Metropolis: Jens Schlichting improvisiert

Herr Schlichting, der Film „Metropolis“ wird dem Expressionismus zugerechnet...
Jens Schlichting: Man könnte das auch als eine Art Science-Fiction bezeichnen, die die gesellschaftlichen Entwicklungen hundert Jahre weiterskaliert. Die Horrorvorstellung einer Zweiklassengesellschaft: die da oben und die da unten, die quasi als Maschinenteile enden.

Davon ist ja vieles eingetreten.
Schlichting: Wenn die Macher des Films die heutige Zeit sehen würden, würden die sich wundern, was sie noch vergessen hatten zu thematisieren. Es ist nicht nur manches eingetreten, sondern es ist vieles schlimmer als es dargestellt wird, wenn man das global betrachtet. Sind Sie beim Improvisieren stets mit den Augen auf der Leinwand?Schlichting: Ja, fast nur. Ich brauche ganz wenig Licht auf den Tasten.

In welchem Stil werden Sie improvisieren?
Schlichting: Ich versuche mich in der Vorbereitung auf gar nichts festzulegen. Ich schaue mir den Film an und will die Bilder, die Dramaturgie und die Spannungsbögen verinnerlichen. Die Musik will ich im Moment entstehen lassen. Aber es passiert dann schon immer, dass die Tonsprache, in die ich reingleite, eine Verwandtschaft mit der Bildsprache hat und das wäre dann Expressionismus. In diese Richtung wird es gehen. Aber ich sage jetzt nicht, dass ich im Stil von Strawinsky spielen werde.

In der Ankündigung heißt es, dass Sie auch Bruchstücke von Chopin bis Wagner einfließen lassen.
Schlichting: Bewusst zitieren tu ich nicht. Es sei denn, es gibt einen konkreten Anlass, wo sich ein Zitieren aufdrängt. Etwa der Hochzeitsmarsch.

Machen Sie sich vorher Notizen, oder bleibt das Notenpult leer?
Schlichting: Ich mache mir keine Notizen. Ich muss den Film gut kennen, die Schnittrhythmen, die Spannungsverläufe, die Knalleffekte. Aber das lege ich mir nicht schriftlich zurecht.

Sie haben aber gewiss feste Muster im Kopf?
Schlichting: Man hat grundsätzlich gewisse Muster im Kopf, aber ich arbeite nicht so sehr mit dieser Pattern-Idee. Das mache ich nicht bewusst, aber unbewusst sind sicher gewisse Muster drin. Ich weiß, wie man gewisse Szenerien und Emotionen musikalisch darstellen kann und wie man Bilder nachzeichnet. Aber es ist nicht so, dass ich mir bewusst sage, ich nehme hier ein Repertoire an Mustern, weil das hier passt. Ich versuche, offen zu bleiben für den Moment. Wenn ich mir im Vorfeld eine Liste anlege, bin ich beim Spiel viel zu sehr damit beschäftigt, ob ich die Dinge, die ich mir vornehme, auch treffe.

Arbeiten Sie leitmotivisch?
Schlichting: Das ist etwas, was ich bewusst versuche – dass ich mich an Einfälle erinnere, die entstehen, wenn eine Person zum ersten Mal auftaucht. Das versuche ich mir zu merken, bis diese Person wieder auftaucht. Es gibt immer Elemente, die sich durchziehen. Leitmotivik ist eine wichtige Gestaltungsidee für Filmmusik.

Aber auch diese Motive legen Sie vorher nicht fest.
Schlichting: Das ist die Grundphilosophie, die ich habe. Das Risiko gehört dazu, das Unvorhersehbare ist das, was den großen Reiz und die Spannung ausmacht, Und darauf lasse ich mich ein. Metropolis

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06