Mission: Fränkische Geschichte

Der Mann interessiert sich für Landschaften. Und freut sich deswegen, dass ihn sein Berufsweg nach Oberfranken, genauer: nach Thurnau führen wird. Martin Ott (48) meint mit „Landschaft“ allerdings nicht so sehr das von Wäldern, Flüssen, Hügeln gebildete Antlitz von Mutter Erde. Er schwärmt von „historischen Landschaften“. Und ist fasziniert von Oberfranken, dieser Vielfalt, diesen Verwerfungen, in denen sich große Umwälzungen auch im kleinen Raum einer Region abzeichnen. Martin Ott ist der neue Professor für den neuen Lehrstuhl für Fränkische Landesgeschichte. Und zwar der „Neue“ nicht nur an der Uni Bayreuth, sondern auch an der Uni Bamberg: Die beiden Universitäten – die Oberfrankenstiftung beteiligt sich mit einer Anschubfinanzierung – haben diesen Lehrstuhl eingerichtet, ziemlich in der Mitte: in Thurnau.

„Wundervolle Erfahrungen“ in Irland gesammelt

Ott arbeitete bei Ferdinand Kramer am Institut für bayerische Geschichte der Ludwig Maximilians-Universität. Dann, Anfang 2015, folgte er dem Ruf nach Irland, an die National University of Ireland in Maynooth, wo er Europäische Geschichte der Frühen Neuzeit lehrte. Eineinhalb Jahre lang lebte er in Irland und sammelte mit Land und Leuten „wundervolle Erfahrungen“. „Die Iren gelten als freundlich“, sagt er. „Und das ist ganz und gar kein Klischee.“ Was ihm imponierte: Er kam nach Irland, als die Weltwirtschaftskrise den ehemaligen „keltischen Tiger“ in einen Bettvorleger verwandelt hatte. Es ging gerade wieder aufwärts, aber Irland war noch schwer getroffen. „Und da spürte man bei den Menschen bei aller Empörung auch Fairness.“

Diese schöne Insel also verlässt Ott, um sich in einem Landstrich niederzulassen, der vermutlich ebenso eigensinnig – oder besser selbstbewusst – wie Irland ist. Er findet Thurnau „wunderschön“, die Geschichte Frankens „absolut faszinierend“ und freut sich sehr auf seine Aufgabe, die nicht nur in der Lehre an der Uni besteht: „Ich habe den Eindruck, dass sich die Menschen hier sehr stark mit ihrer Region identifizieren und sich daher auch stark für ihre Geschichte interessieren.“ Geboren ist er in Starnberg, südlich von München. Gemeinsamkeiten mit Oberfranken kann er als Landeshistoriker mühelos herleiten. „Starnberg war im Mittelalter eng mit dem Geschlecht der Andechs-Meranier verbunden – genauso wie Bayreuth und eine Reihe anderer Städte in dieser Region.“ Und es gibt auch persönliche Verbindungen. Sein Vater stammt aus Klingenberg, sagt Ott, er selber hat sich unter anderem bei der Mitarbeit an den Bänden der „Historischen Stätten Bayerns“ mit Franken vertraut gemacht.

Als Landeshistoriker ist Ott Generalist. Ein Mann des Überblicks, der im Mittelalter der Grafen von Schweinfurt ebenso zu Hause sein muss, wie im Bayreuth der preußischen Zeit unter der Verwaltung des Freiherrn von Hardenberg, ein Wissenschaftler, der sich in der Sozialgeschichte des Fichtelgebirges ebenso umtut wie in der Industriegeschichte der Porzellanstadt Selb. Eines interessiert ihn besonders, sagt er: „Räume“. Er meint damit die Räume als Konstrukt der Herrschaft, ein Raum des politischen Sprachgebrauchs, wie auch Oberfranken einer ist: gebildet zur Zeit Napoleons aus der Markgrafschaft Bayreuth-Ansbach und dem Bistum Bamberg, dazu einer Menge kleinerer Herrschaften, die 1810 an Bayern fielen und zunächst unter dem Namen Obermainkreis zusammengefasst wurden, bevor der Bezirk 1838 den Namen Oberfranken erhielt.

Martin Ott will erst mal gut zuhören

In seiner Dissertation hat sich Ott mit der Wahrnehmung der römischen Geschichte im südlichen Bayern in der frühen Neuzeit beschäftigt – ein wichtiges Thema für die Selbstbeschreibung von Intellektuellen im katholischen Teil des Reiches. In seiner Habilitationsschrift befasste er sich mit dem Salzhandel des späten 17. und 18. Jahrhunderts. Ab August wird er sich mit Oberfranken beschäftigen. Wagner kann dabei sein, man kann keinen Bogen um ihn machen, „aber in der Hauptsache sind da erst mal meine Nachbarn an der Reihe, das hervorragend aufgestellte Forschungsinstitut für Musiktheater“ sagt er. Er will erst mal gut zuhören. „Mir ist schon aufgefallen, dass es hier viele Menschen gibt, die sich sehr gut mit ihrer Geschichte vor Ort auskennen.“ Mit denen, die sich interessieren, will er sich austauschen. Und eine Tugend pflegen, die bis vor einige Jahrzehnten noch nicht unbedingt zur Stellenbeschreibung einer Wissenschaft gehörte, von der man unbedingt Antworten und Bestätigung erwartete. „Wir Historiker müssen erst einmal die richtigen Fragen stellen“, sagt Ott.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06