Medi-Team mit Arbeitssieg gegen Göttingen

Bereits als der Ende Februar aus dem Amt scheidende Geschäftsführer Philipp Galewski („Raoul war und ist für uns die Wunschbesetzung auf dieser Position“) ihm das Mikrofon übergab, wurde der 43-jährige Österreicher bejubelt. „Ihr wisst doch noch gar nicht, was ich zu sagen habe“, erwiderte Korner, der vor anderthalb Jahren aus Braunschweig gekommen war und Bayreuth sofort in die Playoffs führte.

Auch in der Champions League steht das Medi-Team kurz vor dem Einzug ins Achtelfinale, der Verbleib im internationalen Geschäft – als Fünfter oder Sechster würde es im Europe Cup weitergehen – ist nach dem Sieg am Dienstag bei Estudiantes Madrid bereits sicher. Und im Final-Four-Turnier um den Pokal stehen die Bayreuther schließlich auch noch. „Man soll ja am Höhepunkt aufhören. Ich bin froh, dass der Höhepunkt noch nicht erreicht ist, und freue mich auf weitere eineinhalb Jahre der gemeinsamen Reise“, verkündete Korner zunächst, um sich kurze Zeit später zu korrigieren: „Ich war nie gut in Mathematik. Es sind zweieinhalb Jahre.“

Seine Beweggründe für diesen Schritt erklärte er wie folgt: „Ich bleibe gerne immer so lange, wie ich das Gefühl habe, einer Organisation etwas geben und sie entwickeln zu können. Bisher hatte ich immer das Glück, selber wählen zu können. Ich habe hier eine funktionierende Organisation, fantastische Spieler und einen großartigen Staff um mich herum. Da braucht es dann nur noch einen Typ im Anzug, der es nicht vermasselt.“ Bei seinem Amtsantritt sei noch über Pflichtsiege gegen Bayreuth gesprochen worden, jetzt spreche man über Pflichtsiege seines Teams gegen „so starke Gegner wie Göttingen“.

Konnte die seit dem Hinspiel vor gerade einmal drei Wochen spielfreie und ausgeruhte BG damals nur die erste Halbzeit lang mithalten, bot sie diesmal bis zum Ende Paroli. Nach drei schnellen Dreiern von Nate Linhart, Steve Wachalski und Bastian Doreth zu Beginn des Schlussabschnitts zum 68:58 (33.) sowie zwei weiteren erfolgreichen Distanzwürfen Wachalskis und des Medi-Kapitäns zum 74:64 (35.) bahnte sich die Entscheidung zugunsten der Bayreuther an. Erst zu diesem Zeitpunkt zeigten sie nach einem behäbigen Start (9:22, 10.) wieder die gute Ballbewegung wie bei den vorangegangenen Siegen in Frankfurt und Madrid, fanden die freien Leute und trafen dann auch hochprozentig. Hatten die Gastgeber in den ersten drei Vierteln nur vier ihrer 17 Versuche von jenseits der 6,75-Meter-Linie verwandelt, fielen im letzten fünf von neun Versuchen.

Doch die Gäste wollten einfach nicht aufgeben und wurden bei ihrer Aufholjagd von drei Bayreuther Ballverlusten – am Ende standen deren 19 zu Buche – binnen anderthalb Minuten begünstigt. Nutznießer war der Göttinger Topscorer Brion Rush, der im Hinspiel wegen des Todes seines Vaters gefehlt hatte. Mit elf Punkten in Folge (3/3 Dreier) brachte der Shooting Guard, über den jetzt alles lief, seine Mannschaft 2:40 Minuten vor dem Ende wieder bis auf einen Zähler heran (75:76). Die Chance zur Führung vergab er jedoch ebenso wie die zum Ausgleich mit der Schlusssirene.

Fünf Sekunden davor hatte Rush, mit 23 Punkten bester Werfer der Partie, aus gut neun Metern mit dem sechsten erfolgreichen seiner insgesamt 17 Dreierversuche die Hoffnungen der Niedersachsen auf den ersten Sieg nach sieben Niederlagen am Leben gehalten. Beim anschließenden Einwurf unter dem Bayreuther Korb eroberte der zweite herausragende Göttinger, Michael Stockton (20 Punkte, 6 Rebounds, 9 Assists, 4 Steals), den Ball – vergebens, wie sich herausstellen sollte. Wer weiß, wie es ausgegangen wäre, hätten die Gäste ihre guten Chancen in der ersten Halbzeit besser genutzt.

