Medi-Trainer Raoul Korner im Interview

Wie viel Prozent von der Wunschliste des Trainers steckt in der tatsächlichen Besetzung des Medi-Teams?

Raoul Korner: Ich werde natürlich den Teufel tun und sagen, dass ich mit einem Spieler nicht zufrieden wäre. Im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten ist jeder auf seine Art und Weise ein Wunschspieler. Ich glaube, dass wir in unserem Rahmen sehr interessante Spieler für uns gewinnen konnten. Ich bin mit sehr genauen Vorstellungen heran gegangen, was ich auf den einzelnen Positionen haben möchte, und dann muss man sich immer von Details des idealen Szenarios verabschieden. Was wir am ehesten aufgegeben haben, ist zum einen Erfahrung und zum anderen Körpergröße. Das sind zwei Kriterien, die viel Geld kosten und die für mich am ehesten entbehrlich sind. Was wir dagegen nie aufgegeben haben, sind Charakter, Einstellung, Persönlichkeit und Einsatzbereitschaft, Arbeitswille. Bei diesen Tugenden haben wir keine Abstriche gemacht, das war mit ganz wichtig.

Woher wissen Sie, dass jemand solche Eigenschaften hat? Das ist ja nicht so messbar wie Punkte oder Rebounds.

Korner: Das Rekrutieren hat zweierlei Gesichtspunkte. Das eine ist das Sportliche, wo man durch Studium von Statistiken und Spielen und noch einmal Spielen ein relativ klares Bild bekommt. Der zweite und eher noch aufwendigere Aspekt ist das Charakterliche. Da ist man darauf angewiesen, seiner inneren Stimme zu vertrauen, was etwa die Körpersprache eines Spielers anbelangt oder seinen Lebenslauf: Wie konstant war er? Wie sprunghaft hat er seine Teams gewechselt? Gab es Probleme mit Coaches oder Mitspielern? Mithilfe des Internets kann man da schon viel in Erfahrung bringen. Und dann ist natürlich ganz entscheidend die Kontaktaufnahme mit früheren Coaches der Spieler. Ich versuche immer, alle Coaches ans Telefon zu bekommen, die mit einem Spieler zusammengearbeitet haben – zumindest in den letzten zwei, drei Jahren. Und nicht zuletzt ist natürlich der persönliche Kontakt zum Spieler selbst wichtig, um sich ein Bild von seinem Charakter zu machen. Und um ihn darauf vorzubereiten, was ihn in Bayreuth erwartet. Das wird schließlich kein Feriencamp, sondern schon richtig Arbeit. Dafür ist nicht jeder Spieler gemacht, und von da her ist auch nicht jeder für uns geeignet.

Mit wie vielen Spielern haben Sie verhandelt, die Sie gerne gehabt hätten und nicht bekommen haben?

Korner: Oft hat man Spieler zur Wahl, die sich gegenseitig gar nicht so viel nehmen. Der eine hat ein bisschen mehr diese Qualität, der andere ein bisschen mehr jene Qualität. Unterm Strich stellt sich dann aber nur einer davon als erschwinglich heraus, oder man hat bei einem einfach ein besseres Gefühl. Ich habe mir sicherlich Hunderte von Spielern angesehen. Schließlich haben wir ja auch nicht nur Spieler für eine oder zwei Positionen gesucht, sondern für alle fünf Positionen. Also braucht man einen entsprechenden Überblick über den Markt. Ich bin da in der Regel ganz gut aufgestellt. Auf manchen Positionen ist es schneller gegangen, auf anderen hat es länger gedauert.

Ist das wie eine Art Ausscheidungsrennen: Der eine ist dann doch etwas zu teuer, der andere ist dann doch etwas zu jung und so weiter?

Korner: Manchmal ergibt sich auch eine Gelegenheit, bei der man bereit ist, etwas mehr auszugeben als geplant. Dafür muss man dann an anderer Stelle wieder Abstriche machen. Ich bewege mich da in einem sehr strikten Rahmen, und am Ende haben wir eine Punktlandung hingelegt: Wir liegen jetzt genau 1000 Euro unter dem Etat. Ich schaue mal schnell in meine Unterlagen, damit ich eine Zahl nennen kann: Es sind 341 Spieler, die ich mir wirklich näher angesehen habe.

Vermissen Sie einen Spieler aus dem letztjährigen Medi-Kader, denn Sie halten wollten aber nicht konnten?

Korner: Es gab nur zwei Spieler, mit denen ich mich befasst habe, weil sie in gewissen Konstellationen Sinn gemacht hätten. Das eine war Jake Odum, der hat schlicht und ergreifend einen Preis aufgerufen, der für uns nicht machtbar war. Würzburg hat ihm diesen Wunsch erfüllt – daher: Glückwunsch, an ihn zumindest. Über Ken Horton habe ich nachgedacht, aber auch da gingen die finanziellen Vorstellungen auseinander.

