Mega-Baustelle Stadthalle noch im Takt

Als hätten sich Riesen zum Mikado verabredet, so sieht es im Großen Haus aus. Meterhoch ragt ein wirrer Haufen zerspellten und zerbrochenen Holzes auf, Stufen, Bretter, Leisten: Es sind die Stufen und Podestteile, auf denen früher auf den Rängen die Stuhlreihen standen. Die Holzverkleidungen des Hauptraums folgen in naher Zukunft: Bereits im September sollen die Gerüste hochgezogen werden, die nötig sind, um die riesigen Paneele und die Decke abzutragen.

Im Mai starteten die Arbeiten

Die Stadthalle, drei Monate nach Beginn der Arbeiten: Man erkennt sie noch, natürlich, gleichzeitig ist sie einem fremd geworden. Weil jahrzehntelang nichts passiert sei, „sieht es jetzt so aus, wie’s aussieht“, sagte Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe am Beginn des Rundgangs in der Wandelhalle neben dem Vestibül und spricht damit das lange Diskutieren und Taktieren im Rat und in der Stadt an. So lange wurde geredet, geplant und verworfen, bis für das nunmehr arg in die Jahre gekommene Haus die große Lösung unumgänglich geworden sei.

Weite Teile entkernt

Ja, und wie es nunmehr aussieht: Nackte Betondecken, Kabelhaufen, schützende Holzplatten auf dem Boden, Krater in den Wänden dort, wo die Marmorständer für die Bronzebüsten für Ludwig II. und andere illustre Gestalten herausragten. Immer wieder verschluckt der Lärm die Worte der Oberbürgermeisterin: Hämmern und Bohren, krachend fährt ein Brecheisen unter irgendwelche Holzleisten.

 

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Besagte Bronzebüsten sind mittlerweile in einem Raum neben dem Baubüro eingelagert, das sich im Dachgeschoss des Hauses neben der Handwerkskammer befindet. Auch sonst ist einiges in trockenen Tüchern. Auf dem Weg zum attraktiven, multifunktionalen Kulturzentrum mit toller Akustik erhalte man große Unterstützung. So sagt es Merk-Erbe. Auf 55 Millionen Euro sind die Kosten veranschlagt, nur 16 Millionen davon muss die Stadt Bayreuth selber aufbringen.

Erst vor wenigen Tagen holte die Oberbürgermeisterin bei Finanzminister Markus Söder den Bescheid für den ersten Teilbetrag in Höhe von sechs Millionen Euro ab. Bliebe die Stadthalle im Rahmen, wäre sie allerdings eine Ausnahme – so etwas wie ein weißer Rabe unter den Großprojekten. Nicht zuletzt die zu erwartenden Kosten hatten zu Widerstand geführt: Erst als am 8. Mai 2016 ein Bürgerbegehren die Mindestzahl an abgegebenen Stimmen verpasste, hatte das Projekt die letzte Hürde genommen.

Der Balkonsaal wird „gedreht“

Bayreuth soll einen Kulturbau mit Ausstrahlung weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekommen. Das Große Haus erhält ein neues Innenleben, der Balkonsaal wird neu konzipiert, das bereits komplett entkernte Kleine Haus wird abgetragen – und sozusagen auf trockenen Füßen in einer Art Wanne wieder aufgebaut. Schon im Herbst soll der Abbau beginnen. Die Natursteine der äußeren Hülle werden für den Wiederaufbau Stück für Stück nummeriert, mit kleinen Marken, die wie Garderobenmarken aussehen, erklärt Projektsteuerer Stefan Bergmann. Die Steine werden in Polen zwischengelagert. Ins Erdgeschoss des rekonstruierten Trakts kommen Räume für Kultur und Konferenzen.

