Mit 300.000 Mark Startkapital zum Erfolg

Müsste man den Prototyp eines Selfmademanns erschaffen, er könnte Timo Piwonski (42) heißen. Der Chef der beiden Autozuliefererfirmen Iprotex (Münchberg) und Innotect (Crimmitschau/Sachsen) machte sich mit 23 Jahren selbstständig und beschäftigt heute rund 170 Mitarbeiter. Und das kam so. Nach einem „mittelprächtigen Realschulabschluss“ macht Piwonski, ein gebürtiger Kronacher, eine kaufmännische Lehre. Die Textilfirma, bei der er arbeitet,  geht 1998 in Konkurs. „Da machen wir selber was“, sagt Piwonski, macht sich zusammen mit einem Arbeitskollegen selbstständig, gründet 1999 Iprotex in Wallenfels. Die Geschäftsidee: Technische Textilien für die Industrie, vor allem für Autobauer.

Hypothek aufs Elternhaus

Die beiden Jungunternehmer kaufen vier Flechtmaschinen, legen los. „Das war wirklich ein Start-up“, sagt Piwonski heute. „Ich hab‘ 300.000 D-Mark gebraucht.“ Er hatte Glück, die Hausbank machte mit. Allerdings musste das Häuschen der Eltern mit einer Hypothek belegt werden. „Meine Mutter war strikt dagegen.“ Der Vater meinte, „das wird schon werden“. Piwonski: „Das war schon ein Ritt auf der Rasierklinge.“ 6000 Mark Miete mussten sie zahlen, aber auch nur rund 6000 Mark Umsatz machten sie am Anfang im Monat. Von der alten Firma konnten wenige Kunden übernommen werden, ein Großteil der Kunden war völlig neu. Um fünf Uhr morgens standen die beiden Unternehmer an ihren Maschinen, gingen dann in der Firma unter die Dusche und fuhren nachmittags zur Produktpräsentation bei Daimler. Die Maschinen liefen dann „in Geisterschicht“ weiter.

Alles selbst gemacht

Sie gingen Klinkenputzen bei allen möglichen Firmen. Der erste große Kunde war Leoni (Drähte, Kabel, Bordnetze). Kunden gewinnen, Aufträge bearbeiten, Rechnungen schreiben, die Maschinen bedienen – „wir haben alles gemacht“. 2001 zieht die Firma nach Münchberg um. Es geht aufwärts. Den Umsatz, den sie 2001 in D-Mark erzielt, macht sie 2002 in Euro.

Standort in China

Iprotex und die 2002 gegründete Innotect produzieren Geflechtschläuche und Schutzgewebe, die Kabel und Leitungen vor Beschädigungen durch mechanische Einwirkung oder Hitze schützen und auch als Klapperschutz dienen. Rund 75 Prozent des Umsatzes wird mit großen Autozulieferern (Leoni, Conti, Dräxlmaier) oder auch mit den Autobauern direkt gemacht. Zu den Kunden gehören VW, Audi, Porsche, Daimler, Volvo, Peugeot und Renault. Die Zentrale der beiden Firmen ist in Münchberg (80 Beschäftigte). 70 Mitarbeiter gibt es in Crimmitschau, rund 20 in Shanghai, wo für den chinesischen Markt produziert wird und wo Piwonski einen chinesischen Geschäftsführer eingesetzt hat. Auch in Tunesien, wo sich viele große Autozulieferer niedergelassen haben, hat Iprotex eine Mini-Fertigung mit sechs Leuten, die bald auf 15 aufgestockt werden soll. Ähnlich will Piwonski künftig in Mexiko agieren, wo er für 2018 eine kleine Produktion plant. Mehrere Vertriebsniederlassungen im Ausland unterstützen das Geschäft.

Umsatz steigt

Und das Geschäft läuft gut. 18 Millionen Euro Umsatz 2016, 20 Millionen dieses Jahr, rund 22 Millionen sollen es 2018 werden. Das Unternehmen schreibt gute Gewinne. Aber die Geschäfte werden nicht einfacher. „Die Autoindustrie hält ihre Zulieferer auf Trab“, sagt Piwonski. Der Kosten- und Entwicklungsdruck sei enorm.

Lösung fürs Elektroauto

Vor dem Elektroauto ist Piwonski nicht bange. Für seine Produkte sieht er neue Einsatzgebiete, zum Beispiel den Schutz der Batterie vor Hitze und Kälte, damit Lebensdauer oder Ladevolumen nicht leiden. Die neuen Bordnetze mit ihren hohen Spannungen bräuchten einen völlig neuen Leitungsschutz. E-Autos sollen besonders leicht werden, um die Reichweite zu erhöhen. „Textil ist leicht“, sagt Piwonski.  

100 Maschinen

Sieben Textilingenieure und Textiltechniker hat er in seiner Entwicklungsabteilung. Es geht um mechanische Festigkeit, Temperaturbeständigkeit, Flexibilität, Gewicht. Zum Einsatz kommen Kunstfasern, Glasfasern, Aramide, Carbon, Basalt. Die 100 Flechtmaschinen laufen in drei Schichten, nahezu vollautomatisch – mit neun Leuten.

Organisches Wachstum

Die Firma soll in den kommenden Jahren weiter „organisch wachsen“, mit fünf bis zehn Prozent im Jahr. Piwonski selbst möchte sich, wenn es denn geht, wieder etwas mehr seiner Heimat widmen. In den letzten Jahren war er viel unterwegs, in einem Jahr zum Beispiel acht Mal in China. Da bleibt nicht viel Zeit für Privates. Der Unternehmer lebt in Partnerschaft, hat eine Tochter, dreieinhalb, „die Juniorchefin“. Er wohnt in Sparneck nahe Münchberg. Zu Pferden fühlt er sich hingezogen, reitet selber auch mal Dressur. „Pferde strahlen Ruhe aus und verlangen Ruhe“, sagt er. Gerne ist er auch in einem seiner Oldtimer unterwegs. Langsamer, als in modernen Autos. „Entschleunigung, das tut mir gut.“ Und eben die Heimat. Wenn Sie viel unterwegs sind, lernen Sie die Heimat immer mehr schätzen.“ Deshalb will er auch künftig „mehr Heimat einatmen können“.

1 (1 vote)

Anzeige

Kommentar schreiben

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.