Olympia 2016: Das Geschäft Social Media

Eigentlich sind die Plattformen alle frei, und es gilt freie Meinungsäußerung, Aber Social Media ist ein Riesen-Geschäft, wenn man damit werben will. Also auch - oder vor allem - im Sport. Schon Drittliga-Spieler im Fußball haben ihren Medien-Berater. Bundesliga-Fußball-Vereine machen zunehmend eigene Videos, Interviews und Aktionen mit ihren Spielern für YouTube, Facebook, Twitter und Co und erschweren damit Journalisten die Berichterstattung, weil sie nur noch gefilterte Informationen und diese nur noch in Häppchen zur Verfügung stellen.

Zu den Spielen wird ganz viel gelenkt und eingegriffen

Bei Olympia erreichen Filtern und Lenken von Social-Media-Inhalten aber ihren absoluten Höhepunkt. Wenn die Spiele Freitag in Rio beginnen, kann man auch das Internet wieder als Hochleistungsmaschine erleben. Insgesamt 10.500 Athleten, davon 449 deutsche, sind in Rio dabei, und ungefähr zwei Drittel von ihnen sind in Social Media aktiv. Getreu dem Motto dieser Olympischen Spiele "Lebe deine Leidenschaft" - aber bitte innerhalb der gesetzten Grenzen.

Am meisten gegängelt werden die Sportler

Die Grenzen setzt das IOC. Vergangene Woche sorgte ein Bericht des Spiegels für Aufregung: Unternehmen, die nicht Olympia-Sponsoren sind, wird die Nutzung entsprechender Hashtags verboten. Juristen halten diese Regelung für absurd und reiben sich teils schon die Hände. Die wirklich Gegängelten bei den Olympischen Spielen sind aber die Sportler und auch Journalisten, wenn sie über die Spiele posten, twittern oder snapchatten möchten. Komplett frei und etwa noch auf einer eigenen Plattform mit Video-Material ist das fast unmöglich. Es gibt sogar im Olympischen Dorf bilderfreie Zonen, egal, ob die Fotos und Videos für den privaten Gebrauch gemacht oder auf eine Plattform gestellt werden.

Eigenes Social-Media-Center erstmals 2012

Die Grundlagen dafür wurden 2011 gelegt. Schon Monate, bevor das Olympische Feuer London erreichte, bastelten die Veranstalter an einer eigenen Plattform. Im „OlympicAthletesHub“ bündelt das IOC, das dafür sogar eine eigene Stelle eingerichtet hat, die Social-Media-Aktivitäten vieler Sportler, es gab 2012 eine direkte Verknüpfung mit Facebook, Twitter und Google Plus. Auch die Form war vorgegeben: Ich-Form, tagebuch-artig, Videos verboten.

Eigenen Markenwert der Sportler kreieren

Jetzt, wo die Rio-Sportler noch nichts posten (können), finden sich Tipps und Tricks rund um den Aufenthalt in Rio. Zum Beispiel präsentiert das Hub "Rios beste Instagram-Spots". Und Sportler wie Fans können sich schon die offizielle Hub-App herunterladen, die es erstmals gibt, jedoch nur für Android-Geräte. Richtig interessant wird es dann, wenn die Spiele beginnen und man mit der Zeit den "Social-Media-Marktwert" der Athleten im Hub ablesen kann: wie viele Posts und Tweets, wie viele Follower, wie viel Reichweite. Wer wird hervorgehoben und kann etwa exklusiv im Video-Chat den Fans Frage und Antwort stehen? Im Moment gibt es noch keine Info darüber, wie viele der Sportler das Angebot überhaupt wahrgenommen haben.

Digitale Richtlinien

2012 in London gab es außerdem erstmals "Social Media, Blogging and Internet Guidelines". Allerdings vier statt sechs Seiten jetzt. Damals gab es 15 Punkte, die zu beachten sind, jetzt sind es nur acht, die es dafür noch heftiger in sich haben. Den Guidelines angefügt sind außerdem zweieinhalb Seiten "Oft gestellte Fragen" mit IOC-Antworten. Wir haben die Guidelines 2016 mit denen 2012 verglichen. Schon damals durften teilnehmende Sportler und akkreditierte Personen nicht:

- Video- und Audio-Aufnahmen der Wettbewerbe oder Events auf Social-Media-Plattformen teilen oder hochladen, auch nicht auf eine (persönlichen) Website.

- posten, bloggen oder twittern aus dem Olympischen Dorf, außer, sie machen das tagebuch-mäßig und in Ich-Form, also nicht über andere Leute oder Aktivitäten.

- Videos aus dem Olympischen Dorf in Social Media oder auf eine eigene Website posten.

- das Olympische Symbol, die Ringe, und andere Olympia-verwandte Wörter verwenden, auch nicht andere Olympia-zugehörige Institutionen mit Emblem erwähnen wie das NOC (National Olympic Committee).

- Embleme von Maskottchen posten.

- Werbung für die eigenen Sponsoren machen.

