Orden für die Twin-Peaks-Überlebenden

Für alles Irdische gibt es ein letztes Mal. Für den Verein Leinwand kam dieses letzte Mal mit "Gravitiy", jenem Wahnsinns-Weltraumthriller, der immerhin ein gutes Ende hat: Die Astronautin landet wieder auf der Erde, einigermaßen unversehrt.

Auch die Leute der Leinwand sind auf der Erde gelandet, sie sind zurück von ihrem langen Ausflug in die große Welt des Kunstkinos. "Gravity" war der letzte Film, den der Verein gezeigt hat. Vor zwei Jahren war das, seitdem kam nichts mehr. Konsequenterweise löst sich der Verein nun also auf.

Zum Aufhören gibt es viele Gründe

Es ist kein gutes Ende, es ist kein schlechtes Ende. Es ist das Ende, das Angelegenheiten nun einmal nehmen, wenn die Zeit gekommen ist. So hört es sich an, wenn man Axel Gyra sprechen hört. Gyra gehörte nicht ganz zu den Gründern dieses Vereins, aber zu ersten Generation. "Und jetzt bin ich Teil der Abrissbirne", sagt er. Zu wenig Nachfrage zuletzt, zu wenige Mitglieder. nicht genügend Kapital, dass die Auflösung ein größeres Problem darstellte, der lange Atem ausgehaucht, die Zeit drüber weggegangen etc.  - es gibt viele Gründe, warum Vereine enden. Bei dieser Gruppe von Kinoenthusiasten war es nach 23 Jahren wohl von allem etwas. 

Warum sich der Club gründete, hat viel mit Bayreuths Kinogeschichte zu tun. Bayreuth zeigte Kino sogar mal in der Stadthalle, wenige Jahre nach dem Krieg war das. Es gab in Bayreuth sogar einen Künstler, der Kinoplakate malte. Und es gab in der Stadt immer wieder Lichtspielhäuser.

Keine Stadt für  Cineasten

Doch irgendwie wurde Bayreuth nicht zur Stadt der Cineasten. Das Rex, das Kino am Josephsplatz, das Kincoenter an der Schulstraße, das Reichshof - alles machte irgendwann zu. In Bayreuth sind Blockbuster gefragt, Filme meist aus Hollywood, wie sie das große Cineplex zeigt. Die kleineren, kunstvolleren oder spröderen Produktionen, die Liebhaberfilme: Die haben es schwer.

Deswegen hoben einige Enthusiasten 1994 die Leinwand aus der Taufe. „Wir wollten anspruchsvolle Filme zeigen, und das in einem gewissen Kontext", sagt Gyra. Wie gleich in der ersten Reihe, für die der neue Verein verantwortlich zeigte, mit Stummfilmen von G.W. Pabst, mit der "Freudlosen Gasse" zum Auftakt. „Da waren wir vielleicht ein wenig zu akademisch", sagt Gyra nicht ohne Einsicht.

Gerne auch mal die Killerkralle

Die Leinwand zeigte in den nächsten Jahren Filme im Rex, im Cineplex, im Gemeindehaus. Mal mit beachtlichem Erfolg, mal mit wenig Resonanz, aber immer irgendwie altmodisch, mit Filmrollen zunächst und dann mit DVDs oder Bluerays von älteren Filmen. Reihen für Kunstliebhaber und Existenzialisten, Reihen für große Kinder. Wie "Go East" mit Filmen wie die "Killerkralle".

Die Kosten hielten sich in Grenzen, auch weil viele Verleiher Verständnis hatten für finanziell unterernährte Vereine wie die Leinwand. Was man an Geld benötigte, musste über Eintritt, Mitgliedsgebühren und Sponsoring reinkommen. Das Geld für Plakate mussten die Plakte selbst einspielen - über Werbung. "Gerhard Flierl hat die ganzen Flyer und Plakate gestaltet", sagt Gyra, "er hat ganz wesentlich zu unserer Öffentlichkeitswirksamkeit beigetragen."

Bummbummbumm im entscheidenden Dialog

Manchmal traf die Hochglanzwelt des Films auf durchaus alltägliche Strukturen. Wie damals, in der Reihe mit Architektenfilmen. Ein Filmexperte hielt seinerzeit sogar einen Vortrag über Peter Greenaways rätselhaften Film "Der Bauch des Architekten" und erläuterte, wie elementar wichtig die ersten zwei Minuten mit dem Dialog zwischen Mann und Frau für den Spannungsbogen des Films seien. Fulminant und lehrreich. Doch als dann der Film anlief, hörten die Zuschauer nur Bumm Bumm Bumm. Der Vorführer hatte alles besonders gut machen wollen, das Gerät gereinigt und verkehrt wieder zusammengesetzt. Mit der Folge, dass der Abnehmer des Tonstreifens über die Löcherleiste der Perforation lief.

Schlingensief war auch da

Und manchmal ließ ihr Ehrgeiz die Leinwandleute etwas ganz Überraschendes schaffen. Gemeinsam mit dem damligen Zentrumschef Christian Römer organisierten die Leinwand-Leute die Reihe "Schlingensief kennenlernen"  - mit acht Filmen an unterschiedlichen Orten an. Und zum Auftakt war Schlingensief sogar persönlich da. Es gibt Veranstalter mit weniger Reihen und bedeutend mehr Zuschauern. Manchmal aber schrieb die Leinwand Bayreuther Veranstaltungsgeschichte. Etwa mit ihrer David-Lynch-Werkschau. Zu den Schauplätzen zählte die Taxifahrerkneipe, und dort liefen hintereinander und nonstop alle Twin-Peaks-Folgen: 25 Stunden Mistery, Wahnsinn an der Markgrafenallee. "Zwei Leute hielten wirklich durch", erzählt Axel Gyra. "Aus der Blechabdeckung von Sektkorken haben wir denen Orden gebastelt."

Nachfolger gibt es ja

Ab diesem Wochenende also ist Leinwand Geschichte. Immerhin: Es gibt Nachfolger. Einmal im Jahr gibt es das Kurzfilmfest Kontrast, bei dessen erster Auflage auch schon Leinwand-Leute dabei waren. Und dann gibt es Kino ist Programm im Iwalewahaus. Ein fester Veranstaltungsort, ein fester Termin einmal im Monat, ein Mix von Filmen, keine Reihe.

Der Verein läuft erfolgreich. Bayreuth ist und bleibt keine Stadt der Cineasten. Aber: So lange es Filmliebhaber gibt, wird es auch Liebhaberfilme geben. Auch nach der Leinwand noch.

INFO: Die Leinwand feiert Abschied, und zwar am heutigen Freitag (ab 17 Uhr) und am morgigen Samstag (ab 15 Uhr) im Forum Phoinix an der Kämmereigasse in Bayreuth. Unter anderem gibt es Filme zu sehen. Und in einer Videoinstallation gewährt Ursula Kaiser Besuchern die Möglichkeit, Filme aus dem Archiv per Video am Fernseher anzusehen.

Nicht bewertet

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