Nach den Festspiel-Aufführungen: Chaos oder Normalität?

Grundsätzliche Ausgangsfrage:

Glauben Sie gefühlsmäßig, nach den Festspielaufführungen gibt es eher ein katastrophales Verkehrschaos oder nicht?

Wenn Sie finden, dass es ein wahres Wunder ist, dass noch niemand überfahren wurde und Sie aus Sicherheitsgründen ab 21 Uhr gar nicht mehr aus dem Haus gehen, lesen Sie nur den roten Text.

Wenn Sie sagen: Das ist doch total normal, wo viele Menschen sind, ist viel Verkehr. Und außerdem finden Sie Wagner und die Festspiele blöd und interessieren sich dafür eigentlich gar nicht, lesen Sie zusätzlich auch den schwarzen Text.

21.52 Uhr: Die Türen zum Aufführungssaal öffnen sich, der Siegfried ist zu Ende. Draußen hört man Buh-Rufe, auch ein wenig Applaus.

21.53 Uhr: Die ersten Gäste eilen aus dem Festspielhaus, hinauf zu den Parkplätzen. Weil sie hoffen: Wenn sie als erste im Auto sind, kommen sie als erste weg und entgehen dem Verkehrschaos.

21.56 Uhr: Ein Ehepaar aus Düren im Rheinland marschiert im Stechschritt den Berg hoch. Weil es so schlecht war und sie räumlichen Abstand zum Festspielhaus und der Aufführung brauchen? Oder weil sie nicht in den Verkehr geraten wollen? „Nein, nein, meine Frau hat einen Hexenschuss, sie muss sich dringend bewegen“, sagt der Mann. Dann jagen sie weiter, „keine Zeit zu reden“, wirft die Frau noch über die Schulter, dann sind sie weg.

21.59 Uhr: Alles ruhig. Ein paar Autos aus Gießen, München, Stuttgart rollen am Festspielhaus vorbei Richtung Stadt.

22.00 Uhr: Immer mehr Gäste drängen aus dem Festspiel-Haus. Einige sind flott unterwegs, die Damen raffen ihre langen Roben, damit sie größere Schritte machen können. Andere gehen gemächlich. Alle, die Renner und die Geher, sind schick in Abendgarderobe und in Diskussionen vertieft.

22.03 Uhr: Mittlerweile schlendern die meisten Gäste gemächlich zum Parkplatz. Es ist angenehm warm.

22.04 Uhr: Ein älterer Mann mit grauen Haaren und Smoking rennt fast nach oben. Die Frage: Darf man stören? Beantwortet er mit: „Nein, nicht, ich hab‘s eilig!“ – was in diesem Fall auch eine Antwort ist.

22.06 Uhr: Der Kultur-Redakteur kommt, gemütlichen Schrittes. Die Aufführung kam nicht so gut an, sagt er, es wurde gebuht – das ist auch zahlreichen Gesprächsfetzen zu entnehmen. Er schlendert ruhig weiter, zum Auto, er hat es nicht eilig, obwohl er sich jetzt noch an die Kritik machen wird. Er kennt den Schleichweg.

22.10 Uhr: Ein Paar sitzt entspannt auf einer Parkbank, die Beine von sich gestreckt, die Hände liegen ruhig auf den Beinen. Blick aufs Festspielhaus und die anderen Gäste. Er raucht, sie nicht. Sitzen sie da, um dem Stau zu entgehen? Dazu möchten sie keine Auskunft geben, sie schüttelt den Kopf, er nickt. Sie sehen ein wenig erschöpft aus. Könnte an der Aufführung liegen.

Ab 22.10 Uhr: Die Autos reihen sich auf einmal Stoßstange an Stoßstange, bis hoch zum Parkplatz, manch ein Limousinenfahrer drängt aggressiv aus der Parkplatzausfahrt. Dann kommt es: Das erste Hupen. Langandauernd, leidenschaftlich, fünf Sekunden – Pause – drei Sekunden – Pause – noch einmal kurz. Die Luft ist lau, es klingt ein wenig wie Italien.

22.15 Uhr: Das Paar auf der Bank hat ausgeraucht. Es erhebt sich, gemächlich machen sich Mann und Frau auf in Richtung Parkplatz. Die Autos bergab stehen hingegen auf der Stelle.

22.16 Uhr: Eine endloslange Autoschlange schlängelt sich den Grünen Hügel hinunter. Vorwärts geht es hier nur ab und an mal ein paar Zentimeter, höchstens mal eine Autolänge. Wer läuft ist schneller. Er läuft aber kaum jemand.

22.17 Uhr: Ein paar Polizisten sind am Grünen Hügel. Ihre Einschätzung: Alles wie immer, ganz normal.

22.19 Uhr: Die Autos fahren an. Rollen. Bleiben stehen. Fahren an. Rollen. Stehen.

22.22 Uhr: Ein Polizist sagt, früher konnte die Polizei den Verkehr einfacher regeln. Jetzt läuft die Ampel, er greift nur ein, wenn Linksabbieger und Fußgänger Hilfe brauchen.

22.24 Uhr: Die Autos fahren an. Rollen. Bleiben stehen. Fahren an. Rollen. Stehen. Hupen.

22.25 Uhr: Frage an den Polizisten: Machen diese Festspiel-Einsätze Spaß? Er lacht. Ein wenig langweilig sei es manchmal schon. Aber die Ruhe sei ja auch schön. Er ist schon seit Jahren dabei. Er hat erst einen Auffahrunfall erlebt.

22.27 Uhr: „Sehen Sie, jetzt löst sich schon alles auf“, sagt der Polizist. Kein Stau mehr. Er macht Feierabend.

Info: Für den Verkehr am Grünen Hügel ist die Polizei Bayreuth zuständig. Wegen den hohen Zuschauerzahlen und der Straßenführung, sagt Thorsten Roder, Polizeihauptkommissar der Polizeiinspektion Bayreuth-Stadt, komme es nach Aufführungen immer wieder zu Stauungen. „Manchmal kommen alle reibungslos runter, manchmal nicht, das ist jedes Mal anders.“ Größere Probleme gebe es allerdings nur ganz selten. In der Regel hat sich nach zwanzig Minuten der Stau auch schon wieder aufgelöst.

Nicht bewertet

Anzeige

Montag, 13. November 2017 - 11:06