Jetzt hinzugekommen:

- "Das Wort 'olympisch' und andere auf die Olympiade bezogene Wörter können als Verweis auf Tatsachen verwendet werden, sofern sie nicht mit einem Dritten oder Produkten/Dienstleistungen eines Dritten in Verbindung gebracht werden." Heißt: Über eigene Leistung darf zB getwittert werden, dem eigenen Sponsor darf man dabei aber nicht danken, wenn da gleichzeitig das Hashtag #Olympia2016 steht.

- Professionelle Foto- und Video-Ausrüstung mit Stativ etc. ist innerhalb der Sportstätten nicht erlaubt.

- der Punkt "Wahrung der Rechte Dritter", der am Ende etwas schwammig erklärt: "Für Kommentare und/oder Material, das [...] die Rechte Dritter verletzt, können akkreditierte Personen persönlich zur Verantwortung gezogen werden." Ist dann so ein Fall wie 2012, als sich Sportler via Twitter über die Irrfahrt ihrer Busse ins Olympische Dorf beschwerten, dann nach den IOC-Regeln schon ein Verstoß, der geahndet gehört?

Die meisten nutzen das Hub und halten sich an die Regeln

Die meisten Sportler hielten sich 2012 brav an die IOC-Regeln. Sie versorgten ihre Fans mit Fotos und bedankten sich in Posts und Tweets fürs Anfeuern. Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mischte da mit, denn so werden auch Sportler aus „Nicht-Fernseh-Sportarten“, die nur alle vier Jahre die breite Öffentlichkeit erreichen, wahrgenommen .Absoluter Spitzenreiter im Hub 2012 war übrigens Basketballer LeBron James mit knapp 18 Millionen Followern. Erfolgreichster Deutscher war Dirk Nowitzki mit rund 2,5 Millionen Followern. Allerdings sagen diese Positionen erst einmal nichts über Regelmäßigkeit und Qualität der Social-Media-Aktivitäten der Sportler aus, sondern nur über deren Beliebtheit im IOC-Hub. Es kann sein, dass einer von ihnen mehr Fans auf Facebook hat oder mehr Follower auf Twitter.

Auch die Fans sollen auf die IOC-Plattform

In einem zweiten Schritt versuchte das IOC während der Londoner Spiele, mit dem Hub die Fans an ihre Webseite zu binden: Man konnte sich registrieren und dann die Kommentare und Fotos der Athleten auf Facebook und Google Plus teilen – und so selbst ein Teil der Plattform werden. Die eifrigsten Fans wurden dafür belohnt: Sie konnten durch ihre Aktivitäten Punkte sammeln und Gutscheine einlösen oder Rabatte beim Online-Shopping.

Auch bei Skandalen griff das Hub ein. Negative Tweets wurden nicht berücksichtigt oder nachträglich wieder entfernt, so dass ein positives Grundrauschen auf der Plattform vorherrschte, das vorgaukelte: Olympia ist eine aufregende Erfahrung, und ihr seid Teil dieser tollen Gemeinschaft.

Auch Twitter macht was Neues und bündelt

Auch Twitter will wieder etwas vom Kuchen abhaben. 2012 kooperierte der Dienst mit dem US-Sender NBC. Dies Mal liefert Twitter über seinen Dienst "Moments" 17 Tage lang kuratierte Tweets zu Olympia in die Timeline der Twitterer, die sich dafür eingetragen haben. Das Feature wurde auch schon bei anderen großen Events eingesetzt oder bei Diskussionen wie um den Brexit, bei denen es einfach sehr, sehr viele Tweets und Nachrichten gibt, und ein Twitter-Team die vermeintlich besten heraussucht. Das soll auch probeweise bei Olympia passieren.

"Wir wollen sehen, wie die Tweets während der Olympischen Spiele so performen, aber wir finden die Idee sehr aufregend, wie es ist, wenn man über einen längeren Zeitraum kuratiert und die Leute einem dann gezielt folgen. Wir würden auch gern noch in anderen Feldern experimentieren", sagte der Chef des Kurationsteams Andrew Fitzgerald BuzzFeed.

Foto: dpa

 

Passgenaue Information

Nicht überall wird es "Twitter Moments" geben, sondern nur in den USA, in Großbritannien, Brasilien, Deutschland, Australien, Japan, Kanada, Frankreich und Mexiko. Die kuratierten Tweets werden marktgerecht eingespeist, also in Deutschland auf Deutsch Tweets über die deutschen Athleten. Twitter investiert damit in mehr Personal. Auch das passgenaue Folgen soll je nach Interesse leichter werden für den Nutzer, so soll man sich auch nur vorübergehend für eine Sportart und deren Wettbewerbe, etwa Schwimmen, bei "Moments" anmelden können. Damit wird Twitter während der Spiele zur News-Plattform und könnte klassischen Nachrichtenseiten und auch dem IOC-Athlete's Hub ernsthaft Konkurrenz machen.

Im Kampf um Reichweite und Marken-Macht heißt es also auch im Internet: Lasst die Spiele beginnen.

Nicht bewertet

Anzeige