Nemmersdorf: Pfarrer stellt umstrittenen Vergleich zur Ehe für alle an

Weigel schreibt im aktuellen Kirchenboten, die Forderung nach einer Ehe für alle würde bedeuten, dass die Ehe unter nahen Verwandten „dann ebenfalls möglich wäre; oder auch die Ehe zwischen einem Menschen und seinem geliebten (Haus-)Tier“. Und Weigel fragt in dem Schriftstück: „Wie dekadent und pervers müssen einzelne Vertreter unserer Politik und Gesellschaft eigentlich sein, um auf solche Ideen zu kommen?“

Beziehung zwischen Mensch und Tier war nie Teil der Debatte

Nur, wer kommt eigentlich auf diese Ideen, die Weigel ausmacht? Schwule und Lesben nicht. „Eine Beziehung zwischen Mensch und Tier war nie Teil der Debatte“, sagt Thomas Pickel vom Arbeitskreis Queer an der Uni Bayreuth. Er sei „schockiert und traurig“ angesichts einer solchen Andacht. Er fühle sich in seiner „Menschenwürde angegriffen“.

Die Evangelische Landeskirche in Bayern begrüßt es grundsätzlich, wenn ihre Pfarrer Forderungen aus der Politik aus theologischer Perspektive bewerten. Damit endet die Rückendeckung der Kirche für Pfarrer Weigel.

Landeskirche: Theologisch schwachbrüstige Argumentation

Die Andacht hinterlasse eine „Mischung aus Irritation und Ratlosigkeit“, teilt Sprecher Michael Mädler mit. Und zwar mit Blick auf die „bizarren Fantasien, die der Autor angesichts der erhobenen Forderung nach der Ehe für alle entwickelt“. Aber auch aufgrund einer „theologisch schwachbrüstigen Argumentation“.

So sieht das nicht nur die Landeskirche. Einzelne Mitglieder der Gemeinde haben als Reaktion auf die Andacht ihren Austritt aus der Kirche erklärt. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, man habe sich einen „jüngeren Pfarrer mit offeneren Einstellungen“ gewünscht, als die Stelle in Nemmersdorf vor wenigen Jahren vakant war. Im vergangenen Jahr hatte Weigel schon einmal mit seinen Thesen zu einem kirchlichen Internetvideo für Aufsehen gesorgt.

Mitglied des Kirchenvorstandes verteidigt den Pfarrer

Aus dem Kirchenvorstand kommen verteidigende Worte. Vertrauensmann Karl-Heinz Singer will nicht für das ganze Gremium sprechen. Er stellt sich aber hinter den Pfarrer. Die Andacht sei „überspitzt geschrieben“. Und den Satz mit der Ehe zwischen Mensch und Tier hätte man sich vielleicht sparen können. „Aber ansonsten stehe ich dazu“, sagt Singer. Es gehe um die biblische Aussage. Und die definiere Ehe als Beziehung zwischen Mann und Frau.

So sieht es auch Weigel, der die Aufregung um seinen Gemeindebrief nicht nachvollziehen könne. Die Ehe sei vor Gott „grundsätzlich unauflöslich, eine Verbindung zwischen Mann und Frau und auf Nachkommenschaft angelegt“.

Arbeitskreis Queer warnt vor Folgen homophober Predigten

Ob der Vergleich einer wie auch immer gearteten Beziehung zwischen zwei Menschen und einer Beziehung zwischen Mensch und Tier nicht menschenverachtend sei? „Das ist nicht die Frage“, sagt Weigel. Mit der Forderung „Ehe für alle“ sei das nur in letzter Konsequenz denkbar. „Mehr habe ich nicht gesagt“, so der Pfarrer.

Glaube und Kirche sind für Thomas Picken vom Arbeitskreis Queer mittlerweile zwei verschiedene Dinge. „Die zentrale Botschaft der Bibel ist doch die Nächstenliebe“, sagt er. Die Folgen einer solchen Andacht wie in Nemmersdorf könnten für Heranwachsende, die sich ihrer Homosexualität gerade bewusst werden, verheerend sein. „Weil Kinder sich nicht gewollt fühlen für etwas, das sie nicht verändern können“, sagt er. Wegen solcher Positionen ist er schon lange aus der Kirche ausgetreten.

Landeskirche vermisst in der Andacht Substanz, Seriosität und Stil

Selbstverständlich könne man theologisch gegen die Forderung nach der Ehe für alle sein, sagt Kirchensprecher Mädler. Dann aber gegen die Forderung, wie sie von den Befürwortern verstanden wird. Nicht so, wie sie von Pfarrer Weigel „verzerrt dargestellt“ sei. Und wenn man gegen eine Öffnung der Ehe argumentiere, „dann aber bitte mit Substanz, Seriosität und Stil“, so Mädler.

Die Gelegenheit dazu hätte Weigel. Der Arbeitskreis Queer veranstaltet regelmäßig Diskussionsrunden an der Universität. Auch Kirchenvertreter waren schon dabei. „Ich würde mich freuen, wenn Herr Weigel einmal dabei wäre“, sagt Thomas Pickel.

Vergleich kein Einzelfall

(kfe). Weigels Vergleich ist kein Einzelfall. Bereits Anfang Juni hatte Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in einem Interview mit der "Süddeutschen" gesagt, als Folge der Ehe für alle drohe womöglich auch eine "Ehe unter engen Verwandten". Es gebe in Deutschland bisher eine klare Definition der Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau. "Wenn wir diese Definition öffnen in eine auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen, sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen". Die katholische Politikerin erntete dafür zum größten Teil Spott und Hohn und den Vorwurf, offensichtlich die geltende Gesetzeslage, Stichwort Inzest, nicht zu kennen. Schwullesbische Aktivisten forderten Kramp-Karrenbauer gar auf, ihren Satz zurückzunehmen, da er auch suggeriere, Homosexualität sei wie Inzest, also unnormal und krank.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06