Garderoben im Dachgeschoss des Kleinen Hauses

Ins Dachgeschoss des Kleinen Hauses werden Garderoben eingebaut. Von ihnen aus kommen die Künstler ebenso leicht ins Große Haus wie in den Balkonsaal, dessen Bühne sich dann am Ostende befinden wird, dort, wo bislang die Eingänge waren. Das bisherige Foyer des Balkonsaals wird ebenso wie das Treppenhaus einer Seitenbühne Platz machen. Das Publikum wird den Balkonsaal künftig von der gegenüberliegenden, der westlichen Seite her erreichen, mit dem bisherigen Konferenzraum neben dem Hauptfoyer als Entree.

Orpheus versinkt nicht im Dunkel

Das Orpheus-Wandgemälde bleibt erhalten, auch wenn es nur noch die Künstler auf dem Weg zur Bühne sehen können. Was sonst noch bleibt: Die Anmutung des Vestibüls und des Foyers bleibt erhalten, sogar der große Lüster soll nach dem Abschluss der Bauarbeiten wieder an seinen angestammten Platz. Allerdings wird die Wandelhalle mit Verbindung zum Geißmarkt hin deutlich aufgehübscht.

Schadstoff-Sanierung bislang reibungslos

Projektsteuerer Bergmann ist zufrieden mit dem Stand der Arbeiten. Auch den Abtransport der Schadstoffe – etwa Asbest in den Dichtungsfäden der Lüftungsschächte an der Wandelhalle – habe man im Griff. Teilweise werden die zu sanierenden Bereiche abgeschottet und die Schadstoffe - dazu gehört zum Beispiel bitumenhaltiger Klebstoff unterm Parkett - bei Unterdruck abgebaut. Hochbauamtschef Stefan Bouillon gibt Entwarnung auch für regelmäßige Stadthallenbesucher: Diese Stoffe entfalteten Gefahr lediglich dann, wenn beim Abbau kleinste Partikel in die Luft gelangten.

Alles im Griff also? Urte Kelm bestätigt: Man liege im Zeitplan, der zwar „sportlich“, aber noch zu bewältigen sei. Noch also steht das späte Jahr 2019 als Termin für die Fertigstellung – „vorausgesetzt, wir stoßen nicht noch auf Überraschungen“.

Die Vorgeschichte

Der Weg zum Umbau der Stadthalle in ein Kulturzentrum für Theater, Konzerte und vieles andere war lang. Nach jahrelangen Diskussionen war ein Wettbewerb zunächst für Wandelhalle, Kleines Haus und den Geißmarkt ausgeschrieben worden. Die Planungen wurden alsbald aber erweitert, vor allem unter dem Eindruck des maroden Zustandes des geseamten Komplexes.

 

 

Ende April 2015 votierte der Stadtrat für die "große Lösung". ein Grundsatzbeschluss, der im November 2015 bestätigt wurde. Ein Volksbegehren scheiterte im Mai 2016.

Ein weiteres Hindernis räumt die Stadt mit einer Zahlung von 100.000 Euro aus dem Weg: Die Erben des Architekten Hans C. Reissinger hatten eine Klage wegen Verletzung des Urheberrechts angedroht. Die Stadt Bayreuth verpflichtete sich zudem, Reissingers Werk in der Stadthalle zu dokumentieren.

Seit Herbst 2016 wurde die Stadthalle ausgeräumt, wiederverwertbares Mobiliar und Teile der Ausstattung wurden eingelagert, vieles auch versteigert.

Im Mai dieses Jahres wiederum starteten die Bauarbeiten. Sie sollen bis Ende 2019 abgeschlossen sein.

 

INFO: Gesucht wird noch immer nach einem neuen Namen für die neue Stadthalle. Die Bayreuther sollen Gelegenheit erhalten, Vorschläge einzureichen.

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Kommentare

Zitat: "Bliebe die Stadthalle im Rahmen, wäre sie allerdings eine Ausnahme – so etwas wie ein weißer Rabe unter den Großprojekten. Nicht zuletzt die zu erwartenden Kosten hatten zu Widerstand geführt: Erst als am 8. Mai 2016 ein Bürgerbegehren die Mindestzahl an abgegebenen Stimmen verpasste, hatte das Projekt die letzte Hürde genommen."