Medi-Center Andreas Seiferth, der sich von seinen Magenproblemen gut erholt zeigte, machte dies und hielt seine Mannschaft mit zwölf seiner 18 Punkte unter dem gegnerischen Korb im Spiel. Ein weiterer Faktor für den knappen Bayreuther Sieg war die diesmal fast perfekte Freiwurfquote (21/22). In Madrid hatte das Medi-Team lediglich fünf seiner 17 Versuche getroffen.

Statistik

Medi Bayreuth

Feldwurfquote: 28/55 (51 Prozent), davon 9/26 Dreier (35 Prozent): Wachalski (3/4), Doreth (3/5), Linhart (2/6), Amaize (1/3); Freiwürfe: 21/22 (95 Prozent); Rebounds: 23 defensiv, 6 offensiv (Marei 4/1, Linhart 3/1, Robinson 4/0); Ballgewinne: 7 (York 2, Marei 2, Seiferth 2); Ballverluste: 19 (Robinson, Linhart, Seiferth, Brooks, York je 3); Assists: 19 (York 5); Effektivität: 96 (Linhart 18, Seiferth 16, Doreth 12, Wachalski 12).

BG Göttingen

LOCKHART (9 Punkte / 19:04 Min. Einsatzzeit / Plus-Minus-Bilanz: - 4); Williams (3 /3:49 / 0), Kramer (10 / 21:04 / - 1), Rush (23 / 30:41 / - 3), STOCKTON (20 / 36:15 / - 3), LOVERIDGE (5 / 22:51 / - 4), KAMP (7 / 17:01 / - 2), Haukohl (9 / 19:41 / - 1), GRÜTTNER BACOUL (2 / 16:47 / 3); Feldwurfquote: 32/66 (48 Prozent), davon 8/27 Dreier (30 Prozent): Rush (6/17), Williams (1/1), Loveridge (1/3); Freiwürfe: 11/16 (69 Prozent); Rebounds: 21 defensiv, 11 offensiv (Stockton 6/0, Kramer 4/2); Ballgewinne: 11 (Stockton 4); Ballverluste: 14 (Rush 4); Assists: 21 (Stockton 9, Rush 6); Effektivität: 95 (Stockton 30, Haukohl 14, Rush 10, Loveridge 10, Kramer 9).

SR: Krause, Bittner, Frischmuth;

Zuschauer: 3104.

Stationen: 6:7 (4.), 8:13 (7.), 9:22 (10.), 13:22 (1. Viertel), 15:27 (12.), 26:29 (17.), 31:37 (19.), 40:37 (Halbzeit), 48:43 (23.), 50:54 (27.), 59:58 (3. Viertel), 68:58 (33.), 76:75 (38.), 86:83 (Ende).

Einzelkritik

JAMES ROBINSON (9 Punkte / 19:04 Min. Einsatzzeit / Plus-Minus-Bilanz: -3): Der Bayreuther Spielmacher war zweiter Sieger im Duell mit dem vielseitigen und wieselflinken Michael Stockton. Agierte anfangs unauffällig, kam am Ende dann doch zu ganz wichtigen Punkten. Vier Rebounds und zwei Assists kamen hinzu.

John Cox (0 / 6:04 / 3): Der Bayreuther Routinier blieb punktlos, kam nur zu einem gut sechsminütigen Kurzeinsatz vor der Pause.

NATE LINHART (18 / 29:02 / 12): Der Taktgeber von Medi Bayreuth übernahm im dritten Viertel und beantwortete die Göttinger Führung (50:54) nahezu im Alleingang mit sieben Punkten in Folge, die er sich mit einem Rebound und einem Ballgewinn selbst erarbeitet hatte. Und auch am Ende der Partie steuerte Linhart die Big Points bei. 18 Zähler und je vier Rebounds und Assists sorgten für den besten Effizienzwert bei Medi (18).

