Mister Winterdorf tritt ab

Einer seiner größten Erfolge war auch einer seiner größten Fehler: das Winterdorf. Seit 14 Jahren zählt Dieter Reil in jedem Jahr steigende Besucherzahlen, heuer rechnet er erstmals mit deutlich mehr als 120.000 Gästen im Alter von 18 bis 88 Jahren. Dabei hat er klein angefangen, hatte seine Punschhütte und das Nikolaushaus an verschiedenen Stellen im Herbst in der Stadt aufgebaut, bis er 2004 im Ehrenhof ein Zuhause gefunden hatte.

Sein größtes Geschäft, sein größter Fehler

Aus den einzelnen Hütten mit heißem Punsch wurde das Winterdorf, sein größter Fehler. Heute würde er es nicht mehr Winterdorf nennen, sagt er. Aber der Name sei so zur Marke geworden, keine Chance auf einen neuen Namen. Der auch ein Fluch ist. Denn schon wenn er – wie in den letzten 14 Jahren – im Oktober sein Dorf aufbaut, beginnen die Beschimpfungen. Das sei doch kein Winterdorf, viel zu früh, es ist doch noch kein Winter, Betrüger und vieles mehr.

Dieser Tage erreichte ihn an seine private Adresse eine Postkarte. Dort attestiert ihm ein wütender „Bayreuther, der sich schämt“, keinen Anstand zu besitzen, dafür aber eine gehörige Portion „Raffgier“ zu haben. Geschmückt mit dem A-Wort. Und Reil? Schmunzelt über seinen „Fan“. „Wer bekommt schon solche Briefe“, sagt er. Für ihn ein klarer Beweis von Neid.

Fast alle Lieferanten aus der Region

Tatsächlich kann Reil, der seit 1980 selbstständiger Unternehmer ist, viele Erfolge vorweisen. Darunter auch Spenden mit seiner am Dorf aufgebauten „Gute-Zweck-Hütt‘n“ für den Bunten Kreis, den Hospiz-Verein, etliche Vereine, Kirchen und Kindergärten oder auch – wie in diesem Jahr – der Bayreuther Tafel.

„Um die heimische Wirtschaft zu stärken, stammen beinahe alle Lieferanten aus der Region.“ 65 Mitarbeiter pro Saison, 200 Hektoliter Bier, der Glühwein-Verbrauch dürfte um einiges höher liegen. Wie hoch, behält er genauso für sich wie die Höhe des Umsatzes. „Heuer wieder ein Umsatzplus“, sagt er, mehr nicht.

Millioneninvestition hat sich längst gerechnet

Über die Zeit entwickelte sich das Dorf zu einer Werbeplattform für regionale Unternehmen. In Zusammenarbeit mit der Uni Bayreuth läuft folgerichtig eine Forschungsarbeit zum Thema Event-Gastronomie als Marketing-Plattform. „Ist das alles nix?“, fragt er.

Das Dorf, einst eine Investition für mehr als eine Million Euro, ist längst amortisiert. Nicht immer sei die Zeit, in der er die Investition abgezahlt habe, leicht gewesen sagt er. „Dazu gibt es viele Geschichten zu erzählen…“ Aber jetzt: Zur Halbzeit seines Winterdorfes hat er nach seinen Angaben auch die Besucherzahl von vergangenem Jahr übertroffen. Laut einer Untersuchung, die dem Kurier vorliegt, liegt der Einzugsradius bei fast 80 Kilometer um Bayreuth.

Das A-Wort als unschönste Art der Bewunderung

Über die Höhe seiner Gebühren für den Ehrenhof redet er nicht. „Es wurde Stillschweigen vereinbart“, sagt er. Die Standgebühren überweist Reil teilweise an den Freistaat, dem das benachbarte Finanzamt gehört, und an die Stadt. Der frühe Termin, der dritte Donnerstag im Oktober, ist seit Jahren fester Bestandteil des Erfolgsrezepts geworden. Reil genießt die Aufmerksamkeit und den Erfolg – gleichermaßen weiß er aber auch um die große Verantwortung und Verpflichtung gegenüber seiner Mitarbeiter, Gäste und der eigenen Familie.

Die Postkarte mit dem A-Wort ehrt ihn. „Die unschönste Form der Bewunderung.“ Quasi auf dem Höhepunkt tritt Reil als Bürgermeister seines Dorfes ab. Tochter Linda Reil, gelernte Steuerkauffrau, in den Betrieben ihres Vaters aufgewachsen und Ziehsohn Max Vogel, studierter Betriebswirt, seit seinem zwölften Lebensjahr aktiv am Betrieb „Winterdorf“ beteiligt, sollen nächstes Jahr offiziell als Doppelspitze fungieren.

Reil bleibt Aufsichtsrat des Winterdorfes

Die beiden sollen „seine Linie“ fortsetzen, wenn auch mit neuen Akzenten. Heide Vogel, die seit zehn Jahren die Tätigkeit der Geschäftsleitung innehat, soll weiterhin eine tragende Stütze für Gäste und Mitarbeiter bilden. Aber Reil tritt nicht ganz ab. „Mich muss es ja noch ein bisschen geben.“ Er wird unkündbarer Aufsichtsrat in einem Aufsichtsrat mit einem einzigen Aufsichtsrat: er selbst. Und er ist sich sicher, dass er bestimmt noch viele Postkarten mit dem A-Wort bekommen wird.

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Kommentare

Gott sei Dank, wieder einer weniger den die Stadt nur bevorzugt hat.
...... und ich wusste gar nicht das die CZ auch noch zur Region Oberfranken gehört,
hier soll doch maßgeblich der Glühwein herkommen bzw. hergekommen sein.
Schon etwas dreist, solche Behauptungen (ohne jeglichen nachvollziehbaren Beweis) zu veröffentlichen:
durch die Stadt (vermutlich gemeint die ehemaligen und jetzige OB / Stadträte / Verwaltungen) nur bevorzugt...
Inwiefern? Wurde namentlich irgendjemand benachteiligt?
Glühwein "soll" maßgeblich aus CZ herkommen.
Wenn man etwas nicht genau weiß und auch keine Ahnung hat, dann einfach ein Lied von Jan Hegenberg mal für sich selber anwenden.
Kein Mensch wird gezwungen, das Winterdorf zu besuchen. Aber bitte dann auch keine Plattitüden ggü. Herrn Reil, den @nurmitmir wohl nicht einmal persönlich kennt...
Neid, Neid spricht aus dem Text von nurmitmir.
Haben Sie auch was auf die Beine gebracht wo soviel Beachtung und Zuspruch hat?

Man kann über das "Winterdorf" denken, was man will. Zumindest belebt es drei Monate lang in den Abendstunden die Maxstraße im oberen Bereich. Sonst wäre da ab 18.00 Uhr tote Hose!
Mitleid bekommt man umsonst, Neid muß man sich erarbeiten .
Es wird doch niemand glauben, dass die zwei einen einzigen Bleistift kaufen dürfen, ohne das o.k. des Patriarchen zu haben...
:-)