"Die Spieler waren verwöhnt"

Man muss auch sagen, dass die Spieler vom letzten Jahr verwöhnt waren. Wir haben versucht, da zu reduzieren, nachdem wir viel ins Umfeld und auch in die Breite investiert haben mit jungen Spielern, mit Athletiktrainer und so weiter. Das muss ja irgendwo herkommen, und letztlich kommt es vom Spieleretat. Der Spieleretat ist also etwas knapper bemessen, ohne dabei aber qualitative Abstriche zu machen – ganz im Gegenteil vielleicht sogar. Ich denke aber, dass das Geld nachhaltig gut investiert ist mit jungen Spielern und einem Trainingskader von 13 Spielern im Vergleich zu den zehn im letzten Jahr. Das sollte uns helfen, die eine oder andere Verletzung so zu kompensieren, dass wir einen ordentlichen Trainingsbetrieb beibehalten können.

Wie gehen Sie an die Planung eines Spieleretats heran? Wird das Geld gleichmäßig auf die fünf Positionen verteilt, oder gibt es Schwerpunkte?

Korner: Traditionell kosten Innenspieler einfach mehr als Außenspieler. Man zahlt für Größe ebenso wie für Erfahrung. Das bestimmt einfach Angebot und Nachfrage: Auf den Guard- und Flügelpositionen gibt es Spieler wie Sand am Meer, und entsprechend sind die günstiger. Richtig gute Spielmacher sind dagegen rar und entsprechend teuer, ebenso wie die Big Man. Da muss man von vorne herein mehr ansetzen.

Manchmal greift man aber auch einfach nach Gelegenheiten, wie sie sich bei uns zum Beispiel mit Nate Linhart ergeben hat. Auch wenn man da sicher einen günstigeren Spieler hätte bekommen können, wollte ich mir die Chance nicht entgehen lassen, einen Spieler mit dieser Qualität, Erfahrung und Persönlichkeit für uns zu gewinnen.

Wie stellen Sie sich dann die Hierarchie im fertigen Kader vor? Soll die eher flach sein oder klar abgestuft?

Korner: Der Star ist das Team, das Kollektiv sollte im Mittelpunkt stehen. Ich vergleiche das gern mit einem Uhrwerk: Da gibt es große Zeiger und große Räder, aber auch kleinere, die nicht weniger wichtig sind. Wenn ich eines der kleinen Räder heraus nehme, dann hilft mir der Stundenzeiger auch nichts mehr. Es gibt unterschiedlich große Rollen in einem Team und auch Spieler, die mehr im Rampenlicht stehen, aber das hat nicht unbedingt mit ihrer Wichtigkeit zu tun. Das versuchen wir in der Mannschaft zu leben und auch den entsprechenden Respekt untereinander jedem zuteil werden zu lassen. Ich will auch keinen Spieler so unter Druck setzen, dass ich sage: Wenn Du gut spielst, gewinnen wir – wenn nicht, dann nicht. Dadurch wären wir auch viel zu leicht auszurechnen. Für mich sind die Spieler zwar nicht gleich, aber doch gleichwertig.

"Giftig" in der Defensive, diszipliniert und strukturiert in der Offensive

Wie würden Sie die Spielweise umschreiben, die man von der neuen Medi-Mannschaft erwarten darf?

Korner: Kurz gesagt: Aggressiv defensiv, also „giftig“ und auch vom Kopf her mit der Bereitschaft, defensiv zu arbeiten und dem Gegner wirklich lästig zu sein. Offensiv sind die Schlüsselworte „diszipliniert“ und „strukturiert“. Zudem möchte ich das Tempo kontrollieren – was nicht heißt, langsam zu spielen. Das ist ein häufiges Missverständnis. Es kann auch heißen, extrem schnell zu spielen. Aber es kommt darauf an, das Temponiveau eines Spiels zu bestimmen. Mal kann es durchaus sinnvoll sein, richtig zu rennen, aber es wird auch Gegner geben, gegen die es sinnvoll ist, das Geschehen möglichst im Halbfeld zu belassen. Genau dazu braucht man wieder Disziplin, Struktur und auch klare Rollenverteilung. Ein guter Wurf für den einen Spieler muss nicht auch ein guter Wurf für einen anderen sein. Auch da steht der Teamgedanke im Vordergrund.

Welche Rolle spielen die jungen Spieler in ihrem Konzept?

Korner: Zwei verschiedene Rollen: Kurzfristig sollen sie den Trainingsbetrieb auf hohem Niveau aufrecht erhalten. Wir müssen sie möglichst schnell dorthin bekommen, dass sie uns in dieser Hinsicht sofort helfen können. Und langfristig geht es darum, diese Spieler für größere Rollen aufzubauen und sie an die Wechselrotation heran zu führen. Alle haben Dreijahresverträge und entsprechend Zeit, sich zu entwickeln. Das schafft auch eine gewisse Kontinuität und nicht zuletzt Identifikation. Mit ausländischen Spielern ist das oft schwierig, aber mit Talenten ist es möglich, sofern man sie selbst entwickelt.

