Michel Weiß: Maler der heilen Welt

Er trifft den Nerv der Kulmbacher - damals wie heute. Im großen Umbruch während der Industrialisierung setzt er die Altstadt und ihre Menschen in Szene. Wenn es so etwas gibt wie die gute alte Zeit, dann hat Michel Weiß sie mit seinen Stadtansichten und Landschaftsbildern für immer festgehalten.

Romantische Winkel

Zu den bekannten Werken des Künstlers zählen Momentaufnahmen vom Holzmarkt, von der Penselschmiede, der Spitalkirche und der Oberen Stadt. 1867, vor genau 150 Jahren, ist der berühmte Sohn der Stadt geboren worden. Weiß wuchs im Oberhacken auf und hatte somit die romantischsten Winkel und die schönsten Plätze und Bauwerke immer vor Augen. Was er sah, hat er mit allen Details auf Leinwand gebannt. Die Darstellungen wirken idealisiert und vielleicht sogar ein bisschen pathetisch. Doch die kleine und heile Welt kommt einfach gut an.

Im Jahr 2007 hat die Stadt Kulmbach zu Ehren des Künstlers eine Sonderausstellung organisiert. Aus dem Gesamtwerk, das 190 Gemälde umfasst, waren damals 60 zu sehen, die sich im städtischen Besitz befinden. Zahlreiche Privatleute steuerten Bilder zu der Ausstellung bei. Das Interesse in der Bevölkerung war groß. Und die Popularität des Künstlers scheint bis heute ungebrochen.

Vertraute Plätze

Anlässlich des 150. Geburtstags plant die Stadt nun erneut eine Veranstaltung. Die Planungen laufen. Die Bilder lösen beim Betrachter eine besondere Stimmung aus. Die vertrauten Plätze, die jeder Kulmbacher kennt, hat Weiß auf seine eigene Art interpretiert. Der Blick von der Spitalkirche auf die alte Post ist wohl eines der bekanntesten Motive. Die Momentaufnahme zeigt nicht nur die historischen Gebäude im romantischen Abendlicht. Männer laden schwere Kisten aus den Postkutschen aus. Eine gutbürgerliche Familie zeigt sich im feinen Zwirn auf dem Gehsteig. Der Herr trägt Zylinder, die Dame einen roten Schirm und das Kind richtet den Blick auf einen großen Hund, der sich mitten auf der Straße im Schatten fläzt. Eine Bäuerin stemmt die Arme in die Hüften und beobachtet die Szene vom Bildrand aus.

Wie schon 2007 haben in Kulmbach schon in den 1970er- und 1990er-Jahren Sonderausstellungen zum Werk von Weiß stattgefunden. Jedes mal sind neue, bislang unbekannte Bilder aufgetaucht. Ein Gemälde, das die Penselschmiede zeigt, war einst verschollen. Es tauchte in Amerika wieder auf und kehrte nach Kulmbach zurück.

Brauer- oder Kunstausbildung

Als Weiß 14 Jahre alt war, starb sein Vater. Er musste die Realschule verlassen und einen Beruf lernen. Fast wäre er Brauer geworden, aber dafür war er noch zu jung. Also erfüllte ihm Mutter Margarete seinen größten Wunsch und schickte ihn zur Kunstausbildung nach München. Die Liebe zum alten Kulmbach ist zeitlebens das prägende Motiv des Künstlers geblieben. Es sind Pferdekutschen zu sehen und niemals Autos. Er malte Kirchen, Fachwerkhäuser und Brunnen statt der neuen Industriegebäude, die in seiner Schaffenszeit in Kulmbach entstehen. Konsequent setzte er seine Vorstellung von Idylle um.

Ehrenbürger der Stadt Kulmbach

Weiß wurde am 19. September 1867 im Oberhacken Nummer sechs geboren. Sein Vater war Tuchhändler und Tuchscherermeister. Der Künstler blieb seiner Heimatstadt zeitlebens treu. 1947 erhielt er zu seinem 80. Geburtstag die Ehrenbürgerwürde. Er starb am 13. April 1951 in seinem Elternhaus. Seine Ausbildung als Maler erhielt Michel Weiß in München. Von 1892 an arbeitete er in dem Beruf und ließ sich dazu wieder in Kulmbach nieder. Zu Beginn seiner Karriere machte er sich vor allem mit Porträtmalerei einen Namen. Industrielle und Kulmbacher Persönlichkeiten gehörten zu seinen Auftraggebern. Nach seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg – Weiß hatte sich freiwillig gemeldet – widmete er sich wieder der Kunst. Unter den insgesamt 190 bekannten Werken sind zahlreiche Bilder, die Landschaften in der Region und Stadtansichten von Kulmbach zeigen.

Nicht bewertet

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