Marktredwitz: Klinikum in schwieriger Lage

Auch die Einschätzung der Wirtschaftsprüfer der HD Bayern Audit AG ist bedenklich: Die Liquidität der Gesellschaft sei aufgrund des auch 2016 zu erwartenden Defizits Ende 2016 aufgebraucht. „Die zu erwartende Liquiditätslücke macht eine Neuausrichtung sowie voraussichtlich eine Erhöhung des Gesellschafterdarlehens notwendig. Ohne die Unterstützung durch den Gesellschafter ergeben sich aus der unzureichenden Liquidität somit bestandsgefährdende Risiken.“

Experten wollen Sanierungstarifvertrag

Die Betriebswirte empfehlen mehrere Maßnahmen: Die Einsparung von Personalkosten durch allgemeine Kürzungen (Sanierungstarifvertrag), die Schließung unrentabler oder auch die Eröffnung profitabler Abteilungen. Auch zu Liquiditätsnachschüssen des Gesellschafters wird geraten. Soweit die Betriebswirtschaft. Landrat Karl Döhler hat die Zahlen zusammen mit den Aufsichtsräten des Klinikums, dem unter anderem neun Kreisräte aller Fraktionen angehören, öfter diskutiert.

Landrat will anständige Bezahlung

In Panik verfällt er deshalb nicht und gibt im Gespräch für die nächsten Jahre zwei Garantien ab: „Es wird keine Sanierungstarifverträge geben. Wir sind uns des Werts des Personals bewusst. Gute Arbeit muss entsprechend entlohnt werden.“ Auch sei an eine Schließung des Hauses Selb nicht zu denken. „Ich glaube, das würde auf lange Sicht nichts bringen. Wir müssten am größeren, Marktredwitzer Standort, viele Millionen investieren und hätten ein leer stehendes Krankenhaus. Und das alles wegen vielleicht 200 000 Euro Ersparnis im Jahr.“ Aber nicht nur dies spreche für den Erhalt des Standortes Selb. „Er ist schlicht für den gesamten Landkreis und für die Bürger wichtig.“ Der Kreisrat hat sich dafür ausgesprochen, die Defizite des Klinikums auch weiterhin auszugleichen, „in einem machbaren Maße“. Dass er und die übrigen Kreisräte damit auf der Linie der „großen Politik“ liegen, ist unwahrscheinlich.

Konzentration bei den Kliniken

Immer neue Krankenhausstrukturgesetze scheinen eher auf eine Konzentration der Kliniklandschaft zu zielen. Auch der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen spricht von einer drei- bis vierfachen Klinikdichte im Gegensatz zu Dänemark oder den Niederlanden. Tatsächlich gibt es in Dänemark um die 40 Kliniken und im etwa ebenso bevölkerungsreichen Niedersachsen 170.

Dass das wirtschaftliche Klima für Krankenhäuser schwieriger wird, belegt auch die Entscheidung, ab diesem Jahr keinen Sicherungszuschlag mehr zu gewähren. Dieser wurde bisher zwischen den Krankenkassen und dem Krankenhaus vereinbart. Voraussetzung war, dass zu geringe Fallzahlen das Defizit einiger Abteilungen verursachten, deren Leistungen jedoch zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung notwendig gewesen ist. Der Zuschlag sicherte bisher zum Beispiel die Finanzierung der Geburtshilfe in Marktredwitz (in Selb gibt es seit Jahren keine mehr). Wie der Geschäftsführer des Klinikums, Martin Schmid, sagt, wären um die 800 Geburten im Jahr notwendig, damit die Abteilung schwarze Zahlen schreibt. 2016 kamen hier aber nur 499 Kinder auf die Welt, in früheren Jahren sogar nicht einmal 400.

Hohe Fixkosten

Ab diesem Jahr muss das Klinikum Fichtelgebirge das Defizit alleine schultern. Auch der mit dem neuen Krankenhausstrukturgesetz eingeführte Fixkostendegressionsabschlag (FKDA) bringt das Klinikum in eine „wirtschaftlich sehr herausfordernde Lage“. „Neutrale Experten prognostizieren, dass der FKDA die Betriebsergebnisse der Kliniken weiter belasten wird“, sagt Schmid. Ab heuer werden Mehrleistungen für einige Jahre mit Abschlägen von bis zu 50 Prozent versehen. Die Krankenkassen wollen so Fallzahlen und ihrer Ansicht nach überflüssige Operationen reduzieren.

Landrat Döhler erläutert, dass es aus diesen Gründen für den Aufsichtsrat zum Beispiel eine schwierige Entscheidung sei, ob man eine Chefarzt-Koryphäe stellen solle, die viele Patienten aus der weiten Region mitbringe. „Im Grunde würden wir in so einem Fall erst einmal Verluste machen.“ Allerdings, und das betont Döhler mehrmals, geht es weder den Aufsichtsräten noch der kommunalen Politik allein um wirtschaftliche Kennzahlen. „An erster Stelle stehen die Bedürfnisse unserer Bürger, und die erwarten zurecht ein über die reine Grundversorgung hinausgehendes Angebot.“

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Kommentare

Das gefühlt fünfhundertste Krankenhausstrukturgesetz ist realitätsferne Planwirtschaft von
schon seit Jahrzehnten am Gesundheitssystem herumdiletierenden Sozialingenieuren.