Zweite Mannschaft soll mittelfristig in Pro B

Wir wollen außerdem die zweite Mannschaft stärken und mittelfristig in die Pro B führen, weil das attraktiver ist bei der Rekrutierung weiterer junger Spieler. Wir müssen uns in den nächsten Jahren auch die Wildcards für NBBL und JBBL ersparen. Das ist rausgeschmissenes Geld, das man besser und nachhaltiger anlegen kann. Auch unter diesem Aspekt sind die Verpflichtungen der jungen Spieler zu sehen, obwohl sie uns sicher nicht gleich näher an die Playoffs heran führen. Wenn wir einen Kader hätten zusammenstellen müssen, der kurzfristig maximalen Erfolg bringen soll, würde er anders aussehen.

Wie hat sich die Konkurrenz in der BBL verändert? Wer ist stärker geworden, wer eher schwächer?

Korner: Das ist noch schwer zu sagen, weil die entscheidende Rekrutierungsphase gerade erst beginnt. Wenn man ein Team aus den Playoff-Plätzen drängen kann, dann werden das wohl am ehesten die Frankfurter sein. Da wird ein Neustart nötig sein, und der soll vor allem auf den deutschen Positionen wieder mit jungen Spielern gelingen. Würzburg dagegen ist offenbar irgendwo auf Öl gestoßen, zumindest lässt der Kader darauf schließen. Da muss man allerdings abwarten, wie alles zusammen passt. Ich denke, dass die Erwartungen aufgrund des Budgets sehr hoch sein werden. Ludwigsburg ist sicher wieder vorne dabei, und Bonn wird sich erholen. Da wurde gerade ein Pointguard verpflichtet, den ich auch auf dem Radar hatte und ganz gut kenne.

In Braunschweig muss man erwartungsgemäß etwas kleinere Brötchen backen, aber ansonsten ist alles so konstant geblieben, dass man keine großen negativen Entwicklungen erwarten kann. Bei uns im Mittelfeld wird es spannend. Da ist das Potenzial immer relativ vergleichbar, und es geht mehr darum, wo das Team am besten zusammen passt und sich die beste Chemie entwickelt. Davon hängt es ab, wer besser spielt als man es dem Team eigentlich zutrauen würde.

Wie muss unter diesen Vorzeichen am Ende eine Saisonbilanz aussehen, die Sie als Erfolg bewerten würden?

Korner: Erst mal möchte ich die Rückmeldung von den Fans bekommen: Wir sind gern zu den Spielen gekommen, weil es Spaß gemacht und die Mannschaft immer alles gegeben hat. Zudem möchte ich das Gefühl haben, dass sich das Team über die Saison weiter entwickelt hat und dass vielleicht auch der eine oder andere Spieler den persönlichen Durchbruch geschafft hat. Aber es ist schwierig, das an einem Tabellenplatz festzumachen, solange man die Gegner noch nicht genau kennt. Selbst gut zu spielen, reicht nun mal nicht, wenn die Gegner so gut aufgestellt sind, dass man dagegen nicht ankommt.

Klassenerhalt als Ziel nicht ambitioniert genug

Ich würde es formulieren, wie zuletzt in Braunschweig, und da ist es auch gelungen: Wir wollen uns mit dem Abstiegskampf nicht befassen und dem oberen Strich näher sein als dem unteren. Wenn jemand von den Playoffs als Ziel spricht, dann ist das vom Etat her unrealistisch – aber sportlich nicht unbedingt. In Braunschweig hatten wir weniger Möglichkeiten als jetzt in Bayreuth, und da waren wir ganz knapp dran. Dafür muss eben alles passen. Es gibt viele Teams, die da mit uns in einer Gewichtsklasse kämpfen. Ich wünsche mir, dass am Ende kein Team über uns ist, das mit den gleichen Mitteln kämpft wie wir, oder mit weniger – und dann sollten wir noch das eine oder andere Team hinter uns sein, dass man vor der Saison eher vor uns erwartet hatte. Dann hat man, wie ich es nenne, „überperformt“. Ob man damit dann Achter ist oder Zwölfter, kann man noch nicht sagen.

Andererseits bin ich nicht der Typ, der den Klassenerhalt als Ziel nennt und sich dann feiern lässt, wenn das erreicht wird. Die Erwartungen von Presse oder Fans können gar nicht höher sein als meine eigenen. Deswegen kann ich mit dem Wort „Druck“ im Leistungssport auch gar nicht viel anfangen.

Das Gespräch führte Eberhard Spaeth

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