Musik von Verdi und Berg im Festspielhaus

Was es heißt, gleichsam „Luft von einem anderen Planeten zu fühlen“, wurde erlebbar, als Hartmut Haenchen am Montag auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses den Taktstock zu Alban Bergs "Drei Bruchstücke aus der Oper Wozzeck“ für Sopran und Orchester op. 7. hob und die ersten Streicherklänge, unter Umgehung des „mystischen“ Orchestergrabens, ans Ohr der Zuhörer drangen. Unerhörte Musik – zumindest für dieses Haus – war es, die beim Festakt zum 100. Geburtstag von Wieland Wagner auf dem Programm stand. Werke von Alban Berg und Giuseppe Verdi neben Musik von Richard Wagner. Gleichbedeutend, ohne neidvolles Gezänk.

Vierter Akt "Otello"

Unweigerlich musste man an die Zeit vor mehr als zehn Jahren denken, als Nike Wagner vermutlich noch mehr als ein Fünkchen Hoffnung hegte, eines Tages doch noch die Leitung der Festspiele zu übernehmen. Die Opernwelt außerhalb Bayreuths diskutierte damals die Frage, ob denn auch Werke anderer Komponisten im Festspielhaus aufzuführen sind. Nike Wagner hatte die Debatte angestoßen. Innerhalb der Stadtmauern Bayreuths war daran freilich nicht zu denken. Wer hier allein die Frage stellte, erhielt Reaktionen wie „Wissen Sie denn nicht, dass ...“ oder „Das hätten Sie doch nachlesen können“. Gemeint war das Testament von Siegfried und Winifred Wagner sowie die Stiftungsurkunde der Richard-Wagner-Stiftung, wo zu lesen ist, dass das Festspielhaus einzig der festlichen Aufführung der Werke Richard Wagners dienstbar gemacht werden soll.

Jetzt also Verdis „Otello“, zumindest ein großer Ausschnitt aus dem vierten Akt daraus, im Festspielhaus. Wunderbar durchkomponiert übrigens, mit leitmotivischem Gepräge und bestechender Dramatik. Fast wäre man geneigt, die Stelle bei „un baccio“ als Kussmotiv zu titulieren. Vielleicht war Verdi in seinem „Otello“ Wagner näher als es so mancher glauben mag. Die Gegenüberstellung der beiden einstigen komponierenden Kontrahenten erwies sich jedenfalls als äußerst reizvoll.

Die Kriterien für die Programmauswahl waren freilich andere. Es ging darum, die Vielschichtigkeit und Offenheit Wieland Wagners zu dokumentieren. So wurden Ausschnitte aus Opern gewählt, die er selbst inszeniert hatte. „Wozzek“ und „Otello“ hatte der Regisseur in den Jahren 1965 und 1966 in Frankfurt in Szene gesetzt. „Parsifal“ – so viel Treue war dann doch – blieb Bayreuth vorbehalten. In einem Bericht über die Inszenierung von 1951 ist von einem „Donnerschlag für das Musiktheater“ die Rede. „Auf dem Richard-Wagner-Theater war plötzlich wieder Wahrheit hergestellt, Wahrheit im Verhältnis zwischen Musik, Text und Handlung, Wahrheit in den Beziehungen der Bühnenfiguren zueinander. Der singende Mensch wurde freigesetzt.“

Vier Takte von Humperdinck

Bei Vorspiel und Verwandlungsmusik aus dem ersten Aufzug wurden am Montag beim Festakt ganz andere Dinge freigesetzt. Zum einen vier Takte aus der Feder von Engelbert Humperdinck, die zu einer Wiederholung eines Teils der Verwandlungsmusik überleiteten, um die Musik zu verlängern. Dies war bei der Uraufführung 1882 nötig geworden, da der technische Ablauf der Wandeldekoration länger dauerte als die Musik. Man darf annehmen, dass diese besondere Version mit den Zusatztakten Humperdincks am Montag erstmals seit der Uraufführung wieder aufgeführt wurde.

Freigesetzt wurden aber auch Klänge, wie sie beim „Parsifal“-Vorspiel gerade im Festspielhaus üblicherweise nicht zu hören sind. Man hörte die Töne der Querflöte als Töne der Querflöte. Die verschiedenen Instrumentengruppen im Festspielorchester unterschieden sich stärker voneinander als sonst, was zu einem stark aufgefächerten Klangbild mit gewisser Bläserdominanz führte. Erstmals diese Musik im Festspielhaus nicht aus dem „Abgrund“ zu hören, machte klar, was man gerade bei dieser Komposition an dem einzigartigen Orchestergraben hat. Denn auf den Balsam, die Magie der Klangmischung, die hier sonst aufsteigt, musste man am Montag verzichten.

Selbst auferlegte Fesseln gelockert

Das freilich war bei Verdi und Berg überhaupt kein Problem. Hartmut Haenchen, der keinesfalls im Verdacht steht, ein Fundamental-Wagnerianer zu sein, der aber durch seine akribischen Quellenstudien näher zum Original vordringt als viele andere, war gewiss der richtige Dirigent für dieses musikalische Grenzen überwindende Konzert. Mit Claudia Mahnke (Marie), Camilla Nylund (Desdemona), Christa Mayer (Emilia) und Stephen Gould (Otello) standen ihm herausragende Festspielsänger zur Seite, die ihren Teil dazu beitrugen, diesen Festakt unvergesslich zu machen.

Bayreuth hat seine selbst auferlegten Fesseln zumindest für einen Abend ein wenig gelockert. Und Größe gezeigt.

Nicht bewertet

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