Ovationen für Ringlstetter und Band

Man kann sich schon mal verratschen, so unter Freunden. Hannes Ringlstetter stellt seine Band vor, er beginnt mit dem Schlagzeuger, der wirklich von weit her kommt. Irgendwo aus der Oberpfalz, vom Rand der bewohnten Welt, die eine Scheibe ist, so dass man annehmen muss, dass knapp hinter dem Ort, aus dem der Schlagzeuger stammt, die Straßen einfach enden, mit jähem Abbruch ins Nirgendwo. Ringlstetter erzählt vom unverständlichen Dialekt dort, von den Tieren, die die einzige Gesellschaft des Drummers darstellen, ein Leben mit „Lüchsen“, de luxe sozusagen, mit einem Elefanten, der seit 180 Generationen dort wohnt. Den Namen des Schlagzeugers aber erwähnt er erstmal nicht. Vergessen, verratscht halt, kann schon mal passieren.

Ringlstetter erobert das Zentrum im Nu

Hannes Ringlstetter ist Comedian, Conferencier, Kabarettist, Musiker. Vor allem anderen aber ist er ein begnadeter Erzähler. Man hört ein Lied, dann erzählt er wieder, von der Tournee, von seiner Jugend, von den Abenden in der Dorfdisco, irgendwann gerät er stets ins Fabulieren. Dann ist das Leben in Niederbayern so, wie es vielleicht nie war, und dennoch wiedererkennbar. Das ausverkaufte Zentrum hat er damit am Montag schnell in der Hand. Oberfranken und Niederbayer sind auf einmal ganz nah beinand: in der großen Entfernung von der Hauptstadt. Die ist ganz weit weg, wird eigentlich nie erwähnt. Trotzdem spielt München als Abwesende an diesem Abend eine besonders prominente Rolle. Irgendwie identitätsstiftend, all die Unterschiede zwischen Provinz und Millionenstadt.

Ringlstetter beherrscht sein Geschäft aus dem Hemdsärmel. Seine gesamte Band-Mannschaft ist das, was für den Comedian der Sidekick ist, willkommener Sparringpartner für Scherze halt. Das ist fürs Publikum sehr lustig, das nachsichtige Lächeln der Musiker deutet indes an, dass eine Tournee mit dieser Rampensau schon auch anstrengend sein kann. Weil aber Ringlstetter den Unterschied zwischen Verspotten und Frotzeln ganz gut kennt, nervt das nicht. Außerdem ist der 47-Jährige souverän und reagiert schlagfertig auf alle Zwischenrufe. Der Draht, der so schnell gefundene, er hält im Zentrum.

Kalauer und Poesie

Ringlstetter kann kalauern, er kann billig, er kann richtig tiefsinnig, er kann rabauken, er kann ganz zärtlich sein. „PNYA – Paris, New York, Alteiselfing“ heißt das Programm, dementsprechend wild ist die Mischung, die er und seine Band in ihrer Reise quer durch die Stile anrichten.

Man ist gut genug aufeinander eingespielt, ums dem Zuhörer gefällig zu machen. Leichte Reggae-Anklänge beim Song über den Baggersee, ein bisschen Rammstein beim „Mond über Oberammergau“, in der Ringsteller die Sätze eines durch Alkohol und seltsame Pilze schon reichlich derangierten Bekannten aus alten Zeiten zitiert: Klingt alles erstmal wirr, ist es aber nicht. Dass der Jesus in Oberammergau Herrgottschnitzer geworden ist, ist in Wahrheit nicht mal surreal, sondern durchaus möglich. Schließlich haben doch all die Darsteller dort in den Bergen abseits der Bibel auch normale Berufe. Da wandelt der Ringlstetter sehr gekonnt auf einem schmalen Grad, dem Grat zwischen den rätselhaften Prophezeiungen des Mühlhiasl und der Beschreibung einer aus den Fugen geratenen Gegenwart.

Schlicht und hymnisch

Die Musik ist manchmal berückend schlicht, manchmal geradezu hymnisch – wie in der Zugabe „Einfach so“: „Am Dach der Welt macht der Himmel auf. Gib mir dei Hand, komm, mir genga nauf“: Liest sich im Moment des Schreibens steifer als gehört, ich kann nur sagen: So gesungen, beweist der bayerische Dialekt besondere Musikalität.

Gegen Ende des Programms singt Ringlstetter von seiner niederbayerischen Heimat. Ein bisschen desillusioniert, doch irgendwie auch zärtlich. Für Sehnsucht ist dort kein Platz, sie wird sich doch nie erfüllen. Doch eigentlich könnte man’s auch schlechter treffen. Und überdies war man doch eh schon immer da. Eine Selbstbescheidung, die eine spezielle Lebenstapferkeit vermuten lässt. Oder auch nur Sturheit. Egal. Wenn er so liebevoll singt, ist er seinen bayerischen Landsleuten besonders nah, der Ringlstetter.

Er vergisst niemanden

Den Namen des Schlagzeugers hat er natürlich dann doch noch genannt. Michael Thomas heißt er. Überhaupt hat Hannes Ringlstetter eigentlich gar nichts liegenlassen, bei allem Fabulieren. Mitmusiker, Service-Mann, Techniker und Busfahrer. Alle nennt er, um alle spinnt er seine Geschichten. Ringlstetter schafft ein bisschen skeptisch und insgesamt ganz unaufdringlich Nähe, und das tut gut in der globalisierten, kalten neuen Welt. Am Montag waren wir eine große Familie. Eine echte Leistung.

4.7 (3 Stimmen)

Anzeige