Missbrauch hinterm Kasernentor

Sei der Präsidentschaft von Harry S. Truman von 1945 bis 1953 soll es nur vier solcher Fälle gegeben haben, in denen ein hoher Militär vor einem Militärgericht mit strafrechtlichen Vorwürfen konfrontiert wird. Darüber berichtet hat zum ersten Mal die „Washington Post“, die sich auf Original-Dokumente beruft, die sie einsehen durfte. Dort stehen zwar keine Namen der Opfer und keine Details der Anklage, trotzdem stellt sich der Fall aus Sicht der Anklage ziemlich deutlich dar.

Im Falle einer Verurteilung droht lebenslängliche Haft

James J. G. (68), ein grauhaariger, drahtiger Mann, ist pensionierter Generalmajor aus Gainesville in Virginia. Er soll, so der Vorwurf, ein Kind über einen Zeitraum von sechs Jahren missbraucht haben, während er in den 1980er Jahren im aktiven Dienst war. Die „Washington Post“ beruft sich bei ihren Angaben auf Armee-Angehörige und Ermittlungsdokumente, die der Post-Reporter Craig Whitlock einsah.

Falls G. schuldig ist, droht ihm laut verschiedenen Zeitungen eine lebenslängliche Haft. Er selbst hat in einem Telefonat mit der Zeitung „USA Today“ seine Verwunderung darüber geäußert, dass er vor Gericht kommt.

Die Armee ermittelt

Nach verschiedenen Zeitungsberichten und einer offiziellen Erklärung der Militärjustiz aus Washington hat es an diesem Freitag eine Anhörung im Militärstützpunkt Fort Meade, Maryland, gegeben. Ziel sei es gewesen, Beweise gegen G. zu überprüfen. Bereits im April hatte die Armee in einer knappen Erklärung angekündigt, dass G. vor Gericht solle, weil es sechs Fälle von Vergewaltigung einer Minderjährigen gebe.

Zu weiteren Details schwieg die Armee, deren Ermittlungsbeamte seitdem Ermittlungen anstellen. Laut Unterlagen, in die der Reporter der „Washington Post“ Einblick hatte, soll der Offizier die Taten zwischen 1983 und 1989 in den Vereinigten Staaten und in Deutschland begangen haben: in Fort Leavenworth, Kansas; Fort Bragg, North Carolina; Woodbridge, Virginia, sowie in Amberg und in den Christensen Barracks in Bindlach.

Vergewaltigung verjährt nicht

Aufgrund dieser Beschreibung liegt die Vermutung nahe, dass es sich um das Kind eines Armee-Angehörigen handelte, weil die Taten auch in anderen Standorten in Amerika stattgefunden haben sollen. Die Identität des Opfers wurde laut „Washington Post“ in den Datensätzen geschwärzt. Das in Bindlach missbrauchte Kind ist heute laut Craig Whitlock 46 Jahre alt – ob es sich um eine Frau oder um einen Mann handelt, diese Information hält der US-Reporter zurück.

Was die Armee-Führung dazu veranlasste, den Fall nach fast 30 Jahren zu untersuchen? Im Militärgesetz gibt es keine Verjährungsfrist für eine Vergewaltigung. In Amerika können auch pensionierte Offiziere noch ihrer Verbrechen während der Armee-Zeit angeklagt werden, auch nachdem sie die Streitkräfte verlassen haben, obwohl es äußerst ungewöhnlich ist.

Verdächtiger will sich der Verhandlung stellen

G. trat 1972 in die Armee als Rüstungs-Offizier ein und setzte sich 2005 zur Ruhe, nachdem er eine leitende Stelle im Pentagon inne gehabt hatte. Sein ziviler Strafverteidiger, Thomas Pavlinic, sagte der „Washington Post“, der General werde sich der Gerichtsverhandlung stellen. Weitere Kommentare lehnte er ab.

G. war nach seiner Zeit im Pentagon Vize-Präsident bei Dyncorp, einem privaten Sicherheits- und Militär-Unternehmen. Außerdem engagierte er sich laut seinem Linkedin-Profil bei Mission Readiness, einer Organisation, in der sich hohe Militärs im Ruhestand um die nationale Sicherheit kümmern, unter anderem, in dem sie Kinder in Schulen „fit machen“, damit sie ihrem Land militärisch dienen können.

„Man hat so etwas ganz selten gehört“

Die „Washington Post“ zitiert eine Professorin von der Southwestern Law School und ehemalige Angehörige des Militärgerichts der Air Force: „Man hat so etwas ganz selten gehört“, sagte Rachel Van Landingham.

Vor allem, weil in jüngster Zeit die Streitkräfte anders mit Generälen und Admirälen umgehen, bei denen sie Fehlverhalten vermuten: Entweder es gebe Disziplinarmaßnahmen im privaten Bereich oder Beendigung der Karriere. Auf jeden Fall aber gebe es „ein Minimum an öffentlichen Erklärungen”, so die Rechts-Expertin.

Der Kongress macht bei Sexualdelikten Druck

Das aber hat sich grundlegend geändert, zitiert die Zeitung Van Landingham weiter. Der Kongress mache Druck auf das Verteidigungsministerium, wenn es um Sexualdelikte in der Armee gehe – auch bei älteren Vergehen.

„Man kann wohl sagen, dass das Bewusstsein von sexuellen Übergriffen geschärft worden ist und die Sensibilität erhöht wurde“, sagte Van Landingham der „Washington Post“. Dies gewährleiste eine ordnungsgemäße Untersuchung. Don Christensen, ehemaliger Chefermittler bei der Air Force sagte zu amerikanischen Medien: „Die Armee verliert niemals den rechtlichen Zugriff auf jemanden, auch wenn er sich zur Ruhe gesetzt hat.“

Kaserne Anfang der 1990er Jahre aufgegeben

Im Februar kündigte beispielsweise die Air Force an, dass sie in einem außergewöhnlichen Schritt den Rang eines Vier-Sterne-Generals im Ruhestand herabsetzen würde. Ihm seien „unangemessene sexuelle Handlungen“ mit einer ihm untergeordneten Soldatin im Dienst vor zehn Jahren nachgewiesen worden. Der General hatte eine Affäre mit einem Unteroffizier und die Frau wahrscheinlich zwischen 2007 und 2009 zu sexuellen Handlungen gezwungen. Er entging nur knapp einem Kriegsgericht.

Craig Whitlock, der Autor der „Washington Post“, der den Fall des ehemaligen Bindlacher Generals ans Licht brachte, ist ein investigativer Reporter. Er ist spezialisiert auf Fragen der nationalen Sicherheit.

Heimatpfleger Berthold Just aus Bindlach sagt, die Amerikaner hätten am 30. Januar 1992 bestätigt, die Christensen-Barracks aufzugeben. Der Verband, zu dem Panzer-Aufklärer gehörten, zog Ende 1990 nach Saudi Arabien und dann Anfang 1991 in den ersten Golfkrieg. Schon am 15. Juni des gleichen Jahres hatte der Gemeinderat erstmals die leere Kaserne besichtigt. Am 20. Juli wurde die Aufstellung eines Bebauungsplans beschlossen. Heute ist auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne bekanntlich das Wohngebiet Bindlacher Berg.

1 (1 vote)

Anzeige

Montag, 13. November 2017 - 11:06