Oliver Popps Freude am Extremen

Die erste Erklärung des 51-Jährigen vom Deutschen Alpenverein (DAV) Bayreuth ist eher für Insider überzeugend, die an der Herausforderung durch die Marathonstrecke zu zweifeln beginnen: „Nach den vielen Stadtmarathons war ich auf der Suche nach etwas Besonderem.“ 26 Mal hat er inzwischen die historische Distanz bewältigt, seit er vor zwölf Jahren mit Wettkämpfen in dieser Disziplin begonnen hat.

Ziele waren dabei nicht nur die deutschen Klassiker in Berlin, München oder Magdeburg, wo er 2012 seine persönliche Bestzeit von 2:58 Stunden erreicht hat, sondern auch Prag, Stockholm, Paris, Jerusalem, Boston, New York . . . Das „Besondere“ fand er aber erst auf Spitzbergen, den Wüsten Sahara in Marokko und Negev in Israel, oder unter Tage beim Marathon im Kalibergwerk von Sondershausen.

Popps 26. Marathon sollte vor wenigen Wochen eigentlich in Bangkok stattfinden, wurde wegen der Staatstrauer in Thailand nach dem Tod des Königs jedoch verschoben. „Die zweiwöchige Reise habe ich aber trotzdem gemacht“, berichtet Popp. „Ich verbinde diese Läufe immer damit, etwas von Land und Leuten kennen zu lernen.“ Den entgangenen Lauf holte er dann beim vergleichsweise beschaulichen Werdauer Herbstmarathon nahe Zwickau nach: „Die zwölf Wochen der Vorbereitung sollten doch nicht ganz umsonst gewesen sein.“

"Das Laufen schafft ein Glückgsgefühl"

Die Reiselust begründet allerdings noch immer nicht die Freude an der extremen körperlichen Belastung. „Das Laufen schafft ein Glücksgefühl, und vor allem das lange Laufen“, erklärt Popp. „Das entsteht nicht im Körper, sondern im Gehirn.“ Die Frage habe ihn selbst schon so interessiert, dass er sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen darüber befasst hat. Bedeutsamer als die oft als „Glückshormone“ bezeichneten Endorphine („Die unterdrücken nur das Schmerzempfinden.“) sei dabei die körpereigene Produktion so genannter Endocanabinoide – wobei der mittlere Teil des Wortes wohl nicht zufällig an Canabis erinnert: „Das geht schon in die Richtung eines rauschhaften Zustands.“

Popp kann dabei auch ausdrücklich aus eigener Erfahrung sprechen: „Man spricht von ,Flow’ oder ,Runners High’, ich würde es auch einfach als Tunnel bezeichnen: Dann glaubt man, es läuft praktisch von allein. Man vergisst alles um sich herum und hat ständig das Gefühl, man könnte lächeln.“ Eine Rolle spiele dabei auch das Bewusstsein einer „Leistung, mit der man zufrieden sein kann“. Dafür sei es gar nicht nötig, dass sich neben dem Geist auch der Körper wohl fühlt: „Das passiert auch, obwohl die Wade weh tut.“ Wer allerdings nach zehn Kilometern darüber nachdenkt, dass beschwerliche drei Viertel der Strecke noch vor ihm liegen, tue sich damit schwer: „Das wäre negatives Denken, doch man muss positiv denken: Dieses oder jenes habe ich schon geschafft.“

Zwölfwöchige intensive Vorbereitung

Mentale Stärke allein reicht aber natürlich nicht: „Körperlich unvorbereitet in einen Marathon zu gehen, ist fahrlässig“, mahnt Popp. Über zwölf Wochen zieht sich seine Vorbereitung für einen Wettkampf hin: „Anfangs habe ich mir den Rat von erfahreneren Läufern geholt, aber mittlerweile mache ich meinen eigenen Plan.“ Etwa 60 bis 70 Kilometer läuft er dann pro Woche mit einer Steigerung auf 80 bis 90 in den letzten beiden Wochen – verteilt jeweils auf meistens fünf, manchmal auch sechs Trainingseinheiten.

Doch auch in den Zwischenphasen ohne Wettkampf sind immer noch drei bis vier Läufe pro Woche obligatorisch, begleitet von Gymnastik für den Oberkörper. Dass dabei immer das umfassende Glücksgefühl garantiert ist, behauptet nicht einmal der leidenschaftliche Läufer Oliver Popp: „Bei Dunkelheit, minus fünf Grad und leichtem Schneefall, ist der Kampf gegen den inneren Schweinehund schon manchmal schwer.“

Die Einsamkeit beim Training, die sein Pensum zwangsläufig mit sich bringt, stört ihn dagegen nicht: „Dadurch wird man erst recht ganz eins mit seinem Körper und Geist.“ Am deutlichsten habe er das empfunden beim Lauf in der Wüste Negev: „Da gab es keinerlei Ablenkung, nicht mal Geräusche. Man denkt an nichts anderes als den Becher Wasser in fünf Kilometern Entfernung.“

Der Genuss mit 50 000 anderen zu laufen

Der objektiv messbare Erfolg spielt dagegen bei Popps Motivation keine große Rolle: „Man freut sich natürlich, wenn man innerhalb der Altersklasse mal auf dem Podest steht, aber das ist nicht vorrangig. Um schon allein unter den Altersgenossen zur absoluten Spitze zu gehören, habe ich einfach auch zu spät angefangen.“ Wie wichtig ein Läufer seine Zeit nimmt, solle er vor dem Start entscheiden: „In New York wollte ich es einfach genießen, zusammen mit 50 000 anderen zu laufen. Das war mir Glück genug. Wenn man aber nicht mit dieser Einstellung startet, dann hat man nicht einmal in Paris einen Blick für den Eiffelturm. Das war auch für mich ein Trugschluss.“

Bei seinem nächsten Ziel wird sich Oliver Popp wieder entscheiden müssen, ob er den vielen Eindrücken am Wegesrand widerstehen kann. Mitte Januar beginnt seine Vorbereitung, um sich Mitte April wieder einmal einer neuen Herausforderung zu stellen: „Dann starte ich beim allerersten Marathon in Teheran.“

Nicht bewertet

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