"Luther brachte Freiheit"

Ihre jüngste CD ist dem Reformationsjubiläum gewidmet und heißt „Freiheit“. Als Katholik muss ich nun schon mal fragen: Was hat denn ausgerechnet der obrigkeitstreue Luther mit Freiheit zu tun?

Sarah Kaiser (lacht): Das war der Titel, den ich für die CD gewählt habe, ein schöner Titel, in dem ich gut zusammengefasst sehe, um was es in meinen Liedern geht. Freiheit ist gleichzeitig für mich auch eines der Themen der Reformation. Martin Luther und alle, die damals aktiv waren, haben für eine Freiheit von falschen Zwängen gekämpft, für Freiheit vom Ablasshandel vor allem aber auch von der theologischen Vorstellung, ich müsste mir die Gunst vor Gott erarbeiten.

"Die Wiederentdeckung der Gnade"

Die so genannte Werkfrömmigkeit…

Kaiser: Ja. Die Reformation bedeutete auch die Wiederentdeckung der Gnade. Diese Wiederentdeckung hat das Tor zur Freiheit weit geöffnet. Außerdem hat Luther durch seine Bibelübersetzung auf deutsch und die, seine Thesen und Ideen zum selber Lesen und selber Denken angeregt. Das Volk konnte plötzlich die Bibel selbst lesen, Glaubensinhalte selbst prüfen. Vorher gab es dieses vorherrschende Modell: Die Menschen kommen in die Kirche, und die Geistlichen vorne rocken die Show auf Lateinisch, ohne dass die Menschen genau wüssten, was da passiert. Zum Beispiel durch Luthers Bibelübersetzung konnten Menschen selber glauben und sich eigene Gedanken machen. Luther schrieb außerdem Glaubenslieder auf Deutsch und brachte den Menschen dadurch auch den Glauben näher. Sie konnten biblische Texte und Wahrheiten selbst singen. Luther brachte auch die Freiheit, Tradition in Frage zu stellen und damit auch aus gewissen Formen des Glaubens auszutreten, so wie ja auch er selbst und seine spätere Frau Katharina von Bora aus dem Kloster ausgetreten sind.

"Freiheit" verbindet Sarah Kaiser auch mit ihrem Glauben. Quelle: Youtube

"Jazz, Soul und mehr"

Ist das heute noch so, bei den Katholiken der Zwang, bei Luther die Freiheit eines Christenmenschen?

Kaiser: Nein, das kann man so nicht pauschalisieren. Man soll auch das eine nicht gegen das andere ausspielen. Es hat was damit zu tun, ob Menschen ihre Entscheidungen in der Freiheit fällen. Es gibt auch heute noch Menschen, die sich entschließen, ins Kloster zu gehen. Aber entscheidend ist, ob sie diesen Schritt aus eigener Initiative wählen, in Freiheit oder eben nicht. 

Kommen wir zu Ihrer Entscheidung: Die Kollegen der Popmusik singen meist lieber über Sex, Drogen, Knarren.

Kaiser: Na ja, in der Popmusik gibt es sehr viele verschiedene Themen; im Hiphop oder ein paar anderen Popstilistiken kann es dabei schon mal so zugehen, stimmt. Aber nicht immer, und ich mache ja genau gesagt auch nicht unbedingt Popmusik; ich nenne meinen Stil "Jazz, Soul und Mehr". 

Was bringt Sie dann zu geistlichen Inhalten, Bibel und Gott? 

Kaiser: Das hat bei mir zum einen damit zu tun, dass ich selber überzeugte Christin bin und davon auch gerne singe. Ich singe gerne von dieser Gottesbeziehung. Das ist aber übrigens nicht das einzige, von dem ich singe. Ich habe auch schon Jazz-Alben mit anderen Inhalte rausgebracht. Aber zur Zeit ist das Thema Reformation aktuell. Und ich habe beschlossen, mich damit zu beschäftigen, weil ich schon eine Tradition mit alten Kirchenliedern habe. Damit übrigens habe ich nicht in der Kirche begonnen, sondern im Jazz-Chor der Musikhochschule. Da habe ich Paul Gerhardt  (Kirchenlieddichter, 1607 bis 1676, Anm. der Red) kennengelernt, mit der Poesie seiner Lieder und der Magie, die entsteht, wenn ich diese Texte mit meiner Musik kombiniere. „Freiheit“ ist eine Weiterführung davon. Aber ich muss schon sagen, das mit Sex und Drogen ist schon ein bisschen arg klischeehaft.

"Ich bin jemand, der verbindet"

Zugegeben, mir ging es nur um den Kontrast.  

Kaiser: Das wird in Deutschland schon sehr sauber getrennt. Diese Trennung zwischen geistlichen und anderen Themen, die gibt es in anderen Ländern nicht so klar. Und schon gar nicht wird es gegeneinander ausgespielt.  In den USA, in denen ich lange gelebt habe, ist das ganz anders, da wird musikalisch-inhaltlich nicht so in Schubladen gedacht. Ich mache die Musik, die ich mache, und es ist genau die Musik, die mich interessiert. Und ich freue ich mich, wenn das auch andere Menschen interessiert. Jazz ist in der Kirche nicht häufig, geistliche Musik wiederum nicht im Jazz. Insofern bin ich auch jemand, der verbindet und Brücken schlägt. 

Die Kirchen verlieren stetig an Mitgliedern. Können Sie Terrain gutmachen?

Kaiser: Ich glaube, dass ich Menschen helfen kann, einen Zugang zu solchen Themen zu finden, weil Musik immer Türen öffnet, weil sie sehr unmittelbar und sehr emotional ist. Sie ist eine Sprache in sich, die Brücken schlagen kann. Ich erlebe das immer wieder, dass Menschen, die sonst nicht so oft in der Kirche sind und diese Lieder vielleicht nicht singen würden, durch meine Art zu singen und  durch unsere Musik plötzlich zuhören. Das finde ich spannend. 

Konzert und Gebet

Wie  Augustinus sagt: Wer singt, betet doppelt. Wenn Sie am 25. Juni in Bayreuth sind - ist das für Sie eher ein Konzert oder eher ein Gebet?

Kaiser: Es ist beides. Je nach Lied, Schwerpunkt und Text habe ich eine Verbindung zu Gott, gleichzeitig aber singe ich für ein Publikum. Für mich ist das somit beides.

In den USA dürften Sie sich darauf verlassen, dass die Leute mitsingen. Und in Deutschland, wie ist es da?

Kaiser (lacht): Die Menschen würden in den USA schneller mitsingen, ganz sicher, auch in afrikanischen Ländern oder sogar schon Südeuropa. Aber ich bringe das Auditorium auch hierzulande zum Mitsingen. Zumindest versuche ich das. Und das schaffe ich auch meistens. 

INFO: Sarah Kaiser ist am Sonntag, 25. Juni, in Bayreuth zu erleben, mit ihrer Band spielt sie in der Stadtkirche (19 Uhr).Das Konzert gehört zur Reihe „Kultur für die Seele“, es lädt ein die Seelsorgestiftung Oberfranken.

Nicht bewertet

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