Massenmörder auf Bayreuth-Urlaub

Die Szene auf der Bühne des Festspielhauses wirkt irgendwie lächerlich. Hitler kommt im feinen Zwirn daher, offenbar gut gelaunt. Vor ihm baut sich Heinz Tietjen auf, der künstlerische Leiter der Festspiele, seine rechte Hand schnellt nach oben, zum Hitlergruß. Hitler selbst hat ihm jedoch schon die Hand hingestreckt. Man verfehlt einander also.

Hitler auf Besuch in Bayreuth. Es ist Festspielzeit, ein Massenmörder ist auf Urlaub. Hitler findet Wagner toll, ganz besonders toll findet er den Anschluss an die Familie Wagner. Die freut sich ebenfalls über den Besuch, ungeachtet der Tatsache, dass der Mann schon Blut an seinen Händen kleben hat.

Die obszöne Nähe

Die Filmchen, die Wolfgang Wagner in Wahnfried und dessen Garten aufgenommen hat, zeigen einen gut gelaunten Diktator, der diesmal nicht monoligisiert, sondern selig lächelnd den Redeschwall von Winifred über sich ergehen lässt. Die Dame des Hauses ist in Kupplerlaune, ihre Tochter Verena schiebt sie zum "Führer".

Die nächsten Szenen des Films zeigen den Backfisch Verena und Adolf Hitler im Halbdunkel unter den Bäumen, beim Spazieren, sie im Sommerkleid, er im eleganten hellen Anzug und Hut. Winifred muss sich tatsächlich Hoffnungen gemacht haben, dem Machthaber eine Frau zugetrieben zu haben. Später sieht man die beiden, Verena und Hitler, auch an festlicher Tafel miteinander plaudern. Hitler war offenbar angetan.

Wieland buckelt

Dann Festspiele, die Auffahrt: Göring ist zu sehen, außerdem Goebbels, die beiden Rivalen, deren Rivalität überhaupt der Grund gewesen sein dürfte, warum der Sozialdemokrat und Opportunist Tietjen in Bayreuth überhaupt schalten und walten durfte.

Man sieht Friedelind. Die findet im Sommer 1936 den Verbrecher Hitler noch ganz toll, nach dem Einmarsch in Polen erst wird sie ihren Sinn wandeln. Zu Tietjen pflegt sie derweil ein ungezwungenes Verhältnis, man schäkert vor der Kamera.

Wo blieb der Kontext?

Und immer ist Wieland dabei. Mal grinsend neben Hitler, mal um Fachgespräch mit Albert Speer, vielleicht ging's ja um Lichtregie. Eine Sequenz zeigt ihn, wie er vor Hitler buckelt. Und Hitler tritt ganz nah heran an ihn, um auf seinem Rücken ein Blatt Papier zu bekritzeln. Der Meisterenkel als Steigbügelhalter - keine Aufnahme dokumentiert die obszöne Nähe der Familie zu Hitler stärker als diese Aufnahmen.

Das bleibt dann auch der Erkenntnisgewinn: Die Beziehung der Familie Wagner zum Diktator war nicht von Pragmatismus allein geprägt, sie war Herzensangelegenheit. Dass der historische Kontext vorher erklärt wird, dafür hätte Marie Luise Maintz als Kuratorin des Symposiums sorgen müssen. Stattdessen hatte man zuvor einer mäßig interessanten Altherrenrunde mit Frauenbeteiligung zugehört. Und so blieben diese Bilder - irgendwie doch eigentlich ganz nette Aufnahmen aus einem Urlaub 1936.

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