Medien: Mitverantwortung für AfD-Erfolg

Für Kamphausen ist klar: Ein Großteil der Bevölkerung hat sich vergangenen Sonntag für eine „bürgerliche Mitte“ entschieden. Das Ergebnis der AfD mit über 13 Prozent sei für ihn „auf jeden Fall erwartbar“ gewesen. Erstaunlicher für ihn ist, dass Silke Launert eine „beachtliche Stimmenzahl“ erreicht habe.

Wechselwähler statt Loyalität

Denn statt Stammwählern gibt es heute nach Einschätzung des Soziologen eine Vielzahl an Wechselwählern, die je nach Stimmungslage entscheiden. Dahinter sieht er ein allgemeines Phänomen, das er überspitzt mit einem Beispiel illustriert: Während die Oma früher jedes Jahr zur Sommerfrische in den Thüringer Wald gefahren ist und die SPD gewählt hat, sei es heute viel attraktiver, „im Internet nach Restbetten in einem Fünf-Sterne-Bunker irgendwo auf der Welt für 250 Euro für vier Nächte zu suchen“. Die Menschen seien mobiler geworden. Sie legen sich weniger fest. Und versuchen, für so wenig Leistung wie möglich, den meisten Nutzen zu erzielen. Und nach ebendiesen Prinzipien wähle man auch. Ähnliches lasse sich auch bei Kirchen beobachten, die seit Jahren deutlich weniger Mitglieder verzeichnen, nur „da regt sich keiner auf“.

Inhalte sind wichtiger

Gründe, warum die AfD innerhalb von vier Jahren seit der Gründung so stark werden konnte, gibt es laut Kamphausen viele: Die Menschen reden zu wenig über Politik, gerade im familiären Umfeld. In der Schule habe die politische Bildung einen zu geringen Stellenwert. Und – das wiegt für den Soziologen am Schwersten – die Medien verstärken die Unzufriedenheit der Menschen, das „prinzipiell erst einmal gegen alles sein“, indem zu sehr über Skandale und viel zu wenig über Inhalte berichtet wird. Deshalb rät Kamphausen hinsichtlich bevorstehender Wahlen: Mehr auf Inhalte, weniger auf einzelne Personen achten, denn „bei der Wahl des Freundes achtet man ja auch darauf, ob er mit Messer und Gabel essen kann“.

Komplizierte Welt, einfache Lösungen?

Einen weiteren entscheidenden Fehler haben die Medien aus Sicht des Soziologen gemacht: Sie haben sich zu wenig Mühe gegeben, Politik allgemein verständlich zu schildern. Die Welt werde immer komplexer, doch Menschen und Medien machen sich immer weniger Mühe, diese zu begreifen. Da sei es „natürlich einfacher Ressentiments zu wiederholen“. Doch ein „Deutschland den Deutschen“ löse keine Probleme. Genau da steckt das Dilemma: „Politik muss glaubwürdig sein und wie soll sie das sein, wenn der Wähler die Politik nicht verstehen kann“. Deshalb entscheiden sich Wähler für extremere Parteien, die einfache Lösungen für komplexe Probleme versprechen.

Politik: Beruf statt Berufung

Doch so einfach ist das nicht. Denn viele Politiker – gerade junge Juristen – sähen in der Politik mehr einen Beruf als Berufung. So glaubt der Soziologe, dass viele der AfD-Politiker „nicht ernsthaft an Politik interessiert sind“, sondern nur „ein bis zwei Legislaturperioden im Bundestag sitzen“, damit die Rente gesichert ist. Deshalb wird seiner Meinung nach das Phänomen AfD schneller verschwinden, als es gekommen ist.

Nicht bewertet

Anzeige