Bastian Doreth (9 / 23:05 / 0): Der Kapitän präsentierte sich gewohnt kampfstark und engagiert, konnte die Wirkungskreise von Stockton allerdings ebenfalls nur bedingt einschränken. Setzte offensiv erfolgreich Nadelstiche von der Dreierlinie. Seine neun Punkte resultierten aus drei Dreiern.

ANDREAS SEIFERTH (18 /24:43 / - 6): Der Centerhüne war vor der Pause die wirksamste Offensiv-Option mit zwölf Punkten (6/7 Zweier). Hinzu kamen viele gute Defensivaktionen, unter anderem ein sehenswerter Block gegen den einwurfbereiten Michael Stockton. Am Ende kam er auf 18 Zähler.

Steve Wachalski (11 / 26:01 / 6): Machte dort weiter, wo er in Madrid aufgehört hatte: Brachte viel Energie von der Bank, suchte die Verantwortung und präsentierte sich treffsicher aus der Distanz (3/4 Dreier).

Robin Amaize (3 / 11:43 / -1): Der Medi-Energizer durchbrach in der zwölften Minute die bis dahin anhaltende Flaute von der Dreierlinie (0/4). Kämpferisch engagiert, setzte aber zuweilen und ohne Erfolg auf die „Brechstange“.

DE’MON BROOKS (4 / 15:54 / -3): Der Power Forward blieb diesmal mit vier Punkten und zwei Rebounds vergleichsweise unauffällig.

GABE YORK (10 / 31:02 / -2): Der Bayreuther Scharfschütze holte sich Selbstvertrauen in der Defensive, als er den anfliegenden Rush spektakulär über Ringniveau blockte (9.). Krönte die Bayreuther Aufholjagd im zweiten Viertel mit dem Freiwurf zum 38:37-Führungswechsel. Kam in der Beschattung des Göttinger Topscorers Brion Rush (23 Punkte) mehrfach einen Schritt zu spät. Blieb diesmal von der Dreierlinie ohne Glück (0/5).

Assem Marei (4 / 13:22 / 9): Stand im internen Centerduell im Schatten des bärenstarken Seiferth, hatte nach der Pause seine besten Aktionen in der Defensive mit zwei wichtigen Ballgewinnen. Verzeichnete im Medi-Team die meisten Rebounds (vier defensiv, einer offensiv).

Stimmen zum Spiel

Raoul Korner (Trainer Bayreuth): Es war eine sehr starke, kompakte Mannschaft, auf die wir heute getroffen sind. Eine sehr gut gecoachte Mannschaft, das habe ich auch nach dem Hinspiel schon gesagt. Rush macht natürlich einen Riesenunterschied in der Truppe. Er ist ein Spieler, der das Kommando übernehmen und aus dem Nichts Punkte zaubern kann. Er war heute sicherlich ein Riesenfaktor. Letztendlich war Göttingen eine Mannschaft, die über weite Strecken den besseren Basketball gezeigt hat. Wir haben nichtsdestotrotz wieder die Qualität gezeigt, die uns schon die ganze Saison über auszeichnet: Wir haben wieder einen Weg gefunden, das Spiel zu gewinnen. Am Ende hätten wir aber fast auch wieder einen Weg gefunden, es zu verlieren. Zum Glück ist es aber gut ausgegangen.

Nate Linhart (Spieler Bayreuth): Göttingen ist eine sehr physische und gut gecoachte Mannschaft. Wir haben ein bisschen gebraucht, um herauszufinden, dass wir so hart spielen müssen wie sie. Am Ende haben wir uns ihrer Intensität angepasst. Es war ein guter Sieg.

Johan Roijakkers (Trainer Göttingen): Ein großes Kompliment an meine Mannschaft. Sie war aggressiv auf allen Positionen, hat sich gegenseitig geholfen und wusste, was zu tun ist. Normal sind die Mannschaften, die unten stehen, auch egoistisch. Wir hatten 21 Assists und nur 14 Turnover. Das war heute gut anzusehen. Wenn man sieht: Lockhart 31 Minuten, Kramer 21, Haukohl 20, Grüttner 17, dann war das eine deutsche Mannschaft, die heute gegen eine Champions-League-Mannschaft gespielt hat. Das war einfach klasse.

Nicht bewertet

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