Mit Vorlesen Kinderängste überwinden

Geschichten vorlesen: Mögen das ihre jungen Patienten überhaupt?

Bettina Hoffmann: Jedes Kind genießt diese Vorlesezeit. Es gibt kein Kind, das nicht mag, wenn man ihm vorliest. Aber für unsere Kinder in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik ist es teilweise auch anstrengend und ungewohnt, wenn sie das Vorlesen von zuhause nicht kennen. Sie sind es nicht gewohnt, dass sie längere Zeit stillsitzen, zur Ruhe kommen, wenige Einflüsse von außen bekommen und sich auf das Hören und Sehen von Bildern einlassen müssen. Spannend ist es zu sehen, wie auch die lebhaftesten Kinder nach kurzer Zeit zu Ruhe kommen und förmlich ins Buch hineinkriechen. Plötzlich können die gar nicht mehr genug davon kriegen. Wichtig finde ich, eine bestimmte Lesesituation zu schaffen: Wir lesen manchmal draußen, in einer Höhle in Büschen, oder wir räumen im Zimmer die Polster raus und Kissen und Decken rein oder die Kinder nehmen sich ein bestimmtes Kuscheltier mit. So bieten wir ihnen eine heimelige Atmosphäre. Das ist anders als in der Schule. Und es sind nie mehr als fünf Kinder in einer Lesegruppe, dann können sie über die Schultern des Vorlesers auf die Bilder schauen.

Ist es nicht so, dass Kinder heutzutage von zuhause her mehr Internet- und Ballerspiele kennen als Bücher?

Hoffmann: Das ist zu pauschal. Unsere Kinder hier sind ganz vielfältig, auch wenn sie mit Problemen behaftet sind oder in problematischen Situationen leben. Wir haben Familien mit unterschiedlichstem Bildungshintergrund. Bei den einen wird gelesen, bei den anderen nicht. Entscheidend ist, ob die Eltern Bezug zum Lesen haben und sich die Zeit dafür nehmen.

Früher hat man Pippi Langstrumpf oder Fünf Freunde gelesen. Was ist heute angesagt?

Hoffmann (lacht). Pippi Langstrumpf immer noch, ich habe es hier liegen. Es gibt eine ziemliche Bandbreite bei der Kinderlektüre. Als Germanistin liegen mir die Kinderbuchklassiker am Herzen, die Geschichten sind zeitlos. Von den Kindern kam jetzt der Wunsch, mal Märchen zu lesen. Wir schauen  auch Comicbücher wie 101 Dalmatiner an. Kinder im Grundschulalter mögen zum Beispiel den kleinen Drachen Kokosnuss, der Mutproben bestehen muss. Eine Situation, in der sich auch viele unsere Kinder fühlen. Alle haben gern was zum Lachen wie beim Sams von Paul Maar, und Ältere lieben Gespenstergeschichten. Sie mögen es spannend – und wenn die Geschichte eine Lösung hat.

Was wollen Sie mit dem Vorlesen erreichen?

Hoffmann: Bei unseren Kindern speziell wird die Konzentrationsfähigkeit geübt. Die Kinder lernen, dass es Probleme gibt, die man aber lösen kann. Sie können sich reinfühlen in einen kleinen Drachen, der Angst hat, sie aber überwinden kann. Und sie lernen Gemeinschaft. Man einigt sich auf eine Geschichte und hört sie zusammen. Ich will natürlich auch hinführen zur Literatur. Vorlesen ist die Voraussetzung dafür, dass Kinder überhaupt Bücher in die Hand nehmen und später selber lesen. Der Wortschatz wird erweitert und die Grammatik geschult.

 

Was sind die meisten Auffälligkeiten bei ihren jungen Zuhörern in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?

Hoffmann: Es gibt vielerlei Störungen, die bei uns behandelt werden. Ein häufiges Bild sind Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen und Störungen im Sozialverhalten.

Wer ist Ihr persönlicher Lieblingsautor bei den Kinderbüchern?

Hoffmann: Astrid Lindgren und bei den jüngeren Autoren Cornelia Funke.

Info: Schüler der Krankenpflegeschule des Bezirkskrankenhauses Bayreuth lesen zum Welttag des Buches in der Gerontopsychiatrie und der Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Ebenfalls am Montag, 23. April, findet um 18 Uhr in der Alten Wäscherei des Bezirkskrankenhauses eine öffentliche Lesung des Heimatforschers Adrian Roßner statt. Er liest Sagen aus dem Bayreuther Raum. Der Eintritt ist kostenlos.

 

Was ich vorlese

Die 19-jährige Lena Zug aus Kronach, Schülerin an der Berufsfachschule für Krankenpflege, wird an diesem Montag in der Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie aus „Gregs Tagebuch – Ich war’s nicht“ vorlesen. Den Tipp hat sie von ihrer kleinen Nichte, die die Bücher sehr mag, sagt sie. In der Geschichte geht es um einen kleinen Jungen, der seine Ferien am liebsten nur daheim vor dem Fernseher verbringen würde. Seine Mutter versucht aber mit allen Tricks, ihn davon ab und raus ins Freie zu bringen.

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