Luther: Ohne Frauen keine Chance gehabt

Warum sparte die Ausstellung die Frau von Martin Luther, Katharina von Bora, aus?

Sabine Krug: Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Denn über sie weiß man sowieso schon so viel. Viele Frauen werden erwähnt durch ihre Flucht aus dem Kloster, aber dann brechen die Aufzeichnungen ab. Vielleicht erfährt man noch, wenn sie heirateten, aber dann verschwinden sie. Manche waren in der Bildung tätig wie Magdalena von Staupitz, die Schwester von Luthers Beichtvater. Sie war evangelisch und leitete eine Schule für Mädchen. Über die meisten anderen Frauen weiß man nichts mehr.

War für Frauen überhaupt eine andere Rolle vorgesehen?

Sabine Krug: Nein, und ihre Erziehung war eine andere als die Jungen. Sie lernten zum Beispiel kein Latein. Frauen erhielten eine basale Bildung, im Prinzip war das Grundschulbildung, Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion und Hauswirtschaft. Viele adelige Mädchen wurden in den Klöstern abgegeben, meist stammten sie aus verarmtem Adel, was übrigens hier in Himmelkron genauso der Fall war. Deshalb passte die Ausstellung auch gut hierher, wo es früher ein Zisterzienserinnenkloster gab. Die erste Äbtissin, Margarete von Döhlau, war evangelisch und auch von ihr haben wir eine Bildtafel.

Von einigen der zwölf vorgestellten Frauen sind weder Bilder noch Aufzeichnungen vorhanden.

Sabine Krug: Berühmtere Leute wie Katharina von Bora wurden gemalt, von ihr gibt es Bildnisse von Lucas Cranach. Den meisten der anderen Frauen wurden keine Gemälde gewidmet. Daher wurde eine Ikonenmalerin für sie beauftragt, die zeigen soll, wie sie vielleicht ausgesehen haben könnten.

Jede historische Frauengestalt hat eine Patin aus der Gegenwart. Ein Dialog zwischen Gestern und Heute?

Sabine Krug: Auch jede Frau, die durch die Ausstellung geht, fühlt sich mit einer anderen verbunden. Ich bin Lehrerin und da schaue ich eher nach den Pädagoginnen. Oder auf die Pfarrfrauen und ihr Schicksal, da sie nach dem Tod als Witwe nicht abgesichert waren. Wir durften ja bis in die siebziger Jahre hinein nicht arbeiten. Wenn du einen Pfarrer geheiratet hast, durftest du nicht berufstätig sein, sondern du musstest dich in der Kirche engagieren. Und teilweise wird das sogar heute noch erwartet.

Was ist das Besondere an den Frauen der Reformationszeit?

Sabine Krug: Wir wollen zeigen, dass Frauen durchaus ein Gewicht hatten, auch wenn sie und ihr Wirken unter den Teppich gekehrt wurden. Die großen Reformatoren sind in Erinnerung, der Kreis um Martin Luther, sie sind präsent, ihre Frauen nicht. Dabei hatten sie eine wichtige Rolle, denn der Glaube lag in den Händen der Frauen, sie haben ihn weitergegeben. Wären alle Frauen dagegen gewesen, hätte Luther keine Chance gehabt. Dass Frauen predigen dürfen, die Frauenordination, kam erst sehr viel später.

Das weibliche Idealbild war doch Ehefrau und Mutter zu sein?

Sabine Krug: Frauen wie Katharina von Bora wirkten ganz praktisch, sie mussten den Haushalt schmeißen, sich um den Garten kümmern und Gäste versorgen. Luther hatte ein sehr konservatives Frauenbild. Die Frau sollte gebären und einfache Arbeiten machen. Der Vater hatte die alleinige Vormundschaft. Luther wollte seiner Frau alles vererben, aber das ging nicht, und so ist sie letztlich verarmt gestorben. Aber hatten wir dieses altmodische Bild nicht bis ins vorige Jahrhundert? Auch meine Mutter ist morgens aufgestanden, um meinem Vater das Frühstücksbrot zu schmieren.

Heute sind wir da ja zum Glück weiter. Sind Sie mit den Reaktionen auf die Ausstellung zufrieden?

Sabine Krug: Wir hatten viele Begleitveranstaltungen und einen besonderen Gottesdienst zur Eröffnung mit einem Rollenspiel. Wir hatten ein Katharinen-Bier mit Etikett und Bierfilz von Matthias Ose. Dann hatten wir ein "Essen mit Katharina" organisiert, bei dem eine Schauspielerin über ihr Leben mit Gott und Luther reflektierte. Alle haben ganz toll mit geholfen. Jede Zeit hat ihre Herausforderungen, der sie sich stellen muss. Das Leben damals im Mittelalter war mehr Angst besessen. Mir war wichtig, die Reformation in die Gegenwart zu holen. Und das haben wir versucht, bei unserem Gesprächsabend "Frauen der Reformation heute" über Armut und Flucht zu vermitteln.

Info: Der Katalog zu der Wanderausstellung "Frauen der Reformation in der Region" wurde herausgegeben von den Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland (Halle). Kosten: 8 Euro. Telefon: 0345/5484880; Mail: frauen-reformation@ekmd.de.

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Kommentare

"Das Leben damals im Mittelalter war mehr Angst besessen. "
Die Reformation war nicht im Mittelalter, sondern 1517 in der frühen Neuzeit, die 1492 mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus begann.
@Kiepfer: Hoffentlich haben es die Leute 1492 alle mitbekommen, dass nun das Mittelalter endet und ab sofort keiner mehr "Angst besessen" sein muss.
Montag, 13. November 2017 - 11:06