Olympia 2016: Starmoderator warnt vor Rio

Freuen sich die Brasilianer auf die Olympischen Spiele?

Danilo Gentili: Kürzlich erschien eine Umfrage, in der 63 Prozent der Brasilianer der Meinung sind, dass ihnen die Olympischen Spiele mehr Nachteile als Vorteile bringen. Die Brasilianer glauben, dass die Regierung für die Bauprojekte hohe Rechnungen gestellt und das Geld in die eigene Tasche gesteckt hat. Bis jetzt hat Olympia den Brasilianern gar nichts gebracht, auch keine bessere Infrastruktur. Das Olympische Dorf war bis kurz vor den Wettkämpfen noch nicht fertig gebaut. Und die Gewalt ist auch ein Problem.

Inwiefern?

Gentili: In den vergangenen zwölf Jahren ist Brasilien richtig verkommen. Die Gewalt hat in Rio de Janeiro stark zugenommen. Ich habe keine Angst, in Rio auf die Straße zu gehen, aber es ist dort sehr gefährlich. Ich würde jetzt als Tourist nicht nach Rio reisen - ich wohne 40 Flugminuten entfernt in Sâo Paulo und ich fliege auch nicht hin. Selbst Rios Bürgermeister hat in einem Interview gesagt, dass uns die Olympischen Spiele nichts bringen.

Gilt das nur für die reiche Oberschicht oder profitiert die zum Großteil arme Bevölkerung eventuell von den Spielen?

Gentili: Vielleicht bringen die Spiele den Verkäufern am Strand oder den Händlern etwas, die mehr Essen oder Souvenirs an Touristen verkaufen. Aber jemand aus den Armenvierteln, den Vororten oder sogar die Bevölkerung aus der Mittelschicht können sich die Tickets nicht leisten. Hinzukommt, dass der Brasilianer Fußball mag. Wir haben zwar einige gute Sportler in bestimmten olympischen Disziplinen, aber dafür interessiert sich der Brasilianer weniger. Ich kann den Olympischen Spielen nichts Positives abgewinnen.

"Die Drogenhändler sind besser bewaffnet als die Polizei"

Der Bundesstaat Rio de Janeiro ist pleite. Im Juni haben Polizisten am Flughafen demonstriert, weil sie seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen haben. Sie hielten Schilder mit der Aufschrift „Welcome to hell“ hoch. Ist Rio die Hölle?

Gentili: Ja. In Rio haben die Drogenhändler das Sagen. Wir wissen jetzt seit 2009, dass die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro stattfinden werden. Und der Bürgermeister sagt, dass man keine Zeit gehabt habe, das Problem mit den Drogenhändlern in den Griff zu bekommen. Also bitte.

Kann die Polizei überhaupt für die Sicherheit der Touristen garantieren?

Gentili: Nein. Die Drogenhändler sind besser bewaffnet. Auch gegen einen terroristischen Anschlag wären wir nicht gewappnet.

Glauben Sie wirklich, dass es einen Terroranschlag in Rio geben könnte?

Gentili: Das glaube ich nicht. Aber die Olympischen Spiele sind ein internationales Ereignis. 1972 wurde auch in München während der Olympischen Spiele ein Attentat verübt. Wir hätten in Brasilien nicht den nötigen Sicherheitsapparat dazu, um so etwas zu verhindern.

"Die Politiker halten sich für eine unantastbare Elite"

 Einige Sportler verzichten auf ihre Teilnahme wegen des Zika-Virus. Ist ihre Sorge berechtigt?

Gentili: Das Zika-Virus ist keine tödliche Krankheit und auch keine Epidemie. Ich glaube schon, dass die Sportler nach Brasilien hätten kommen können. Die Gewalt ist das größere Problem.

In der Guanabara-Bucht finden unter anderem die Segelwettbewerbe statt. Die Bucht ist ziemlich dreckig.

Gentili: Die Bucht ist kontaminiert. Die Politiker kümmern sich nicht darum, denn sie halten sich für eine unantastbare Elite. Sie machen nur das, womit sie Geld verdienen können. Das Volk zahlt Steuern, damit auch die Guanabara-Bucht gesäubert wird. Aber der Staat macht nichts.

Das Leichtathletikstadion trägt den Namen von Joâo Havelange, ehemaliger Fußballfunktionär und der Korruption überführt. Spiegelt das auch die Situation in Brasilien wieder?

Gentili: In einem gut funktionierenden Land hätten die Menschen das Namensschild schon längst abgerissen. Das Schlimme in Brasilien ist diese Passivität. Die Brasilianer sagen: „Ah, die Politiker sind korrupt? Was sollen wir tun? Ich wurde ausgeraubt, aber ich kann mich nicht wehren, was soll ich machen?“ Ich halte diese Passivität einfach nicht mehr aus. Was viele völlig zu Recht aufregt: Es gibt Beweise für die Korruption von Politikern und Wirtschaftsbossen, doch sie kommen meist straffrei davon.

Danilo Gentili (36) ist Comedian, Journalist, Moderator und Schriftsteller. 14 Millionen folgen ihm auf Twitter. Bekannt wurde er, weil er besonders Politikern unverschämte Fragen stellt. Seit fünf Jahren hat er seine eigene Late-Night-Show: Zuerst beim Sender „Band“ unter dem Namen „Agora é tarde“ („Jetzt ist es spät“). Seit 2014 ist er beim Sender "SBT" mit seiner Sendung „The Noite“ („Die Nacht“).

Alle Fotos: Danilo Gentili

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