1. Das weiß glaube ich jeder, dass bei so einem Mega-Projekt Schwierigkeiten auftauchen können, mit denen die Planer vorher nicht rechnen konnten. Es weiß ebenfalls jeder, dass die Baufirmen bis zum Stehkragen mit Aufträgen voll sind, was sich - bei öffentlichen und privaten Aufträgen - eher negativ auf die Baupreise auswirkt. Dass bisher finanziell und von den Bauarbeiten alles nach Plan läuft und die Handwerker - davon konnte ich mich in den letzten Wochen überzeugen - richtig Gas geben, ist deshalb erst einmal eine sehr gute Nachricht. Deshalb weiß ich nicht, was das "noch" in der Überschrift soll.

2. Ja, das angestrebte Quorum der Sanierungsgegner wurde nicht erreicht. Was mir aber wichtig ist: Von den abgegebenen Stimmen haben sich in der Stichfrage trotzdem 56 Prozent für die Stadthallensanierung entschieden.

3. Und dies, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststand, welch sensationelle Förderung wir für dieses Großprojekt bekommen. Von den 55 Millionen Euro hat die Stadt "nur" 16 Millionen zu tragen. Hat die OB, auch mit Hilfe von Kulturpfleger Specht, sensationell verhandelt.

4. Es wurden prozentuale Fördersätze bewilligt. Das heißt, dass auch Mehrkosten mit dem bewilligten Fördersatz bezuschusst werden. Ich erwähne dies deshalb, weil es beim Haus Wahnfried nur Zuschuss-Festbeträge und die Stadt dann tatsächlich auf den Mehrkosten einer auf eine "Salamitaktik" ausgerichteten Planung sitzen blieb.

5. Tiefgarage am Geißmarkt: Ganz ehrlich hätte ich es nicht geglaubt, dass ein Investor die Sanierung der maroden Tiefgarage übernimmt. Das erzeugt bei mir immer noch ungläubiges aber sehr erfreutes Staunen. Sonderlob 1.

6. Der Plan sieht vor, dass das große Haus komplett verändert wird, um die Akustik und die Sichtbeziehungen optimal zu gestalten. Daraufhin haben die Erben des damaligen Architekten Hans C. Reissinger eine Klage wegen Verletzung des Urheberrechts angedroht. Auch dies ist dank des Verhandlungsgeschickes der städtischen Verantwortlichen sehr schnell und einigermaßen kostengünstig (man hätte sich nicht ausmalen wollen, welche Auswirkung eine weitere monatelange Verzögerung mit Gerichtsverhandlung(en) auf die Baukosten gehabt hätte. Ein riesiges Sonderlob 2 an die Verwaltung!

7. Wir haben mit dem Architekturbüro Knerer aus Dresden und dem Bühnenplaner Walter Kottke sehr erfahrene Theaterplaner am Werk.

Walter Kottke ist ein international anerkannten Theatertechniker und Bühnenplaner (Theaterplanungen in Moskau, Theater Seoul/Südkorea, Passionstheater Oberammergau, Landestheater Linz, Burgtheater Wien, Bregenz, Würzburg, am Landestheater in Coburg, Volkstheater Wien, Vereinigte Bühnen Wien, Dresden, Stralsund, Innsbruck, Linz, Bern, nochmal Moskau, Staatstheater Hannover, Stadttheater Augsburg, Residenztheater München, Staatstheater Oldenburg).

Nebenbei:

Herr Kottke hat sein Büro in der Steinachstraße 5 in Bayreuth-St. Johannis.

Als Bayreuther ist er nicht nur mit viel Herzblut dabei, sondern er schaut auch auf's Geld und auf eine zügige Umsetzung. Wir können froh sein, dass wir in Bayreuth so ein international renommiertes Büro haben und dass Herr Kottke an der Planung und Sanierung unserer Stadthalle beteiligt ist.

Bisher läuft alles prächtig. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Ich hätte jedenfalls, Herr Weiser, nichts dagegen, wenn die Stadthalle eine Ausnahme – so etwas wie ein weißer Rabe unter den Großprojekten - bliebe.

Stephan Müller