch im Wagner-Clan selbst gibt's seit Jahrzehnten Zoff:

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Montag, 13. November 2017 - 11:06